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«Wir haben es mit einer neuen Art von Stress zu tun»

Wann wird Stress zum Problem? Experte Dominique de Quervain über den richtigen Umgang, Medikamente – und die Ratlosigkeit der Politik.

Aus Angst, den Job zu verlieren, ignorieren viele Arbeitnehmende Stresssymptome. Wird nichts unternommen, steigt die Gefahr für ein Burn-out oder eine Despression. Foto: Getty Images
Aus Angst, den Job zu verlieren, ignorieren viele Arbeitnehmende Stresssymptome. Wird nichts unternommen, steigt die Gefahr für ein Burn-out oder eine Despression. Foto: Getty Images

Dominique de Quervain, Sie sind Stressforscher. Mein Herz klopft gerade schneller, und ich habe feuchte Hände. Was passiert da mit mir?

So eine Interviewsituation stellt eine Herausforderung dar, und der Körper stellt sich darauf ein. Das sogenannte sympathische Nervensystem wird aktiviert, und Stresshormone wie Adrenalin werden ausgeschüttet. Dadurch werden Puls und Atem schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln werden besser durchblutet und die Schweissdrüsen aktiviert.

Was hat sich die Natur dabei gedacht?

Diese Stressreaktion entstand im Laufe der Evolution und ist darauf ausgerichtet, die Überlebenschancen eines Lebewesens in Extremsituationen zu erhöhen. Auf Bedrohungen wie den Angriff eines wilden Tieres mussten unsere Vorfahren blitzschnell reagieren. Heute haben sich die Gefahren und Herausforderungen geändert, doch die Reaktion auf Stress ist dieselbe geblieben. Sie hilft uns, Herausforderungen beim Sport oder im Beruf besser zu meistern.

Der Stressforscher

Dominique de Quervain (51) leitet die Abteilung kognitive Neurowissenschaft an der Universität Basel und ist Mitbegründer von Stressnetwork. ch, einem nationalen Netzwerk von mehr als vierzig Stressforschenden. Der Neurowissenschaftler studierte in Bern Humanmedizin, nach der Promotion arbeitete er einige Jahre in den USA in der Grundlagenforschung. Er gewann verschiedene Forschungspreise wie den Pfizer-Preis und den Robert-Bing-Preis. Er und sein Team interessieren sich unter anderem für die Effekte von Stress auf das Gedächtnis und für die Entwicklung neuer Therapien bei Gedächtniserkrankungen und Angststörungen.

Wann wird Stress zum Problem?

Wenn wir den Anforderungen nicht mehr gerecht werden und der Stress immer wieder auftritt. Dann kann sich der Körper nicht mehr erholen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Steht im Büro ein wichtiger Abgabetermin an, und die Zeit drängt, können wir durch die Stressreaktion Ressourcen mobilisieren. Ist die Arbeit erledigt, kommt der Körper zur Ruhe. Bei einer chronischen Überlastung am Arbeitsplatz hingegen wird der Aktenberg nie kleiner, der Zeitdruck ist stets da. Irgendwann reichen die Ressourcen, die bei der Stressreaktion freigesetzt werden, nicht mehr aus, um die Herausforderungen zu bewältigen.

Wie zeigt sich das?

Es kann sein, dass ich ständig gereizt, erschöpft oder unmotiviert bin und Mühe habe, einzuschlafen. Oft kommen auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen und Muskelverspannungen hinzu. Wird nichts dagegen unternommen, steigt die Gefahr, in ein Burn-out oder eine Depression hineinzurutschen. Auch die Entstehung von Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht und Abhängigkeitserkrankungen wird durch chronischen Stress begünstigt.

Chronischer Stress scheint sich laut Untersuchungen zu einem Volksleiden entwickelt zu haben.

Das ist richtig, in der Schweiz leiden heute mehr als 1,4 Millionen Menschen unter Stress am Arbeitsplatz und ein Viertel der Kinder zwischen 11 und 15 Jahren unter Leistungsdruck und Stress in der Schule. Ausserdem nehmen stressbedingte Erkrankungen zu. Insbesondere der Anteil an Menschen mit mittelschweren bis schweren Depressionen ist in den letzten Jahren angestiegen, er liegt bei rund neun Prozent.

Im Vergleich zur Kriegs- und Nachkriegszeit leben wir heute in Europa in stabileren politischen Verhältnissen, sind medizinisch besser versorgt und haben mehr Freizeit. Warum fühlen wir uns trotzdem so gestresst?

Ich glaube, wir haben es mit einer neuen Art von Stresssituation zu tun. Studien zeigen, dass die Arbeit Stressverursacher Nummer eins ist. Womöglich sind es der gestiegene Leistungs- und Konkurrenzdruck in einer globalisierten Welt und die fehlende Anerkennung im Beruf, die den Leuten zu schaffen machen.

«Menschen reagieren unterschiedlich auf das Einprasseln von Schreckensmeldungen.»

Arbeitnehmer sind heutzutage oft übers Handy ständig erreichbar, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind fliessend geworden. Spielt das eine Rolle?

Müssen Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sein, ist das sicherlich ein neuer, zusätzlicher Stressor. So wird es schwieriger, abzuschalten und sich zu erholen.

Heute erscheinen Schreckensmeldungen aus aller Welt fast in Echtzeit auf unserem Mobiltelefon. Führt diese Dauerberieselung zu einer gefühlten Unsicherheit und damit zu mehr Stress?

Menschen reagieren unterschiedlich auf das Einprasseln von Schreckensmeldungen. Die einen stumpfen ab, bei andern führt es zu einer anhaltenden Verunsicherung.

Durch die zunehmende Individualisierung sind wir familiär und gesellschaftlich weniger eingebunden als früher, viele Menschen fühlen sich einsam. Sind wir anfälliger für Stress im Beruf, weil uns privat ein Anker fehlt?

Es gibt Schutzfaktoren, die bewirken, dass wir uns weniger schnell überfordert fühlen. Eine Familie, die uns Geborgenheit schenkt, gehört sicherlich dazu. Gleichzeitig kann es zusätzlich Stress verursachen, wenn es privat nicht rundläuft. Brennt es gleichzeitig an verschiedenen Orten, steigt das Risiko, dass Stress uns krank macht.

Haben Politik und Wirtschaft erkannt, dass Stress auch ein gesellschaftliches Problem ist?

Das Problem wird schon wahrgenommen, nicht zuletzt wegen der hohen Kosten, die durch Stress entstehen. Sie belaufen sich auf rund sechs Milliarden Franken pro Jahr. Allerdings ist nicht klar, was man dagegen tun kann. Es herrscht eine gewisse Ratlosigkeit.

Haben Sie deshalb ein Stressnetzwerk gegründet?

Das ist einer der Gründe. Ich habe dieses Netzwerk zusammen mit Carmen Sandi von der ETH Lausanne ins Leben gerufen. Es besteht aus über dreissig Forschungsinstitutionen, die sich mit Stress beschäftigen. Mit diesem Netzwerk bringen wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Forschungsgebieten zusammen, wie der Krebsforschung, Kardiologie, Psychiatrie, Psychologie, Soziologie oder den Wirtschaftswissenschaften. Wir sind überzeugt, dass wir durch eine Vernetzung das Phänomen Stress besser verstehen können. Dadurch werden bessere präventive und therapeutische Massnahmen möglich. Zudem wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Stress ein grosses gesundheitliches und ökonomisches Problem darstellt, damit die Politiker handeln. Es braucht einen Masterplan mit unterschiedlichen Massnahmen.

«Wenn Eltern gut mit Stress umgehen können, fällt es oft auch den Kindern leichter.»

Welche politischen Massnahmen wären leicht umsetzbar?

Beispielsweise Stress zu einem nationalen Forschungsschwerpunkt zu machen. Dabei sollte ein besonderes Gewicht auf die Umsetzung von grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnissen in klinische Anwendungen gelegt werden. Nur so lassen sich bessere Präventionsstrategien und Therapien entwickeln.

Auch die Wirtschaft könnte ihren Teil dazu beitragen, den Arbeitsstress zu reduzieren.

Das wäre ein anderer wichtiger Angriffspunkt. Betriebe müssen besser geschult werden. Oft ignorieren oder verschweigen Arbeitnehmende Stresssymptome, aus Angst, den Job zu verlieren. Es gibt aber auch Betriebe, die in dieser Hinsicht vorbildlich sind. Die haben zum Beispiel ein internes Präventionssystem, das externe Beratungen für gestresste Mitarbeitende vorsieht. Wichtig ist auch, dass ein Unternehmen analysiert, was die Hauptstressoren sind. Die können unterschiedlich aussehen, bei den einen ist es Zeitdruck, bei anderen fehlende Wertschätzung oder ein schlechtes Arbeitsklima.

Nicht alle Mitarbeiter sind gleich schnell gestresst, auch wenn sie bei der Arbeit und zu Hause ähnliche Herausforderungen bewältigen müssen. Woran liegt es?

Zum einen spielen die Gene eine Rolle, wie stressanfällig man ist. Zum anderen beeinflusst, wie man aufgewachsen ist, welche Vorbilder man hatte. Wenn Eltern gut mit Stress umgehen können, fällt es oft auch den Kindern leichter.

Schwierige Situationen lösen Angst und Ärger aus. Ist die beste Stressprävention, zu lernen, gut mit schwierigen Gefühlen umzugehen?

Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen eine schwierige Situation aushalten zu können. Man kann auch die Umstände ändern, also zum Beispiel den Arbeitsplatz wechseln. Aber sicherlich ist es möglich, als Erwachsener noch zu lernen, besser mit Frustration oder Stress umzugehen. Oder an der inneren Haltung zu arbeiten, sodass man gewisse Situationen als weniger stressig empfindet.

Wie lernt man das?

Es gibt Psychotherapien wie die kognitive Verhaltenstherapie. Auch achtsamkeitsbasierte Verfahren können erwiesenermassen helfen.

«Die Entwicklung neuer Medikamente verlief in den letzten Jahrzehnten enttäuschend.»

Hilft Achtsamkeitsmeditation, weil wir dank ihr merken, dass der gefühlte Stress oft nur ein Produkt unserer sorgenvollen Gedanken ist? Die nicht unbedingt wahr sein müssen?

In der Achtsamkeitsmeditation lernt man, starke Gefühle wie Angst oder Ärger zuzulassen und sie wahrzunehmen, ohne sie gleich zu bewerten. Dabei schwächen sie sich von alleine ab.

Bei Stress empfehlen Experten auch, regelmässig für Entspannung zu sorgen. Geht das überhaupt: sich in hektischen Zeiten auf Knopfdruck zu entspannen?

Das fällt vielen Menschen schwer. Wenn es nicht gelingt, bei einem Hobby zu entspannen, könnte die Achtsamkeitsmeditation gute Dienste leisten. Auch Sport ist eine Möglichkeit. Es gibt etliche Studien, die zeigen, dass körperliche Betätigung vorbeugend gegen Stress wirkt.

Warum hilft Sport bei Stress?

Das hat wohl verschiedene Gründe. Zum einen können psychologische Mechanismen dazu beitragen, etwa wenn man beim Sport alles andere vergisst. Zum anderen werden durch die körperliche Betätigung physiologische Prozesse ausgelöst, welche dem Stress entgegenwirken.

Was hilft Betroffenen nebst Psychotherapie, Sport und Achtsamkeit?

Wichtig ist es zunächst, die Stressoren zu identifizieren und nach Möglichkeit zu reduzieren. In Fällen, die mit mittelschweren bis schweren Depressionssymptomen einhergehen, findet oft zusätzlich zu den erwähnten Massnahmen eine medikamentöse Therapie statt, etwa mit Antidepressiva.

Manchmal verschreiben Ärzte bei Stresssymptomen auch Benzodiazepine.

Ja, diese Beruhigungsmittel sind weit verbreitet. Aufgrund ihres Abhängigkeitspotenzials und der Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Gedächtnisprobleme ist allerdings Vorsicht geboten. Benzodiazepine sollten nur kurzfristig abgegeben werden.

«Ich habe mir angewöhnt, alle anstehenden Aufgaben aufzuschreiben.»

Sind in Zukunft neue Medikamente zu erwarten, die bei Stress, Burn-out, Depressionen oder Angst helfen können?

Die Entwicklung neuer Medikamente verlief in den vergangenen Jahrzehnten leider enttäuschend. Doch inzwischen gibt es neue Forschungsansätze, die unter anderem genomische Daten miteinbeziehen. Sie lassen hoffen, dass in Zukunft wirksamere Medikamente gefunden werden.

Was ist mit genomischen Daten gemeint, und wie können diese helfen?

Es geht darum, mit Hilfe genetischer Studien beim Menschen Moleküle zu identifizieren, welche als Angriffspunkte für neue Therapien dienen können.

Sie selbst forschen an einem Medikament. Sie haben herausgefunden, dass das Stresshormon Cortisol die Gedächtnisfunktion beeinträchtigen kann – und sind auf die Idee gekommen, das Hormon als Medikament bei Phobien und posttraumatischen Belastungsstörungen einzusetzen. Erzählen Sie uns mehr darüber.

Erleiden manche Personen in Stresssituationen wie beispielsweise bei einer Prüfung einen Blackout, dann liegt das am Hormon Cortisol. Dieser Effekt lässt sich therapeutisch nutzen. Angsterinnerungen werden durch das Hormon abgeschwächt, was auch Angstsymptome abschwächt. So kann Cortisol bei einer Psychotherapie unterstützend wirken. Dieser Ansatz ist aber noch nicht reif für den Einsatz in der Klinik.

Was hat die Stressforschung in den letzten Jahren Bedeutendes herausgefunden?

Sie hat enorm viel über Stressmechanismen herausgefunden. So wissen wir heute zum Beispiel, dass Stress die Metastasenbildung bei Krebs begünstigt oder welchen Einfluss Stresshormone auf unsere Gedächtnisprozesse haben. Was aber dringend gefördert werden muss, ist die Vernetzung der Stressforschung und die Umsetzung von Forschungsresultaten in neue Therapien und präventive Massnahmen.

Was ist Ihr persönliches Rezept gegen Stress?

Ich habe mir angewöhnt, alle anstehenden Aufgaben aufzuschreiben, damit ich beim Einschlafen nicht dran denken muss. Ausserdem gehe ich regelmässig im Wald spazieren mit meiner Frau und dem Hund. Und ich spiele gern Tennis, da laufe ich eine Stunde dem Ball hinterher, ohne an etwas anderes zu denken.

(Schweizer Familie)

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