Wir sind alle Spätzünder

Menschen sind weder nach dem Sandkasten noch mit der Pubertät vollständig entwickelt. Neue Daten zeigen: Auch in hohem Alter kann sich der Charakter stark verändern.

Es ist nie zu spät: Auch wer älter ist, kann sich noch ändern. Foto: Sinan Domnez (iStock)

Es ist nie zu spät: Auch wer älter ist, kann sich noch ändern. Foto: Sinan Domnez (iStock)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit dem Ende der Pubertät, so eine weit verbreitete Ansicht, ist die Persönlichkeit eines Menschen weitgehend fertig. Manche glauben sogar, dass bereits mit dem Kleinkindalter das Wesentliche gelaufen ist: Wer im Sandkasten den Ton angegeben hat, der wird das wohl auch später im Büro tun. Und legen nicht ohne­hin die Gene fest, ob man schüchtern oder mutig sein wird, ordentlich oder schlampig?

Ganz und gar nicht, widerspricht jetzt ein deutsch-amerikanisches Autorenteam in der Fachzeitschrift «Journal of Personality and Social Psychology». Es behauptet, dass sich Menschen selbst im hohen Alter noch stark verändern. Jule Specht von der Freien Universität Berlin sagt: «Unsere Studie widerlegt die unter Psychologen vorherrschende Ansicht, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stärker stabilisiert.»

Die fünf Dimensionen der Persönlichkeit

Die von Sigmund Freud inspirierte Vermutung, wonach die Erfahrungen der allerersten Jahre das ganze Leben überschatten müssen, gilt ohnehin seit langem als überholt, es sei denn, das Kind hat tatsächlich Gewalt und Missbrauch erlebt. Das haben Psychologen belegt, die mit dem Instrument der sogenannten Big Five – den Hauptfaktoren der Persönlichkeit – die Entwicklung von Alterskohorten empirisch verfolgt haben. Mit detaillierten Fragebögen lässt sich nämlich einigermassen objektiv die Persönlichkeit danach erfassen, was für einen Punktwert ein Mensch in den fünf Persönlichkeitsdimensionen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit erzielt.

Solche Studien zeigten, dass Menschen sich noch mindestens bis ins junge Erwachsenenalter verändern. Noch weiter gingen Wissenschaftler wie die US-Psychologen Brent Roberts und Wendy DelVecchio, die im Jahr 2000 in einer Metaanalyse von 162 Studien zeigen konnten, dass sich die Persönlichkeit erst mit 50 endgültig stabilisiert. Zu dieser These gab es auch Widerspruch, einig waren sich aber alle Forscher, dass die Veränderungen mit dem Alter beständig kleiner werden.

Analysiert wurden Daten von mehr als 23'000 Menschen

Genau dem widerspricht nun Psychologin Specht, die mit Maike Luhmann von der Universität Köln und Christian Geiser von der Utah State University zusammengearbeitet hat. «Es gab bislang bloss zu wenige Studien, die bis ins hohe Alter reichen», so Specht. «Wenn man auch diese Gruppe betrachtet, stellt man fest, dass die Veränderungen sogar wieder grösser werden – das ist die Neuigkeit.»

Die Psychologen berufen sich auf die Analyse von zwei grossen Datensätzen – dem deutschen sozioökonomischen ­Panel und einer vergleichbaren australischen Erhebung. Insgesamt wurden so die Daten von mehr als 23'000 Menschen über einen Zeitraum von vier Jahren analysiert. Dabei unterschieden die Forscher nur drei grundlegende Persönlichkeitstypen: nämlich sogenannte unter­kontrollierte, überkontrollierte und resiliente Menschen. Jede dieser Gruppen hat ein bestimmtes, abgrenzbares Big-Five-Profil.

Es zeigte sich, dass sich im jungen Erwachsenen­alter unter 30 Jahren vor allem die unterkontrollierten Persönlichkeitstypen ändern, die als wenig verträglich und gewissenhaft gelten. «Etwa 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland haben eine unterkontrollierte Persönlichkeit», sagt Specht. «Ab einem Alter von etwa 30 Jahren reifen aber viele dieser jungen Rebellen zu resi­lienten Persönlichkeiten heran.» Diese seien leistungsfähiger, hätten ein höheres Selbstwertgefühl und seien ganz allgemein psychisch stabiler. Dann zählten nur noch etwa 20 Prozent der Studienteilnehmer zu den Unterkont­rollierten, etwa 50 Prozent aber zu den Resi­lienten. Eine starke Verschiebung.

Ein typisches Reifungsmuster fehlt

Ausgerechnet in der mittleren Le­bens­phase, in der angeblich die Midlife-Crisis zuschlägt, konnten die Wissenschaftler hingegen nur wenig Bewegung ausmachen: «Da ist die Persönlichkeit besonders stabil», sagt Specht. «Das schliesst aber nicht aus, dass Menschen ihr Verhalten ändern und zum Beispiel noch mal eine neue Familie gründen.»

Die wirkliche Überraschung war, dass sich auch bei bis zu 25 Prozent der Älteren über 70 Jahren der Persönlichkeitstypus noch mal stark änderte. «Anders als bei den jungen Erwachsenen folgen die Persönlichkeitsveränderungen bei den Senioren jedoch keinem typischen Reifungsmuster», erläutert Specht – manche wechseln zum resilienten Persönlichkeitstyp, andere zum über- oder unterkontrollierten. Über die Gründe dafür könne man nur spekulieren. «Gesund­heit, Grosselternschaft und Renteneintritt scheinen nur eine geringe Rolle zu spielen», sagt Specht. «Vielleicht ist der Abstand zum Tod ein wichtiger Faktor.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2014, 20:01 Uhr

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light- Abo.

Den Berner Oberländer digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Mit Vitamin D Leistung und Ausdauer fördern

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...