Der Kreuzfahrtboom bedroht die Weltmeere

28 Millionen Menschen begeben sich dieses Jahr auf Kreuzfahrt – so viele wie noch nie. Was das Wachstum der Branche für die Umwelt bedeutet.

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Als im April das weltweit grösste Kreuzfahrtschiff Symphony of the Seas am Hafen von ­Palma andockte, hielten wütende Anwohner Protestbanner in die Luft. Die Aufschrift: «Horror of the Seas». Treffend ist das zumindest, was die Abgase anbelangt, die von den Kreuzfahrtschiffen bis in die Hafenstädte ziehen.

Die SonntagsZeitung verglich die Emissionswerte der grossen Anbieter TUI Cruises und Aida Cruises der vergangenen sechs Jahre. Das Resultat: Der Verbrauch fossiler Treibstoffe und der Ausstoss giftiger Abgase nehmen drastisch zu.

Bei der Schiffsflotte von TUI Cruises hat sich der Verbrauch des besonders dreckigen Treibstoffs Schweröl zwischen 2012 und 2017 verdreifacht. Allein im vergangenen Jahr ist er um 28 Prozent gestiegen, auf 115'000 Tonnen. Das ist problematisch, denn die Verbrennung von Schweröl führt zu Schwefel-, Stickstoff- und Feinstaubemissionen. Die Abgase belasten das Klima und können in Hafenstädten gesundheitliche Probleme wie Asthmaanfälle hervorrufen. Auch die CO2-Emissionen sind seit 2012 gestiegen: von rund 180'000 Tonnen auf 400'000 Tonnen. Grund für die Zunahme ist der Kreuzfahrtboom. Wegen der steigenden Nachfrage hat TUI Cruises in den vergangenen Jahren die Schiffsflotte von zwei auf sechs Schiffe erhöht.

Zur Aida-Cruises-Schiffsflotte kommt fast jedes Jahr ein neues Schiff dazu. Der Schwerölverbrauch ist auf einem ähnlichen Niveau wie 2012, doch der Verbrauch von Marinegasöl ist deutlich gestiegen: von 13'000 auf 80'000 Tonnen. Bei der Verbrennung von Marinegasöl entstehen Schwefelemissionen, wenn auch in kleineren Mengen als beim Schweröl. Das Schwefeldioxid bildet Schwefelsäure, die bei Regen Böden und Gewässer in Küstengebieten versauert. Die CO2-Emissionen sind im vergangenen Jahr um 15 Prozent angestiegen, auf 700'000 Tonnen. 2012 lagen sie noch bei rund 500'000 Tonnen.

Emissionen werden weiter steigen

Kein anderes Tourismussegment wächst so schnell wie Kreuzfahrten. Mittlerweile liegen die neuesten Zahlen der Saison 2018 vor. Sie zeigen, dass der Run auf die Schiffe nie geahnte Dimensionen annimmt. Der Branchenverband Clia rechnet für das laufende Jahr mit weltweit 28 Millionen Kreuzfahrtgästen. Ein Anstieg von 1,3 Millionen innert eines Jahres. Betroffen sind vor allem das Mittelmeer und die Karibik. Allein dieses Jahr stechen 17 neue Hochseekreuzfahrtschiffe mit Kapazitäten für 19'000 zusätzliche Passagiere in See. Die Zahl der Kreuzfahrtschiffe in den Auftragsbüchern europäischer Reedereien erreicht Rekordwerte. 66 neue Schiffe sollen bis 2021 ausgeliefert werden. Aktuell sind weltweit rund 450 Kreuzfahrtschiffe im Einsatz.

TUI Cruises und Aida Cruises gehören zu den grössten Anbietern auf dem Schweizer Markt, neben dem Genfer Unternehmen MSC und der Aida-Schwester Costa. Schweizer machen zwar nur einen Anteil von 2 Prozent der europäischen Kreuzfahrtpassagiere aus, sie sind aber gemessen an der Einwohnerzahl überproportional stark unter den Gästen vertreten.

Ein Anstieg der Schadstoffe lasse sich bei einem expandierenden Unternehmen nicht vermeiden, sagt Lucienne Damm, Umweltbeauftragte von TUI Cruises. Pro Kopf seien die Schadstoffe ihrer Schiffsflotte aber zurückgegangen, dank effizienterer Schiffe und neuer Abgassysteme. «Unsere Neubauten fahren 24 Stunden mit einem Abgasreinigungssystem, das Schadstoffe aus den Abgasen filtert. In Hafengebieten verwenden wir Katalysatoren, die bis zu 85 Prozent der Stickoxide filtern.» Für weitere neue Schiffe, die ab 2024 und 2026 in Betrieb gehen, setze TUI Cruises das emissionsarme Flüssigerdgas ein. «Wir machen uns keine Illusionen. Die Emissionen werden weiter steigen. Das gehört zum Erfolg dazu.» Aida Cruises wollte wegen Abwesenheit des Nachhaltigkeitsbeauftragten keine Stellung nehmen.

Keine langfristige Lösung

Niels Jungbluth hält Abgasreinigung für einen Schritt in die richtige Richtung, aber keine langfristige Lösung. Er ist Geschäftsführer bei ESU-Services, einer Schaffhauser Forschungs- und Beratungsfirma im Bereich der Ökobilanzen. Da bei der heutigen Abgastechnik die abgefangenen Abgase auf hoher See entsorgt würden, verlagere sich das Problem von der Luft ins Meer. Der Einsatz von Flüssigerdgas vermindere zwar die Schwefelemissionen, helfe aber nicht beim Hauptproblem Klimawandel, da es die CO2-Emissionen nicht reduziere.

«Bei den Kreuzfahrtunternehmern ist unfassbar viel Geld vorhanden. Sie könnten Umwelttechnologien vorantreiben und neue Standards für die Schifffahrt setzen», sagt Daniel Rieger vom deutschen Naturschutzbund, einem der schärfsten Gegner der Branche. Es gebe keine Entschuldigung für den Einsatz von Schweröl. «Die Schiffe fahren mit einem Tank für Schweröl und einem mit Marinediesel. Sie können in jedem Moment ohne Probleme auf Marinediesel umschalten. Das ist zwar teurer, aber sauberer.» Aus dem Strassenverkehr sei der dreckige Treibstoff längst gebannt worden. «Das ist letztlich Sondermüllverbrennung auf hoher See.» Eine bessere Regulierung der Branche sei dringend nötig.

Die Schiffsbranche ist vom Pariser Klimaschutzabkommen ausgenommen. Im April hat die Internationale Seeschifffahrtsorganisation beschlossen, dass die CO2-Emissionen der Schifffahrt bis 2050 halbiert werden sollen. Dabei handelt es sich aber nur um eine freiwillige Selbstverpflichtung. Ab 2020 dürfen Schiffe auf hoher See nur noch Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von 0,5 Prozent verwenden. Heute gilt für den Schwefelgehalt in den meisten Regionen der Grenzwert von 3,5 Prozent.

Schlechte Nachricht für Hafenstädte

Kreuzfahrtpassagiere tragen deutlich mehr zur Abgasbelastung bei als andere Touristen. Pro Person seien die Abgase um ein Vielfaches höher als bei einem Tag im Hotel oder einer ganztägigen Autofahrt, sagt Niels Jungbluth. Hinzu komme für Schweizer die lange Anreise per Bus, Bahn oder Flugzeug. Auch die Herstellung der Schiffe sei energieintensiv. Ein Tag auf einem Kreuzfahrtschiff, das etwa 530 Kilometer zurücklege, entspreche pro Person der Umweltbelastung einer 1150 Kilometer langen Autofahrt, also der Fahrt von Lugano nach Amsterdam.

Eine durchschnittliche Kreuzfahrt verursacht nach Berechnungen der ESU-Services etwa 115 Kilogramm CO2 pro Tag und Passagier. Im Vergleich dazu fallen bei der Übernachtung in einem Schweizer Hotel pro Hotelgast durchschnittlich 12 Kilogramm CO2 an, also 9-mal weniger. Niels Jungbluth: «Der Kreuzfahrtpassagier verursacht je nach Schiffstyp mindestens 25-mal mehr Schwefeldioxid, Stickoxid- und Feinstaubemissionen als ein normaler Hotelgast.» Die Zahlen seien aber unterschiedlich. «Je länger ein Schiff auf der See ist, je schneller es fährt und je höher die Leistung der Motoren ist, desto höher sind auch die Emissionen.»

«Schiffe lassen zur Stromerzeugung die Motoren laufen. Die Luftverschmutzung ist beträchtlich.»Denis Ody, WWF

Die steigende Abgasbelastung sei nicht die einzige Folge des Kreuzfahrtbooms, sagt Denis Ody, Kreuzfahrtexperte der Umweltschutzorganisation WWF. «Die Motoren machen einen unglaublichen Krach, der die Meeresbewohner stört, es kommt zu Kollisionen mit Walen, und die Schiffe dringen in besonders sensible Meeresgebiete vor.» Wenn das Abwasser an Bord nicht richtig behandelt werde, lande das schmutzige Wasser im Meer. Besorgniserregend sei auch die Situation in Hafenstädten. «Wenn die Häfen keinen Landstrom anbieten, lassen Kreuzfahrtschiffe zur Stromerzeugung die Motoren laufen. Die Luftverschmutzung in der Stadt ist dann beträchtlich.» Ein mittelgrosses Kreuzfahrtschiff produziere so viele Abgase wie eine Agglomeration mit 10'000 Einwohnern, die mit alten Wärmekraftwerken Energie produziert.

Im Juni diskutierte der Stadtrat in Marseille über eine Abgabe für Kreuzfahrtpassagiere. Die Einnahmen hätten zur Bekämpfung der Luftverschmutzung verwendet werden sollen. Der Vorschlag aus der sozialdemokratischen Fraktion fand im Parlament keine Mehrheit. Nun wird das Thema Schiffsabgase vor dem Gericht in Marseille verhandelt. Das Kreuzfahrtschiff Azura vom Betreiber P&O Cruises soll im März die gesetzlichen Grenzwerte für Schwefelemissionen überschritten haben. Dem Kapitän drohen bis zu einem Jahr Gefängnis und 200'000 Euro Strafe.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2018, 14:44 Uhr

Kulturerbe bedroht

In Barcelona, Civitavecchia, Mallorca, Marseille und Venedig gingen im vergangenen Jahr mehr als eine Million Touristen von Bord, wie neue Daten der Vereinigung der Mittelmeerhäfen Medcruise zeigen. Oft drängen mehrere Tausend Touristen gleichzeitig von den Kreuzfahrtschiffen in die Hafenstädte. In Venedig, Dubrovnik und Valletta wird es wegen der hohen Zahl der Kreuzfahrtgäste und anderer Touristen zunehmend schwierig, das Weltkulturerbe zu schützen, wie Berichte der Unesco kritisieren. In Valletta ist die Zahl der Kreuzfahrtgäste seit 2013 um mehr als 60 Prozent gestiegen. Inzwischen sind es 2000 täglich. Durchschnittlich kommt an einem Tag ein Passagier auf drei Einwohner. (vam)

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