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Zweite Chance nach dem Herzinfarkt

«Was, du?»: Als bekannt wurde, dass Charly Schäfges einen Herzinfarkt hatte, reagierte sein Umfeld erstaunt. Doch der 45-Jährige war nicht so gesund und gelassen, wie es von aussen schien.

Wenn Charly Schäfges heute an den 23.Januar 2008 denkt, lächelt er: «Das war mein Glückstag», sagt der 45-Jährige. Sein Glückstag deswegen, weil er ihn überlebt hat. Weil er an jenem Tag «eine zweite Chance» erhalten hat. Ein herrlicher Tag sei es gewesen, erinnert sich Schäfges: «Meine Frau Sibylle und ich haben ihn in Grindelwald auf der Skipiste verbracht. Und nach der letzten Abfahrt sind wir noch auf einen Aperitif in ein Restaurant gegangen.»

«Aus dem Nichts heraus»

Das war kurz vor 16 Uhr. Kurz nach 16 Uhr erlitt Charly Schäfges in der Gaststube einen Herzinfarkt. Scheinbar «aus dem Nichts heraus». Dass es ein Infarkt war, habe er allerdings erst später gemerkt, erzählt Schäfges: «Ich hatte auf einmal so ein komisches Engegefühl und Atemprobleme, fühlte mich unwohl und unruhig.» Zuerst habe er dies auf den abrupten Wechsel von der eisigen Kälte auf der Piste in die stickige Wärme der Gaststube zurückgeführt. «Als sich aber mein Zustand rasch verschlechterte, dachte ich an einen Keislaufkollaps und war froh, dass meine Frau mich schnellstmöglich zu einem Arzt fuhr.»

Von da an sei alles sehr schnell gegangen – und habe er den Rest des Tages hilflos liegend miterlebt: nach der Diagnose «Herzinfarkt» in einer Grindelwalder Arztpraxis die Fahrt mit der Ambulanz zum Startplatz des Rega-Helikopters; den Flug nach Bern; die Aufnahme in der Kardiologie des Tiefenauspitals. Schäfges: «Ich war die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein. Und ich hatte komischerweise nie das Gefühl, in einer lebensbedrohlichen Situation zu sein.»

Dieses Gefühl kam erst später. Erst nachdem er im Tiefenauspital am geschädigten Herz operiert wurde. Nachdem ihm die Ärzte erklärt hatten, dass er an einer Arteriosklerose leidet. Dass der Infarkt durch Blutgerinnsel in einer arteriosklerotisch veränderten Engstelle eines Herzkranzgefässes ausgelöst wurde. Und dass ein solcher Vorgang in etwa 50 Prozent der Fälle tödliche Folgen hat. «Erst da», erklärt Schäfges, «wurde es mir so richtig mulmig zumute. Erst da wurde mir bewusst: Charly, es hätte auch ganz anders ausgehen können.»

«Was, du?»

Dass es gut ausging, hängt mit der raschen Einleitung lebensrettender Massnahmen beim Arzt zusammen – und nicht zuletzt auch mit seiner grundsätzlich guten Konstitution. Charly Schäfges: «Ich habe schon immer regelmässig Sport getrieben und hatte zuvor nie nennenswerte gesundheitliche Probleme gehabt.» Umso erstaunter und betroffener, sagt er, hätten auch seine Bekannten, Freunde und Verwandten auf seinen Herzinfarkt reagiert: «Was, du? Wie kann jemand, der so gesund lebt wie du, einen Infarkt erleiden? Jemand, der zudem immer so ruhig und gelassen wirkt?» Solche Fragen, sagt er, habe er in den Tagen nach dem 23.Januar zuhauf erhalten.

«Auf der Überholspur»

Mittlerweile weiss Schäfges, der in einer Berner Vorortgemeinde lebt und in der Stadt ein eigenes Architekturbüro führt, Antworten auf diese Fragen. Denn auch wenn man es ihm vielleicht nicht ansehe, kämen bei ihm doch der eine und andere Risikofaktor zusammen: «Die veranlagungsbedingte Arteriosklerose zum Beispiel, von der ich vorher nichts gewusst hatte. Mein leicht erhöhter Cholesterinspiegel. Der Umstand, dass ich innerlich weit weniger gelassen bin, als ich äusserlich wirke. Die Tatsache, dass ich bis vor einigen Jahren geraucht habe.» Und nicht zuletzt: der Stress – sowohl im Beruf als auch im Privatleben. «Bei der Arbeit bin ich als selbstständiger Architekt mit diversen Nebenbetätigungen irgendwie dauernd auf der Überholspur. Und privat habe ich eine für alle Beteiligten sehr belastende Scheidung hinter mir», sagt Schäfges, der mit seiner zweiten Frau einen bald 2-jährigen Sohn und aus erster Ehe zwei Kinder im Teenageralter hat.

«Wer weiss, wenn»

So ganz «aus dem Nichts», meint er, sei der Herzinfarkt also wohl schon nicht gekommen: «Direkter Auslöser war möglicherweise ein unangenehmes Telefongespräch, das ich wenige Minuten davor geführt habe. Und wenn er zurückblicke, so habe es im Vorfeld vielleicht tatsächlich auch das eine oder ander Warnzeichen gegeben: «Ich, der normalerweise über einen gesegneten Schlaf verfüge, wachte in den Monaten vor dem Infarkt oftmals mitten in der Nacht auf und konnte jeweils – von einer inneren Unruhe geplagt – nicht mehr einschlafen.» Auch die Tatsache, dass sein Vater vor einigen Jahren ebenfalls einen Herzinfarkt erlitten hatte, hätte er wohl zum Anlass nehmen sollen, sich selber bei einem Arzt auf Herz und Nieren prüfen zu lassen: «Wer weiss, wenn meine Arterienverkalkung schon früher bekannt gewesen wäre, dann» Wenn. Wäre. Schäfges ist nicht der Typ, der sich allzu lange solche Gedanken macht. Und er blickt ohnehin lieber nach vorne als zurück: «Was geschehen ist, ist geschehen. Ich habs überlebt. Nach einem mehrwöchigen Rehabilitationsaufenthalt in Le Noiremont im Jura und dank einer ganzen Reihe von Medikamenten, die ich täglich einnehmen muss, geht es mir heute ganz gut.» Seit kurzem kann er wieder zu 80 Prozent arbeiten. Und er freut sich darüber, dass er letzte Woche erstmals wieder acht Kilometer am Stück zu joggen vermochte: «Das stimmt mich zuversichtlich.»

«Ich bin jetzt bereit»

Der Hinweis seiner Ärzte, dass ein Herzinfarkt die Lebenserwartung in der Regel um fünf bis zehn Jahre verkürze, belastet ihn nicht übermässig: «Dann werde ich halt nur 75 statt 85, das ist auch ganz schön», meint er schmunzelnd – wird dann aber gleich nachdenklich: «Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich etwas tun muss, um überhaupt ein solches Alter zu erreichen.» Das erste halbe Jahr nach dem Infarkt habe er benötigt, «um wieder auf die Beine zu kommen», sagt er. Nun müsse und wolle er aber dafür sorgen, dass er nicht gleich wieder in den alten Trott komme und in eine negative Stressspirale gerate: «Ich bin bereit für Veränderungen. Ich fühle mich stark genug, um in den nächsten Monaten an mir zu arbeiten und mein Leben in eine gesunde Balance zu bringen.»

Charly Schäfges hat am 23.Januar 2008, seinem «Glückstag», eine zweite Chance erhalten. Er will sie nutzen.

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