Vogelgrippeviren «ausser Kontrolle»

Immer neue Vogelgrippe-Formen infizieren Menschen. Der jüngste Erreger H10N8 ist möglicherweise ansteckender als alle seine Vorgänger.

Immer wieder schrecken Vogelgrippeviren die Gesundheitsbehörden auf: In Überlingen am Bodensee wird im Jahr 2006 die Uferpromenade desinfiziert.

Immer wieder schrecken Vogelgrippeviren die Gesundheitsbehörden auf: In Überlingen am Bodensee wird im Jahr 2006 die Uferpromenade desinfiziert.

(Bild: Keystone)

Die Zahl der Infektionen und Toten durch die Vogelgrippe in China steigt von Tag zu Tag. Gestern wurden erneut drei Todesfälle gemeldet, damit starben seit Jahresanfang bereits 26 Menschen am H7N9-Virus. Mehr als 110 Menschen infizierten sich, wie amtliche Medien berichteten.

Während Experten das Virus als «ausser Kontrolle» sehen, wächst die Angst vor einer Verbreitung während der grossen Rückreisewelle zum Ende des chinesischen Neujahrsfestes. In einer Völkerwanderung sind Millionen Chinesen in vollen Zügen und Bussen auf dem Rückweg zu ihrem Heimatort. Es ist das grösste Familienfest der 1,3 Milliarden Chinesen. Allein seit Beginn der Feierlichkeiten am Freitag sind mehr als ein Dutzend neue Infektionen und fünf Todesfälle gemeldet worden.

Gefährliches neues Virus

Als potenziell sehr gefährlich stuften Wissenschaftler zudem ein im Dezember erstmals bei einem Todesfall registriertes Vogelgrippevirus ein. H10N8 könne sich möglicherweise leichter unter Menschen ausbreiten als alle anderen Vogelgrippeviren, warnen chinesische Experten im Medizinfachjournal «Lancet». Darauf wiesen Erbgutmerkmale des Virus hin. Das pandemische Potenzial des Erregers dürfe nicht unterschätzt werden.

Der Subtyp H10N8 war im Dezember erstmals bei einer 73-Jährigen in Nanchang, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Jiangxi, nachgewiesen worden. Die Frau hatte einige Tage nach dem Besuch eines Marktes mit lebendem Geflügel erste Symptome gezeigt und war neun Tage später in einer Klinik gestorben. In der Provinz sei nun Ende Januar eine weitere Infektion entdeckt worden.

Mediziner sehr besorgt

«Das bereitet grosse Sorgen, weil es zeigt, dass das H10N8-Virus sich weiterverbreitet und in der Zukunft mehr menschliche Infektionen auslösen kann», so Mitautor Mingbin Lin vom Gesundheitsamt in Nanchang. Das Virus habe genetische Eigenheiten, die es ihm erlauben könnten, sich in Menschen rasch zu vervielfältigen, hiess es weiter. Bisher wurde eine Übertragung von Mensch zu Mensch – etwa in der Familie der 73-Jährigen – allerdings noch nicht festgestellt.

Viele Vogelgrippeviren können Symptome beim Menschen auslösen, als besonders gefährlich haben sich in den vergangenen Jahren H5N1 und H7N9 erwiesen. Eine Infektion eines Menschen mit H5N1 war erstmals 1997 in Hongkong nachgewiesen worden. Seit 2003 seien etwa 650 Infektionen mit dem Erreger registriert worden, berichten die Wissenschaftler. In insgesamt 15 Ländern seien mehr als 380 Menschen daran gestorben. Bei H7N9 sei der erste Nachweis im März 2013 erfolgt.

Die Ziffern hinter «H» und «N» stehen für Oberflächenstrukturen, anhand derer die Viren Subtypen zugeordnet werden. Durch natürliche Genveränderungen entstehen fortwährend neue Varianten der Viren. China ist wegen des oft engen Miteinanders von Mensch und Vieh besonders von Übertragungen auf den Menschen betroffen. Experten befürchten, dass auf diese Weise einmal eine globale Pandemie ihren Ursprung nehmen könnte.

ldc/sda

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