Hallux: So beugen Sie der abgespreizten Zehe vor

Welche Mittel und Therapien bei der Fussdeformation hilfreich sind – und welche ausser Schmerzen nicht viel bringen.

Verschiedene Hilfsmittel wie Schienen sollen die Entwicklung eines Hallux valgus bremsen. Foto: iStock

Verschiedene Hilfsmittel wie Schienen sollen die Entwicklung eines Hallux valgus bremsen. Foto: iStock

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Elegante Sandalen, Ballerinas oder gar Pumps mit hohen Absätzen – das Angebot an Schuhen ist gross. Doch viele der angesagten Treter sind ziemlich eng geschnitten und kommen für Menschen mit breiten Füssen nicht infrage. Besonders schwierig wird es, wenn man an einem Hallux valgus leidet, was perfiderweise gerade bei Frauen häufiger vorkommt. Ihnen bleibt dann oft nur die Ecke mit den Gesundheitsschuhen.

Häufige Deformation

Der lateinische Begriff Hallux valgus bedeutet: Grosszehe, die sich nach aussen neigt, also Richtung Kleinzehen. Dies beschreibt das Problem der fortschreitenden Fehlstellung bereits ziemlich genau. Wird der Fuss dann in enge Schuhe gezwängt, entstehen Druckstellen am Gelenk zwischen dem Mittelfussknochen und dem Knochen der grossen Zehe. Meist klingen die Beschwerden wieder ab, sobald man die Füsse von den Schuhen befreit. Doch wenn es infolge der fortwährenden Reibung zu einer Entzündung kommt und sich schliesslich auch eine Reizung der Nerven einstellt, können sich die Schmerzen auch nachts bemerkbar machen. Da die grosse Zehe nicht mehr normal belastbar ist, müssen die zentraleren Mittelfussknochen mehr Arbeit leisten, was auch dort oft zu Schmerzen führt. Manchmal bilden sich zudem unschöne und oft schmerzhafte Hammerzehen, weil die Grosszehe ihren kleinen Nachbarn keinen Platz mehr lässt.

«Diese Deformation ist sehr verbreitet», sagt Georg Klammer, Orthopäde am Fussinstitut in Zürich. Wenn er in ein Freibad geht, fallen ihm zuhauf Menschen mit beginnendem Hallux valgus auf. Kein Wunder: Bei den unter 65-Jährigen ist fast jede vierte Person betroffen, bei den älteren sogar jede dritte. Nicht immer würden sich daraus aber behandlungsbedürftige Probleme ergeben, beruhigt der Spezialist. In seiner Gemeinschaftspraxis gehört die Diagnose «Hallux» jedoch zu den häufigsten Fusskrankheiten.

Schuld sind oft die Gene

Die Gründe für die ungünstige Fussentwicklung sind nicht endgültig geklärt. Allgemein wird angenommen, dass einengende Schuhe und hohe Absätze mitverantwortlich sind. Doch wissenschaftlich erwiesen ist das nicht. «Möglicherweise sind die Schuhe gar nicht so stark an der Fehlstellung schuld, sondern vielmehr an den Schmerzen», erklärt Klammer. Dass deutlich mehr Frauen betroffen sind, habe wohl vor allem mit deren weicherem Bindegewebe zu tun. Auch dass das Phänomen bei Naturvölkern, die viel barfuss gehen, weniger auftritt, sei noch kein Beweis für die Schuhthese. Vielleicht seien sie einfach genetisch weniger stark veranlagt dafür. «Denn», so erklärt der Fusschirurg, «verantwortlich sind meist die Gene.» Tatsächlich erinnern sich viele betroffene Frauen an ihre Mütter und Grossmütter, die ebenfalls der Schuh drückte. Ungünstig wirken sich zudem Fehlstellungen der Füsse und Beine aus.

Ein Knicksenkfuss oder ein X-Bein etwa verstärken die Kräfte, die auf die Grosszehe einwirken.

Um Beschwerden zu vermeiden, hält Klammer geeignetes Schuhwerk aber für wichtig. «Im Alltag sollte der Fuss genügend Platz haben.» So profitiere man auch meist von einer Abrollhilfe. Vorteilhaft seien deshalb Schuhe, die sich vorne leicht aufwärtswölbten. Ausnahmsweise, etwa für eine Party, dürfe frau sich aber durchaus auch einmal etwas Elegantes erlauben.

Ein Hallux valgus geht häufig mit weiteren Fussproblemen einher. Bei einem Senkfuss empfiehlt der Facharzt ein Fussbett; allerdings schwächt die Stütze tendenziell die Muskulatur, die den Fuss in einer natürlichen Position hält. Etwas Abwechslung bei den Schuhen kann deshalb nicht schaden.

Vom Polster zum Skalpell

Als Therapie gegen den Hallux valgus werden auch verschiedene orthopädische Hilfsmittel angepriesen: Schaumstoffpolster oder Silikonkeile, die man zwischen den grossen und den zweiten Zeh schiebt, vermindern Druckstellen. Aufhalten können sie die Entwicklung zwar nicht, aber immerhin Symptome lindern. Gemäss Versprechungen im Internet sollen nachts getragene Schienen ein wirksames Heilmittel sein. Sie geben einen Zug auf den Grosszeh und drücken den hervorstehenden Knöchel gleichzeitig zurück. Wissenschaftlich erwiesen sei der Nutzen aber nicht, gibt Klammer zu bedenken. «Bei sämtlichen konservativen Behandlungen ist der Effekt meist klein und nur vorübergehend.» Die Entwicklung könne höchstens verlangsamt werden.

Bei starker Ausprägung wird deshalb meist irgendwann eine Operation zum Thema. Dabei sägen die Chirurgen in der Regel den Mittelfussknochen durch und fixieren ihn mit zwei bis drei Schrauben so, dass er wieder gerade verläuft. Es gibt verschiedene Operationstechniken. «Die Resultate sind gut, aber bis man wieder ganz mobil und schmerzfrei ist, kann es bis zu einem Jahr dauern», sagt Georg Klammer. Die meisten Betroffenen ziehen einen chirurgischen Eingriff deshalb erst bei erheblichem Leidensdruck in Betracht. Allzu lange sollte man aber nicht zuwarten, rät der Arzt. Denn je ausgeprägter die Entwicklung, desto wahrscheinlicher sind Folgeprobleme wie etwa Seitenneigung der kleinen Zehen oder Arthrose im Gelenk beim Grosszeh. Und die Gefahr ist grösser, dass es später zu einer erneuten Fehlentwicklung kommt.

Bewegung und Gymnastik

Vorbeugend für die verschiedenen Fussprobleme oder nach einer Operation können auch Übungen helfen, die man selber zu Hause durchführen kann. «Gymnastik stärkt die Fuss- und Beinmuskulatur und hält beweglich», sagt Nadia Künzli, Physiotherapeutin an der Hirslanden-Klinik im Park in Zürich und Fachhochschuldozentin. Das sei vor allem für Personen wichtig, die oft enge Schuhe oder High Heels tragen oder eine erblich bedingte Veranlagung für Fussprobleme haben. Auch möglichst viel barfuss gehen und unterschiedliche Schuhe tragen wirkten sich positiv auf die Fussgesundheit aus.

Nach einer Hallux-Operation sollte man das Gehen mit korrektem Fussabrollen wieder üben, weiss Künzli. «So vermeidet man Ausweichbewegungen, die zu sekundären Beschwerden führen können, zum Beispiel am Knie.» Bei anhaltenden Problemen rät die Expertin zu einer gezielten Physiotherapie. 

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 10:33 Uhr

Mit diesen Übungen können Sie Fussproblemen vorbeugen

Pinguin


Mit zusammengedrückten Fersen abwechselnd auf die rechten und linken Zehen stehen und gleichzeitig beim Fuss in der Luft die Spitze heraufziehen. Bei Gleichgewichtsschwierigkeiten an einer Wand abstützen. Achtung: Bei fortgeschrittenem Hallux die Fersen nur wenig abheben.

Wiederholungen: 10 bis 15 Mal, dann Pause. Nochmals 10 bis 15 Mal.

Ziel: Stärkung der Muskulatur durch Gleichgewichthalten in instabiler Stellung.


Flamingo


Auf einem Bein stehen, bücken, als ob etwas aufgehoben würde. Wieder aufrichten. Den Oberkörper nach vorne neigen, das Knie am Standbein beugen. Das andere Bein wird nach hinten oben gestreckt. Ferse, Gross-zehen- und Kleinzehenballen gleichmässig belasten.

Wiederholungen: 10 Mal jede Seite, dann Pause. Wiederholung.

Ziel: Stabilisierung des Fusslängsgewölbes und der Bein-achse. Um die Balance zu halten, sind die Fussmuskeln stets aktiv.


Schaukelpferd


Abrollen von den Fersen zu den Zehen und wieder zurück. Fussstellung: hüftgelenkbreit. Die Arme locker hin- und herpendeln lassen. Während sich die Hüftgelenke vorwärts- und zurückschieben, bleibt der Abstand zwischen den Knien gleich.

Wiederholungen: 20 Mal vor- und zurück im Sekundentakt. Nach einer Pause Wiederholung.

Ziel: korrektes Abrollen.

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