So schonen Sie Ihre Sehnenscheiden

Musiker, Masseure, Kassierer: Leute, die immer wieder dieselbe Bewegung ausführen, sind besonders gefährdet. Wie Sie einem Mausarm vorbeugen.

Wer täglich sein Instrument übt, dürfte das Problem bereits kennen: Eine Frau spielt Geige. Foto: iStock

Wer täglich sein Instrument übt, dürfte das Problem bereits kennen: Eine Frau spielt Geige. Foto: iStock

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Wer körperlich hart arbeitet, täglich am Computer tippt oder leidenschaftlich Geige spielt, kennt wahrscheinlich die Symptome aus eigener Erfahrung: starke ziehende oder stechende Schmerzen am Handgelenk, selbst wenn man dieses nicht bewegt. Oft ist das Gelenk angeschwollen und gerötet, in manchen Fällen hört man gar Reibegeräusche, wird es bewegt. In solchen Momenten fällt oft der Begriff «Mausarm». Ärzte und Therapeuten verwenden dafür den Fachbegriff «Tendovaginitis» – abgeleitet von den lateinischen Wörtern «tendo» (Sehne) und «vagina» (Hülle, Scheide); die Wortendung «-itis» steht für «Entzündung». Diese schmerzhafte Erscheinung, bedingt durch Überbelastung, tritt auch an Achillessehne, Sprunggelenk, Ellbogen und Schulter auf: Sehnenscheidenentzündung.

Dabei hat die Natur eigentlich vorgesorgt: Überall dort, wo Sehnen direkt auf dem Knochen liegen, werden sie durch Hüllen aus Bindegewebe vor zu heftiger Reibung geschützt. Führt man im Alltag aber häufig die immer gleichen Bewegungen aus, kann das die Sehnenscheiden überstrapazieren. «Sportler sind besonders gefährdet», sagt Chirurg Marc Mettler vom Ärztezentrum Praxis1 in Münsingen BE. «Aber auch Bauarbeiter, Masseure, Umzugshelfer, Musikerinnen, Kassierer und Menschen, die am Computer arbeiten, leiden häufig an Sehnenscheidenentzündungen.»

Beschwerden dauern lange

Dazu muss man wissen: Unsere Sehnen übertragen die Muskelkraft auf die Knochen und bewegen so die zwischengeschalteten Gelenke. Marc Mettler: «Insbesondere über dem Handgelenk ist der Sehnenverlauf exponiert und wird deshalb in Sehnenfächern geführt und kanalisiert.» Gleitet nun eine Sehne oft mit viel Druck über einen harten Untergrund, kann das Gewebe der Schutzhülle (Sehnenscheide) überlastet werden und sich entzünden. «Auch die Sehne selbst wird so oft in Mitleidenschaft gezogen», sagt der Chirurg.

Die gute Nachricht: Meist sind Sehnenscheidenentzündungen ungefährlich und leicht zu behandeln. Die schlechte Nachricht: Selbst bei konsequenter Schonung kann es viele Wochen dauern, bis die Beschwerden wieder abklingen.

Wichtig ist vor allem, nach den ersten Symptomen gleich zu handeln. Marc Mettler: «Wer sich gleich am Anfang der Entzündung die Zeit nimmt, diese gründlich auszukurieren, ist gut beraten. Und hat sehr gute Heilungschancen.» Oft ohne Einsatz von Medikamenten. «In vielen Fällen reicht es aus, das betroffene Gelenk einige Tage stillzulegen, hochzulagern und zu kühlen», sagt der Arbeitsmediziner Christian Schmidts, Gesellschaftsarzt der CSS Versicherung. Zum Schonen helfen häufig Kunststoff- oder Gipsschienen.

Kann den Schmerz bei Sehnenscheidenentzündungen lindern: Akupunktur. Foto: iStock

Sind die Beschwerden besonders stark und hartnäckig, verschreiben Ärzte zusätzlich Medikamente wie sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) in Form von Salben und Tabletten, diese sollen Schmerzen lindern und die Entzündung hemmen. «Salben helfen in der Regel wenig», sagt Mettler, «durch Haut und Gewebe gelangen zu wenig Wirkstoffe an die entzündete Stelle.» NSAR-Tabletten seien wirksamer.

Einen Rat solle man immer beherzigen, ergänzt Arbeitsmediziner Christian Schmidts: «Die betroffene Körperstelle muss weiter geschont werden, selbst wenn sie aufgrund der Medikamente nicht mehr schmerzt, die Warnsignale entfallen.» Sonst könne ein Abheilen der erkrankten Sehne verhindert werden, was anhaltende Beschwerden verursacht. Auch andere ergänzende Behandlungsangebote stehen zur Wahl: von Heilkräutern über Akupunktur bis hin zur extrakorporalen Stosswellentherapie, in der elektromagnetische Wellen Heilungsprozesse anregen sollen. Akupunktur könne durchaus einen günstigen Effekt haben, sagt Christian Schmidts: «Vor allem, wenn man an deren Wirksamkeit glaubt.»

«Stellt man das Gelenk ruhig, heilen 90 Prozent der Entzündungen von alleine wieder aus»: Christian Schmidts, Arzt. Foto: pd

Alternativmediziner verordnen Menschen mit Schmerzen oft auch Salben, die Heilerde, Arnika oder Kümmelöl enthalten. Eine breit angelegte wissenschaftliche Untersuchung ergab 2014 allerdings, dass bei hartnäckigen Sehnenscheidenentzündungen keine einzige nichtoperative Heilmethode uneingeschränkt empfohlen werden kann. Christian Schmidts Fazit: «Als Zusatztherapie eignet sich letztlich alles, was von den Patienten als angenehm empfunden wird.»

Kassen zahlen nicht alle Therapien

So manches Angebot muss man sich aber erst einmal leisten können, denn Krankenkassen bezahlen nur Behandlungen, die nachweislich «wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich» sind – welche Therapien diese Kriterien erfüllen, ist bei Sehnenscheidenentzündungen aber umstritten. Wärme- und Kältetherapien sowie Behandlungen mit Ultraschall beispielsweise werden meist finanziert. Aber nicht von allen Krankenkassen: «Der Teufel steckt im Detail», sagt Christian Schmidts. «Ich habe öfter erlebt, dass Patienten aus allen Wolken fallen, wenn ihre Kasse die Übernahme der Kosten ablehnt.» Sein Rat: Betroffene sollten diese Frage zuvor klären, insbesondere, wenn sie sich für eher ausgefallene Therapien interessieren.

Erzielen die vorgängig genannten Methoden keine Linderung, spritzt Marc Mettler seinen Patienten manchmal ein Lokalanästhetikum – ein Mittel, das den Schmerz vor Ort betäubt – und Kortison in die betroffene Sehnenscheide. Das Kortisondepot bekämpft die Entzündung über mehrere Wochen. «Oft kriegt man so das Problem in den Griff», sagt der Experte. Dennoch setzt er diese Therapie möglichst selten ein. «Kortison ist zwar ein sehr wirksames Mittel», so Mettler, «es zeigt aber auch erhebliche Nebenwirkungen.» So greife das Hormon beispielsweise das Gewebe an. In einzelnen Fällen bringt selbst eine Behandlung mit Kortison keinen Erfolg.

Ein minimal-invasiver Eingriff

«Spätestens dann stellt sich die Frage, ob ein chirurgischer Eingriff sinnvoll wäre», sagt Marc Mettler. In seine Sprechstunde kommen fast ausschliesslich Patienten, deren Hausärzte andere Methoden erfolglos ausprobiert haben. Er operiert pro Jahr bis zu hundert Frauen und Männer, die unter chronisch entzündeten Sehnenscheiden leiden. In seinen Eingriffen weitet der Chirurg den Sehnenkanal und schafft der Sehne mehr Platz, damit sie darin wieder ohne Reibung gleiten kann. Die Operation wird ambulant als sogenannter minimal-invasiver Eingriff durchgeführt und benötigt einen ein bis zwei Zentimeter langen Hautschnitt. Anschliessend muss das betroffene Gelenk etwa 14 Tage lang ruhig gestellt und in der Folge Physiotherapie mit sachten Kraft- und Dehnungsübungen gemacht werden.

Auf zwei Spezialfälle weisen beide Experten hin: Gelenkerkrankungen wie die Rheumatoide Arthritis können ebenfalls zu Sehnenscheidenentzündungen führen. Besteht dieser Verdacht, sollte man sich vom Hausarzt schnellstmöglich an einen Facharzt Rheumatologie überweisen lassen. Auch Infektionen durch Bakterien können die Entzündung bewirken, etwa nach einem Tierbiss. Hier gilt es, raschmöglichst den Notfallarzt aufzusuchen, denn eine bakterielle Sehnenscheidenentzündung erfordert einen Spitalaufenthalt mit Antibiotika-Therapie – und oft sogar einen chirurgischen Eingriff, in der die Sehnenscheide gesäubert wird.

Ist nach einem operativen Eingriff nötig: Stärkung des Gelenks durch Physiotherapie. Foto: iStock

Beim «Klassiker» hingegen – bedingt durch mechanische Überlastung – kommt man in der Regel ohne starke Medikamente oder Operationen aus, wie die beiden Experten bekräftigen. Die vielleicht wichtigste Rolle spielt in der Genesung die Selbstheilungskraft des Körpers. «Stellt man das betroffene Gelenk ruhig und verzichtet auf andere Therapien, heilen 90 Prozent solcher Entzündungen von alleine wieder aus», sagt Christian Schmidts. Was aber tun, damit es nach der Genesung nicht zu einem Rückfall kommt? Unser Körper kann sich vielen Anforderungen anpassen. Oft genügt es, sich den Belastungen behutsamer und gezielter auszusetzen, die betroffenen Muskeln und die dazugehörigen Sehnen entsprechend zu trainieren. «Am besten lässt man sich von einer Physiotherapeutin beraten und Übungen zeigen», sagt Christian Schmidts.

Entzündungen lassen sich am einfachsten vorbeugen, indem man Bewegungsmuster ändert. Das heisst: Gegenstände auch mal anders als gewohnt in die Hand nehmen oder die Hand für die Computermaus wechseln. Meist klappt das nach einer kurzen Eingewöhnungszeit gut. Sodass es im besten Fall nie wieder zu einem Mausarm-Alarm kommt.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 08.11.2018, 15:32 Uhr

So beugen Sie Sehnenscheidenentzündungen vor


  • Bei Tätigkeiten, die Muskeln und Sehnen auf die immer gleiche Weise beanspruchen (etwa Gi­tarre oder Badminton spielen), regelmässig Pausen einlegen. Damit sich der Körper langsam an die Anforderungen gewöhnen kann, mit kur­zen Einheiten beginnen und die Übungs- und Trainingszeiten langsam steigern.


  • Vor starker Beanspru­chung die betroffene Körperpartie (und damit die entsprechenden Seh­nen) durch Gymnastik aufwärmen.


  • Den Bürostuhl so ein­stellen, dass der Blick auf den Monitor leicht nach unten fällt. Bettet man beim Tippen die Hand­ballen darüber hinaus auf eine Stützauflage vor der Computertastatur, ent­lastet das die Handge­lenke und beugt Sehnenscheidenentzündungen vor. Entsprechende Kis­sen oder Kunststoff­sockel gibt es im Fach­handel zu kaufen. Die Arme sollten eine Linie nach unten bilden, so­dass die Ellbogen sich oberhalb der Handgelen­ke befinden und die Handgelenke über den Handknöcheln.


  • Um Befehle am Com­puter auszuführen: als Alternative zur Maus regelmässig Tastenkom­binationen nutzen. Dadurch kommt der Zei­gefinger etwas zur Ruhe.


  • Bei schwerer körper­licher Arbeit Handgriffe, die sich ständig wieder­holen, möglichst varian­tenreich ausführen: zum Beispiel die Hände ab­wechseln oder den Win­kel verändern, in dem man nach den Objekten greift. Auch regelmässi­ge Ruhepausen und Lockerungsübungen tra­gen dazu bei, Sehnen­scheidenentzündungen vorzubeugen.


  • Ungewohnte schwere körperliche Belastungen vermeiden, da diese zu einer Überbeanspru­chung von Gelenken und Sehnen führen können. (Beim Zügeln am besten Profis beauftragen oder sich zumindest genügend Helfer organisieren.)

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