Zunehmender Stress und Burn-out erhöhen das IV-Risiko

Die Uni St.Gallen hat mit einer Studie untersucht, ob sich die Zahl neuer IV-Renten stabilisieren wird. Das Resultat ist widersprüchlich.

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Claude Chatelain

Man könnte meinen, das Risiko, aufgrund einer Krankheit invalide zu werden, habe sich in zehn Jahren halbiert. Dies suggeriert die Statistik (siehe rote Grafik). Dem ist nicht so. Richtig ist vielmehr, dass sich nur die Zahl der jährlich neu gesprochenen IV-Renten in zehn Jahren halbiert hat.

Wenn man früher für ein Leiden eine Rente bekam, bekommt man heute für das genau gleiche Leiden unter Umständen keine Rente mehr. Damit ist die Gesellschaft kaum gesünder geworden. Insbesondere Leute mit unklaren Beschwerden, Schmerzstörungen oder Schleudertraumata können heute im Unterschied zu früher kaum mehr mit einer IV-Rente rechnen.

2003 wurden nahezu 25000 neue IV-Renten gesprochen. Seit 2006 stabilisierten sich die Bezüge neuer Renten bei rund 13000 pro Jahr. Die Rede ist hier ausschliesslich von krankheitsbedingten Erwerbsunfähigkeiten. «Nicht der Bundesrat oder das Parlament haben die Wende herbeigeführt, sondern fünf Bundesrichter am Versicherungsgericht in Luzern», erklärte gestern Ueli Kieser, der an der Uni Bern Sozialversicherungsrecht lehrt.

422 Fachkräfte befragt

Ueli Kieser sagte dies bei der Präsentation einer Invaliditätsstudie der PKRück in Zusammenarbeit mit der Universität St.Gallen. Die PKRück ist eine auf Pensionskassen spezialisierte Versicherungsgesellschaft. Mit der Studie will sie in Erfahrung bringen, wie es mit der Invalidisierung in der Schweiz weitergeht. Sie befragte dazu 422 Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis.

75 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sich die Entwicklung der krankheitsbedingten Invalidität in den nächsten fünf Jahren stabil oder rückläufig entwickeln wird. Hato Schmeiser, geschäftsführender Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Uni St.Gallen, definierte Kriterien, welche die künftige Entwicklung der IV-Neurenten beeinflussen könnten:

97 Prozent der befragten Fachpersonen gehen davon aus, dass die zunehmenden Stress- und Burn-out-Phänomene das Invaliditätsrisiko erhöhen. Ab Alter 30 verdoppelt sich alle zehn Jahre das Risiko, erwerbsunfähig zu werden. Würde also das Rentenalter erhöht, dürfte sich damit auch das IV-Risiko erhöhen. Der medizinische Fortschritt verspricht neue Behandlungs- und Heilungsmethoden. Doch nur ein Drittel der Befragten rechnet mit einer Reduktion des IV-Risikos aufgrund von neuen Behandlungsmethoden.

Diese und alle anderen, hier nicht aufgeführten Antworten deuten laut Hato Schmeiser «eher auf eine wieder steigende Anzahl von Invaliditätsneurenten hin». Den Pensionskassen kann die Entwicklung der IV-Renten nicht egal sein. Sie zahlen die Zeche, ohne gross mitbestimmen zu können. Sowohl Gesetzgeber wie auch die Richter hätten vorab die erste Säule im Visier.

Mehr psychisch Kranke

«Die berufliche Vorsorge geht in der Rechtssetzung oft vergessen», sagte Ueli Kieser gestern. Die Pensionskassen sind an den Entscheid der IV gebunden. Dabei ist die Rente der zweiten Säule häufig höher als jene der ersten. Gemäss der Studie erhalten Personen mit einem Jahreseinkommen ab 78400 Franken von der Pensionskasse eine höhere Rente als von der IV. Je nach Reglement der Vorsorgeeinrichtung liegt die Grenze höher oder tiefer.

Vielsagend, aber nicht wirklich neu, ist die Tatsache, dass der Anteil der psychisch Erkrankten zunimmt. Mit einer Früherkennung könnten hier Firmen mit ihren Vorsorgeeinrichtungen also Renten sparen. Die Studienautoren empfehlen, «dass die Vorsorgeeinrichtungen die Arbeitgeber bei Präventionsmassnahmen unterstützen».

Berner Zeitung

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