Weltweit wird immer mehr getrunken

Zwischen 1990 und 2017 hat der Alkoholkonsum um mehr als 10 Prozent zugenommen – und bis 2030 dürfte er noch deutlich steigen.

Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins: Eine Männerrunde prostet mit Bier an. (Bild: Getty Images)

Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins: Eine Männerrunde prostet mit Bier an. (Bild: Getty Images)

Yannick Wiget@yannickw3

Wie schädlich Alkohol für die Gesundheit sein kann, ist bereits seit Jahren bekannt. Und dennoch wird weltweit immer mehr getrunken, so das Ergebnis einer internationalen Studie, die im renommierten Fachblatt «The Lancet» veröffentlicht wurde. Die Auswertung von Daten aus 189 Ländern ergab, dass der Alkoholkonsum der Weltbevölkerung von 1990 bis 2017 um mehr als 10 Prozent gestiegen ist – und weiter zunehmen dürfte.

Ursache dafür ist nicht nur der Bevölkerungszuwachs, der das Ergebnis relativieren würde. Auch der Konsum pro Kopf hat deutlich zugelegt: von 5,9 Litern reinen Alkohols pro Jahr auf 6,5 Liter. Das ist eine Zunahme von mehr als 10 Prozent. Zur Einordnung: Ein halber Liter Bier enthält etwa 20 Gramm reinen Alkohols. 6,5 Liter reinen Alkohols entsprechen also 260 grossen Gläsern im Jahr oder umgerechnet einer Stange Bier am Tag.

Umso erstaunlicher ist diese Zahl, wenn man bedenkt, dass weltweit 43 Prozent der Menschen gar keinen Alkohol trinken, oft aus religiösen Gründen. Die Zahl der lebenslangen Abstinenzler hat in den letzten Jahren aber leicht abgenommen, während diejenige der starken Trinker gestiegen ist. Die Forscher der Studie erwarten, dass sich beide Trends fortsetzen werden.

Im Jahr 2030 dürfte es demnach nur noch 40 Prozent Abstinenzler geben und bereits 23 Prozent, die eindeutig zu viel trinken. Der Prognose zufolge dürfte dann die Hälfte der Erwachsenen weltweit regelmässig trinken. Auch der globale Pro-Kopf-Verbrauch wird sich von derzeit 6,5 Liter reinen Alkohols auf 7,6 Liter erhöhen.

Schweiz in Top 25

Getrieben wird der Anstieg laut der Studie insbesondere von den expandierenden Mittelschichten in wirtschaftlich aufstrebenden und bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien. Das Wirtschaftswachstum spielt neben der Religion und der Gesundheitspolitik des jeweiligen Landes die grösste Rolle bei der Höhe des Alkoholkonsums.

Deshalb gibt es grosse regionale Unterschiede. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern steigt der Konsum, während er in Industrienationen stabil bleibt. China und Indien verzeichneten zwischen 1990 und 2017 jeweils fast oder mehr als eine Verdoppelung. In osteuropäischen Ländern hingegen ist der Konsum von hohem Niveau herab deutlich gesunken.

Trotzdem wird in Zentral- und Osteuropa immer noch am meisten getrunken. In Moldau, Litauen und Tschechien genehmigen sich die Menschen mehr als 14 Liter reinen Alkohols pro Jahr – mehr als das Doppelte des weltweiten Durchschnitts. Auch die Schweiz gehört mit 11,3 Litern zu den Ländern mit dem höchsten Konsum.

In vielen Ländern mit hohem Einkommen stagnieren oder sinken aber die Zahlen. Noch liegt Europa mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 9,8 Litern deutlich vor Asien mit 4,7 Litern. Aufgrund der Trends der vergangenen rund 30 Jahre gehen die Forscher allerdings davon aus, dass Asien bis 2030 an Europa vorbeiziehen wird.

Eklatant sind allgemein die Unterschiede zwischen Männern und Frauen – und zwar weltweit. Global gesehen, trinken Männer 9,8 Liter pro Jahr, Frauen dagegen nur 2,7 Liter. Das dürfte sich in den nächsten Jahren kaum ändern.

«Die Auswirkungen von Alkohol werden sich erhöhen.»Jakob Manthey, Forscher

Verkehrsunfälle, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Krebs sind nur ein Teil der Todesursachen, die direkt oder indirekt mit Alkohol in Verbindung gebracht werden. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ging 2016 jeder 20. Todesfall weltweit darauf zurück. Entsprechend sollte der missbräuchliche Alkoholkonsum von 2018 bis 2025 um 10 Prozent gesenkt werden – ein Ziel, das den Forschern zufolge verfehlt wird. «Stattdessen wird Alkohol einer der Hauptrisikofaktoren für vorhersehbare Krankheiten bleiben, und seine Auswirkungen werden sich relativ zu anderen Risikofaktoren erhöhen», erklärt Jakob Manthey, Mitautor der Studie.

Die Experten empfehlen deshalb Gegenmassnahmen wie höhere Steuern, Werbeverbote und Zugangsbeschränkungen. «Wir brauchen eine effektive Alkoholpolitik, insbesondere in Ländern, die sich schnell entwickeln und einen wachsenden Alkoholkonsum aufweisen», sagt Manthey.

Alkoholpolitik überdenken

In einem Kommentar, der ebenfalls in «The Lancet» veröffentlicht wurde, empfehlen die Suchtmediziner Sarah Callinan von der australischen La-Trobe-Universität und Michael Livingston vom Karolinska-Institut in Stockholm hingegen, die Vorhersagen der Studie mit Vorsicht zu geniessen. So seien exakte Prognosen zu Alkoholkonsum und Wirtschaftswachstum immer sehr schwer zu treffen.

Das zeigt sich am Beispiel der Schweiz. Laut der oben verwendeten Zahl der Global Burden of Disease Study, die von der Universität Harvard, der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank ins Leben gerufen wurde, wird hierzulande 11,3 Liter reinen Alkohol getrunken. Die eidgenössische Alkoholverwaltung hingegen geht nur von 7,8 Litern pro Person und Jahr aus. Nichtsdestotrotz belaufen sich die gesellschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums in der Schweiz auf mehrere Milliarden Franken, wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium ermittelt hat.

Und gerade Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen sollten ihre Suchtmittelpolitik anpassen, da eben hier damit zu rechnen sei, dass die Menschen künftig mehr trinken. Beispiele aus Ländern mit hohen Einkommen hätten gezeigt, dass etwa höhere Preise oder eine Einschränkung der Verfügbarkeit effektiv sein könnten, schreiben Callinan und Livingston. Gleichzeitig seien Werbeverbote oder Restriktionen sinnvolle Massnahmen – auch gegen den Widerstand der Industrie.

* mit Material der SDA

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