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«Heute lasse ich alles Tierische weg»

Petra Müller leidet an rheumatoider Arthritis. Hier erzählt sie, wie sie dank einer Ernährungsumstellung die chronische Gelenkerkrankung in den Griff bekommen hat.

Das einzige Fast Food, das sie essen kann: Petra Müller, 52, unterwegs mit einem Säckchen Marroni. Foto: Nicole Philipp
Das einzige Fast Food, das sie essen kann: Petra Müller, 52, unterwegs mit einem Säckchen Marroni. Foto: Nicole Philipp

Frau Müller, Sie haben Marroni dabei. Warum?

Marroni sind beinahe das einzige Fast Food, das ich essen kann. Sonst ist immer meine Tupperware mit etwas selbst Gekochtem im Rucksack. Am Mittag koche ich mir etwas im Büro, während sich die anderen meist etwas im Restaurant holen. Das ist aufwendig. Eine chronische Erkrankung ist wie eine Teilzeitarbeit: Man muss immer genau planen.

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie an rheumatoider Arthritis leiden?

Vor zehn Jahren fing es an mit Gelenkschmerzen in den Fingern. Meine Ärztin tippte auf Wechseljahrbeschwerden, das kommt offenbar häufig vor. 2012 wurde es richtig heftig: Die Gelenke entzündeten sich, und ich landete beim Rheumatologen. Der diagnostizierte dann rheumatoide Arthrtitis.

Was kann man dagegen tun?

Es gibt keine Heilung. Mit Medikamenten kann man lediglich die Symptome unterdrücken. Ich vertrug die Medikamente aber schlecht, konnte nicht mehr gut schlafen und hatte trotzdem Schmerzen. In der schlimmsten Zeit konnte ich kaum mehr gehen. Als ich mich nach Alternativen umschaute, entdeckte ich, dass man in den USA schon länger mit antientzündlicher Ernährung arbeitet.

Was heisst das?

Es gibt Lebensmittel, die sich negativ auf Entzündungen auswirken. Zum Beispiel Weizenprodukte oder Zucker. Ich begann, diese zu meiden. Dann machte ich eine Ausschlussdiät nach einem Plan von US-Ärzten. Ich verzichtete auf alle möglichen Entzündungsauslöser und führte minutiös Buch darüber.

Wie hat diese Ausschlussdiät Ihren heutigen Menüplan beeinflusst?

Ich lasse alle tierischen Produkte weg. Auch Gluten konsumiere ich nicht mehr. Selbstverständlich auch keinen Zucker. Und auch keine Nachtschattengewächse – also keine Kartoffeln, Tomaten und Auberginen. Zitrusfrüchte vertrug ich am Anfang nicht, aber jetzt geht es wieder. Ich probiere jeden Sommer erneut, ob Tomaten doch gehen, weil ich sie sehr gerne habe.

Und wie hat sich diese Ernährungsumstellung auf Ihre Krankheit ausgewirkt?

Die Entzündungsmarker sind so weit zurückgegangen, dass meine Blutwerte inzwischen im Normalbereich sind. Mein Rheumatologe sieht auch keinen dringenden Handlungsbedarf. Zurzeit nehme ich keine schulmedizinischen Medikamente.

Da gehen Sie aber ein Risiko ein?

Ich nehme in Kauf, dass ich ab und zu Schmerzen habe. Aber dafür geht es mir sonst gut. Meine Lebensqualität ist gross. Ich kann wieder wandern, seit letztem Sommer sogar wieder ein bisschen klettern. Und ich merke sofort, wenn ich doch einen dieser Entzündungsauslöser esse: Dann habe ich nach ungefähr eine Stunde wieder Schmerzen, die dann 24 Stunden anhalten. Darum ist für mich ganz klar, welche Lebensmittel ich nicht vertrage.

«Solange Ärzte kaum geschult werden, welchen Einfluss Ernährung hat, muss das von uns kommen.»

Petra Müller, Rheumapatientin

Ist es nicht hart, diesen Lebensstil durchzuziehen?

Ich kenne mittlerweile ganz viele Leute, die auch rheumatoide Arthritis haben und die Medikamente nehmen. Diesen Menschen geht es nicht besser als mir, oft sogar eher schlechter.

Eine Heilung gibt es aber auch über die Ernährung nicht?

Stimmt. Aber mit der Ernährung hat man wenigstens die Nebenwirkungen der Medikamente nicht. Nebenwirkungen, gegen die viele Erkrankte auch wieder Medikamente nehmen müssen. Und dazu bin ich nicht bereit.

Schliesst man sich mit einem solch rigorosen Ernährungsstil nicht sozial aus?

Ich habe glücklicherweise einen Mann, der sehr offen ist und alles mitprobiert. Natürlich kann ich nicht einfach mit jemandem ins Restaurant essen gehen. Aber wenn mich jemand zu sich nach Hause einlädt, schlage ich vor, er oder sie könne etwas von meinem Blog kochen.

Sie wurden zur Bloggerin?

Als ich merkte, dass die Ernährungsumstellung einen positiven Effekt auf meine Krankheit hatte, dachte ich mir: Es wäre sinnvoll, diese Erfahrungen zu teilen. Ich lancierte meinen Blog Freakfood.ch, wo ich meine Geschichte erzähle und Rezepte zeige.

Später kam dann Ihr Onlinemagazin «Food Movement» dazu.

Ja, weil ich mich mit vielen Menschen austauschte und merkte, dass viele mit anderen Krankheitsbildern ähnliche Erfahrungen machten wie ich. Da war zum Beispiel eine Kollegin, die sagte: Wenn ich keinen Weizen esse, habe ich weniger Kopfweh. Oder mein Mann: Nach wenigen Wochen entzündungshemmender Kost hatte er kein Asthma mehr. Das beeindruckte uns beide sehr. Auch durch Literatur erfuhr ich: Bei allen chronischen Krankheiten steckt eine Entzündung dahinter. Und Entzündungswerte kann man reduzieren mit der Ernährung. Wobei natürlich auch noch andere Faktoren einen Einfluss haben wie etwa Schlaf und Bewegung.

Und das funktioniert auch tatsächlich?

Ich meine: Wenn ich mit einem kranken Tier zum Tierarzt gehe, sagt der zuerst: Stellen Sie das Futter um. Warum wird das bei Menschen nicht gemacht? Eine Ernährungsumstellung funktioniert bei allen, aber nicht bei allen auf die gleiche Art. Da muss halt jeder selbst herausfinden, was für ihn stimmt. Und es braucht Eigeninitiative und Kraft. Letztlich gehts darum, herauszufinden, wie man mit der Ernährung eine chronische Krankheit so beeinflusst, dass sie gelindert wird oder zumindest stabil bleibt. Denn solange Ärzte während ihrer Ausbildung kaum darin geschult werden, welch grossen Einfluss die Ernährung auf unsere Gesundheit hat, muss das eben von uns Betroffenen kommen.

Petra Müller, 52, ist die Gründerin von Food Movement, einer Non-Profit-Organisation, die sich mit der Heilkraft der Ernährung befasst. Sie hat die Leitung der unabhängigen Organisation abge­geben und lebt in Thun BE.

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