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Dieser Rollstuhl kann treppensteigen

Treppen sind eines von vielen Hindernissen, denen Rollstuhlfahrer tagtäglich begegnen. Deshalb hat Bernhard Winter zusammen mit Kollegen einen treppensteigenden Rollstuhl entwickelt. Ein Selbsttest.

Auf der Terrasse der ETH Zürich werden die Handykameras gezückt. Nicht, um die spektakuläre Aussicht auf die Stadt Zürich festzuhalten. Nein, die Linsen sind auf eine Treppe gerichtet, die ein Rollstuhl scheinbar mühelos überwindet.

Für einen Rollstuhlfahrer sind Treppen eines von vielen Hindernissen, die im Alltag auftauchen können. Meist, wenn nicht gerade kräftige Begleitung in der Nähe ist, sind sie ein Indikator dafür, dass es an einer bestimmten Stelle nicht mehr weitergeht und ein alternativer Weg gefunden werden muss. Der Scewo verschiebt diesbezüglich die Grenzen des Möglichen. Statt irgendwie zu versuchen, die Stufen zu umgehen, fährt der Scewo einfach darauf zu.

Nach dem Betätigen von einigen Tasten fahren die eingebauten Raupen aus und positionieren sich zentimetergenau diagonal über die ersten paar Stufen. Mit leichtem Nachvornedrücken eines Hebels setzt sich das Gefährt in Bewegung. Das Gefühl mulmig, die Aussicht grossartig.

Im Kopf spielen sich schon die verschiedensten Szenarien ab, und alle enden schmerzhaft, mit Sturz und Knochenbrüchen – mindestens. Doch als die Raupen über die Stufen gleiten, der Rollstuhl fast schwebend nach unten fährt, ist die Furcht verschwunden. Die Faszination geblieben. Nach wenigen Sekunden ist das meist unüberwindbar Scheinende gemeistert

Ursprünglich hiess der Scewo noch Scalevo und war ein Projekt von zehn Bachelorstudenten der ETH, die Ende 2014 einen treppensteigenden Roboter entwickeln wollten. Doch Initiator Bernhard Winter kam bald einmal die Idee, die Technik nicht mit einem experimentellen Roboter auszuprobieren, sondern etwas zu entwickeln, das auch jemandem etwas nützen würde.

Neun Monate später war der erste Prototyp des treppensteigenden Rollstuhls fertig. Die Studenten erhielten viele positive Rückmeldungen und entschlossen sich, das Projekt neben ihrem Studium weiterzuverfolgen. Mit dem Ziel, mit ihm am ersten Cybathlon der ETH Zürich – einem Wettkampf, bei dem Menschen mit Behinderungen neueste technische Assistenzsysteme anwenden – teilzunehmen, tüftelte der 23-Jährige zusammen mit seinen Kollegen Pascal Buholzer und Thomas Gemperle weiter.

Zwar missriet der Auftritt beim Cybathlon wegen einer Panne, dem Tatendrang der Studenten tat dies indes keinen Abbruch. «90 Prozent der Leute sind sich gar nicht bewusst, welche Hindernisse im Alltag überall lauern», sagt Winter. Dies wurde ihm immer klarer, je mehr er mit dem Scewo durch die Welt fuhr.

Auch wenn der Scewo 2.0 schon unzählige Treppenstufen überwunden und viele faszinierte Blicke auf sich gezogen hat – Winter sieht nach wie vor Entwicklungspotenzial. Der Sitz soll anpassbar sein, die Rä­der abgefedert werden, sodass das Fahrgefühl verbessert wird. Zudem soll ein dreimal so starker Motor eingebaut werden, damit der Rollstuhl einerseits schneller, andererseits aber auch ruhiger im Fahrverhalten wird.

Im Kopf spielen sich schon die verschiedensten Szenarien ab, und alle enden schmerzhaft.

Läuft alles wie geplant, ist der dritte Prototyp, der diese Verbesserungen beinhaltet, in einem Jahr fertiggestellt. Bis dahin wollen Winter, Buholzer und Gemperle das Start-up-Unternehmen in eine Firma umwandeln. Ziel ist es, den Scewo bis Ende 2018 serienmässig auf den Markt zu bringen. Das ist aber im Moment weit weg, denn dazu muss noch einiges passieren.

Das Team soll wachsen, zusätzliche Softwareentwickler, Maschineningenieure und Designer dazustossen. Winter ist ständig auf der Suche nach Stiftungen und Leuten, die das Projekt unterstützen möchten. Das Landesmuseum hat Interesse an einem Rollstuhl angemeldet, und via Crowdfunding unterstützen 35 Personen das Projekt regelmässig.

«Wir wollen den Rollstuhlmarkt wachrütteln», sagt Winter und zeigt auf seinem Computer Bilder von anderen elektrischen Rollstühlen – herkömmliche sowie treppensteigende Konkurrenzmodelle aus Übersee, die allerdings in puncto Sicherheit deutliche Defizite hätten im Vergleich mit dem Scewo, der selbst bei einem technischen Problem mitten auf der Treppe nicht kippen, sondern stabil bleiben würde. Winter ist überzeugt: «Für Leute, die auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen sind, kann der Scewo ein ‹Lifechanger› sein.»

Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) verpflichtet öffentliche Institutionen dazu, auch für Rollstuhlfahrer zugänglich zu sein. Dass dies aktuell vielerorts nicht der Fall ist, wissen Betroffene nur allzu gut. Und auch Bernhard Winter weiss, dass der Prozess der Hindernisbeseitigung oft sehr langsam oder überhaupt nicht vonstattengeht. «Das ist die Chance für den Scewo.»

Im Rahmen seiner Masterarbeit entwickelt Winter ein Sensorsystem für die Raupen, das es ermöglichen würde, dass der Rollstuhl die Treppe und deren Beschaffenheit automatisch erkennt, dem Fahrenden das Knöpfedrücken also weitgehend erspart bliebe. «Mein Traum ist, dass man sich einfach in den Rollstuhl setzen und überall hingehen kann, wo man will.»

Der Autor ist selber Rollstuhlfahrer und freier Mitarbeiter dieser Zeitung.

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