«Kinder surfen mit Sprachbefehlen durchs Netz»

Eine Studie untersucht erstmals den Medienumgang von 4- bis 7-Jährigen. Wie viel Konsum gut ist und warum iPhones nicht zum Kinderhüten taugen, erklärt Projektleiter Gregor Waller.

Spannend, aber nicht so gut wie gemeinsames Spielen und Lesen: Das Smartphone.

Spannend, aber nicht so gut wie gemeinsames Spielen und Lesen: Das Smartphone.

(Bild: Keystone Christof Schuerpf)

Tina Fassbind@tagesanzeiger

Die Adele-Studie der ZHAW untersucht den Medienumgang von 4- bis 7-Jährigen (siehe Box). Wie häufig greifen Kinder dieser Altersgruppe zu digitalen Gadgets? Das lässt sich nicht mit Zahlen belegen, da es keine repräsentativen Studien dazu gibt. Die Mediennutzung von Kindern im Vorschulalter stand bisher nicht im Fokus, zudem sind Familien mit Kindern schwierig für Forschungsprojekte zu gewinnen, weil sie oft unter Zeitnot leiden. Wir haben für unsere Studie 24 Familien zu Hause besucht und individuelle Befragungen durchgeführt, was aufwendig, aber auch sehr aufschlussreich war. Bei der Mediennutzung in dieser Altersklasse zeigen sich neue Tendenzen, die neue Herausforderungen an die Eltern stellen.

Welche Herausforderungen sind das? Kinder können sich zum Teil bereits im Vorschulalter selbst Zugang zum Internet verschaffen und digitale Geräte ohne Hilfe nutzen. Diese Fähigkeiten haben sie sich selbst beigebracht oder abgeschaut. Eine wichtige Rolle kommt dabei den Sprachassistenten digitaler Geräte zu. Die Hürden, ins Internet zu gelangen, werden dadurch kleiner. Bisher musste man dazu noch lesen und schreiben können, heute surfen einige Kinder bereits im Vorschulalter mit Sprachbefehlen durchs Netz. Insbesondere in der Romandie, wo sich gesprochene und geschriebene Sprache nicht unterscheidet, nutzen Kinder diesen Zugang. In der Deutschschweiz ist das noch anders, weil die Geräte Mundart nicht verstehen und kleine Kinder oft noch kein Hochdeutsch sprechen.

Wie kann man unter diesen Umständen noch verhindern, dass Kinder auf problematische Inhalte stossen? Indem man Vorschulkinder nicht mit digitalen Gadgets alleine lässt. Selbst Filme, die von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) für 6-Jährige freigegeben sind, können traumatisierende Szenen enthalten. Es ist krass, wenn Bambis Mutter stirbt. Vorschulkinder können oft noch nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden und brauchen die Eltern, die ihnen beim Einordnen solcher Bilder helfen.

Wie Familien digitale Geräte nutzen (Grafik: ZHAW/zum Vergrössern anklicken)

Wäre ein iPad-Verbot in diesem Alter nicht auch eine Lösung? Es ist in dieser Altersklasse sicher noch eine legitime Option, diese Geräte für eine bestimmte Zeit wegzusperren. In unserer Befragung haben auch alle Eltern angegeben, dass sie den Zugang dazu kontrollieren. Aber früher oder später kommen die Kinder mit diesen Gadgets in Kontakt. Die elterliche Kontrolle hört spätestens dann auf, wenn die Kinder mit Freunden alleine sind. Deshalb ist es wichtig, dass man bereits in dieser Entwicklungsphase damit beginnt, den Kindern Selbstverantwortung im Umgang mit digitalen Geräten und Inhalten zu vermitteln.

Wie können Eltern Kindern in diesem Alter schon Selbstverantwortung im Umgang mit digitalen Gadgets beibringen? Indem sie ihnen erklären, dass es auf diesen Geräten auch Dinge zu sehen und hören gibt, die sie verunsichern oder ängstigen können, dass sie in einem solchen Fall aber jederzeit zu ihnen kommen und mit ihnen darüber reden können. Es verhält sich im Grunde genommen gleich wie mit der Verkehrserziehung: Man führt sie an der Hand und zeigt ihnen, wo die Gefahren liegen. Dann können sie sich sicherer im Strassenverkehr bewegen.

Mit welchen Apps können sie das am besten lernen? Es gibt Websites mit Spielen und Apps, die von Fachpersonen geprüft und für gut befunden wurden. Ein Beispiel dazu ist Bupp.at. Lernapps können sich sogar positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirken und ihnen später im Schulunterricht helfen. Die Auswahl ist gross. Am besten prüfen die Eltern selbst, welche Apps sich für ihre Kinder eignen.

Wie viel Digitales pro Tag ist in dieser Altersklasse eigentlich vertretbar? Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Wichtig ist, dass die Balance zwischen nicht medialen Tätigkeiten wie dem Spiel mit anderen Kindern – zu Hause oder im Freien – und der Zeit vor dem Bildschirm stimmt. Unsere Studie zeigt, dass die Kinder in diesem Alter nicht nur mehr, sondern auch lieber mit Freunden spielen, als am iPad zu sitzen. Kommen Freunde zu Besuch, legen die Kinder der Befragten die Gadgets von sich aus weg. Wenn ein Kind allerdings ständig nach TV und iPad fragt, sind Einschränkungen und Regeln nötig.

Traditionelle Freizeitaktivitäten der befragten Familien (Grafik: ZHAW/zum Vergrössern anklicken)

Ihre Studie kommt auch zum Schluss, dass viele Eltern digitale Medien einsetzen, um ihre Kinder zu beschäftigen, während sie Hausarbeiten erledigen: Was ist heikel daran? Es ist verständlich, wenn Eltern das machen. Die Arbeitsbelastung pro Haushalt ist gestiegen, da ist es schlicht bequemer, die Kinder mit digitalen Medien zu beschäftigen, damit man zu Hause in Ruhe noch rasch ein paar Dinge erledigen kann. Dauerhaft kann das aber keine Option sein. Es hat zum Beispiel zur Folge, dass Kinder heute weniger im Haushalt mithelfen. Besser wäre es, die Kinder beispielsweise beim Kochen miteinzubeziehen – vor allem, wenn sie Interesse daran zeigen. Dieser momentane Mehraufwand zahlt sich langfristig aus.

Sind digitale Gadgets eine Betreuungsalternative für jene, die sich keine Nanny leisten können? In Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status nutzen Kinder häufiger digitale Medien. Meist leisten Vater und Mutter jeweils hohe Arbeitspensen in dieser Einkommensklasse. Wer eine Woche lang auf dem Bau oder im Detailhandel bis spät abends arbeitet, hat weniger Energiereserven für die Kinder. Hier ist die Gesellschaft gefordert. Sie könnte bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit auch Kinder aus benachteiligten Haushalten eine aktivierende Betreuung erhalten und nicht zu Hause alleine vor dem Fernseher sitzen. Die Einführung von Tagesschulen ist daher wohl vor allem ein Schritt in Richtung Chancengleichheit.

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