Ein Wasserfall verschwindet – und der Klimawandel ist schuld

Sobald es taut, stürzt seit jeher ein Wasserfall ins Kandertal. Doch das Schauspiel bleibt immer öfter aus. Was ist da los? Eine Höhlen-Expedition zu den Ursachen.

Der Geltenbachfall ist eine Wucht – sofern er nicht ausbleibt. Foto: BOM

Der Geltenbachfall ist eine Wucht – sofern er nicht ausbleibt. Foto: BOM

Mit jedem Schritt bricht Forschungsleiter Hansueli Kallen, von allen «Huk» genannt, tief in den Schnee ein. Ihn drücken gleich zwei schwere Rucksäcke nach unten, vier weitere Personen folgen ihm, ebenso schwer beladen mit Gepäck und Pressluftflaschen. Der Weg führt in der Morgendämmerung vom Talboden des abgelegenen Gasterentals im Berner Oberland steil zu einer Felswand, an der ein frei hängendes Seil beinahe siebzig Meter nach oben führt. Es endet in einem Höhlenportal, das in der gewaltigen Wand von unten kaum zu erkennen ist.

Huk ist seit seiner Kindheit in den Bergen und Höhlen der Region unterwegs und leitet heute die Erforschung der Geltenbachhöhle. Dort geht er einem Phänomen nach, das beispielhaft steht für die Veränderungen der Alpen durch den Klimawandel.

Um zu verstehen, warum die Höhlenforscher an diesem eisigen Morgen überhaupt unterwegs sind, lohnt sich ein Blick in den Herbst 2011. Huk war damals wie so oft mit dem Mountainbike vom Tausend-Seelen-Dorf Kandersteg auf dem Weg ins Gaste­rental. Er blickte zum Höhleneingang, doch der Wasserfall, der dort zu dieser Jahreszeit normalerweise zu Boden stürzt, war verschwunden. Sonst rauschen hier von Frühling bis Herbst aus dem Berg von weit her gut hörbar bis zu 1200 Liter Wasser pro Sekunde in die Tiefe, ein grandioses Naturschauspiel.

«Wenn es plötzlich eng wird, bist du falsch»

Fassungslos rief Huk einen befreundeten Bergsteiger an. Doch auch er war ratlos. Die Höhle ist mit einem Alter von etwa 25000 Jahren geologisch gesehen zwar jung, aber solche massiven Veränderungen sind äusserst selten. Die Freunde entschieden sich, dem Rätsel nachzugehen.

Huk steigt vom Seil in den Höhleneingang und fordert den Nächsten auf, ihm zu folgen. Die Männer ziehen Pressluftflaschen in unterschiedlichen Grössen, Neoprenanzüge, Tauchmasken und anderes Material in die Höhle. Oben angekommen, wechseln sie ihre Kleidung, den Rest des Tages werden sie im Neoprenanzug verbringen. Gegenüber hat das Sonnenlicht inzwischen den Gipfel des Doldenhorns erfasst.

Das Wasser sucht sich einen Weg durch Spalten in den Felsen, der dann in Jahrtausenden immer weiter zerklüftet wird.

Mit Stirnlampe und Flaschen auf dem Rücken gehen die Höhlenforscher durch gewundene Gänge. Sie waten hindurch, steigen wieder höher, plötzlich wird es eng. Auf allen vieren kriechen sie weiter und gelangen schliesslich zu einer weiteren Wasserstelle. Huk instruiert einen Kollegen, bevor er als Erster ins Wasser tauchen wird: «Halte dich rechts, folge dem pinken Seil. Wenn es plötzlich eng wird, bist du falsch.» Kurz scheint im Wasser noch ein Licht auf, dann ist er weg, um den Siphon, wie geflutete Höhlenabschnitte genannt werden, zu durchqueren.

«Willkommen auf der Schattenseite des Mondes», begrüsst Huk die ihm nachkommenden Taucher auf der anderen Seite des 40 Meter langen Siphons. Höchstens ein Dutzend Menschen haben diese verborgene Welt je betreten.

Die Geltenbachhöhle befindet sich, wie der überwiegende Teil aller Höhlen weltweit, im Kalkstein, in sogenannten Karstsystemen. Das Wasser sucht sich einen Weg durch Spalten in den Felsen, der dann in Jahrtausenden immer weiter zerklüftet wird. Je nach Zusammensetzung des Kalkgesteins löst es sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit, sodass die Hohlräume unregelmässig ausgebildet sind: mal als schmale Spalte, mal als grosse Höhle.

Mit der Schneeschmelze kehrte er stets zurück

Um zu verstehen, warum der Geltenbach exemplarisch steht für eine Veränderung der Alpen, gilt es der Frage nachzugehen, warum der Bach, wenn überhaupt, nur in den Sommermonaten zu sehen ist. Am wahrscheinlichsten ist, dass sich irgendwo im Karstsystem eine oder mehrere Engstellen befinden, sogenannte Flaschenhälse. Wenn viel Wasser von den Gipfeln dort hineinfliesst, sei es durch heftigen Regen oder Schneeschmelze, staut es sich in diesen Engstellen. Doch diese speichern das Wasser nicht lange, denn es sucht sich rasch andere Wege durch den Felsen. Der grösste davon im Karstsystem des Geltenbachs ist der Geltenbachfall.

Er funktioniert also wie eine Art Überdruckventil: In trockenen Perioden oder im Winter, wenn der Niederschlag als Schnee fällt und die Gletscher kaum Wasser abgeben, reicht die Wassermenge nicht für einen Überdruck – und der Wasserfall versiegt. Der Geltenbach hat deshalb in Kandersteg noch einen anderen Namen: «Lugibach», der Lügenbach, der sich nicht an Regeln hält. Mal fliesst er am Morgen, mal am Abend, mal mitten am Tag oder mal gar nicht.

Forscher Hansueli Kallen giesst Markierfarbe ins Wasser. Foto: National Geographic

In einer Sache schwindelte er bislang aber nie: Mit der Schneeschmelze im Frühjahr kehrte er stets zurück und machte sich erst im Winter wieder rar. Dass es nun anders ist, steht in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel: Die Schneeschmelze findet immer früher statt, die Gletscher verlieren an Volumen.

Die trockenen Sommer führen zusätzlich dazu, dass die Karst­systeme mit weniger Wasser versorgt werden. Kristalline Gesteine können Wasser in Spalten und Rissen über lange Zeit speichern und auch bei fehlendem Niederschlag stets ähnliche Mengen abgeben. Im Unterschied dazu gehen den alpinen Karst­systemen, wie bei der Geltenbachhöhle, die Wasservorräte aus, sagt Rolf Weingartner, Professor für Hydrologie an der Universität Bern. «Aufgrund ihrer Durchlässigkeit sind sie nicht in der Lage, dies auszugleichen.»

Huk und die anderen Höhlenforscher lassen die Tauchgeräte am Siphon zurück. Das nächste Ziel ist ein Bach mitten im Berg. Vier Stunden dauert der Weg durch das Gestein, in den engen Gängen müssen sie meist robben. Immer wieder unterbrechen tiefe Schächte ihren Weg. An Seilen geht es dort hinauf oder ­hinab. Trotz der Anstrengung zeigen die Forscher kaum Müdigkeit und halten weder zum Trinken noch zum Essen an. Huk kriecht zuvorderst. Stunden vergehen. Es wird kaum gesprochen. Das Ziehen der Schleifsäcke hallt im Gang.

In sieben Stunden würden sie automatisch gerettet

Plötzlich ist ein Plätschern zu hören. Zuerst nur leise, dann immer lauter. Und dann haben sie endlich ihr Ziel erreicht: Der Bach fliesst anmutig um eine Windung und rinnt schliesslich als kleiner Wasserfall etwa dreissig Meter in die Tiefe. Im Unterschied zu den engen Gängen ist die unterirdische Landschaft hier geradezu lieblich. Ein kleines Flusstal, gerade mal fünf Meter hoch, windet sich durch den Fels. Das Ganze etwa zwei Kilometer tief im Berg.

Um herauszufinden, wohin das Wasser fliesst, wenn es denn nicht mehr aus dem Wasserfall stürzt, giesst Huk neongrünes Fluorescein in den Bach. Der Farbstoff kann in kleinsten Mengen nachgewiesen werden und lässt so Schlüsse über den Abfluss komplexer Wassersysteme zu. Huk hofft den Farbstoff später draussen in der Kander wiederzuentdecken und zu verstehen, wo er an die Oberfläche tritt.

Sieben Stunden bleiben nun noch, bis der Rettungsdienst automatisch eine Bergung der Männer veranlassen würde. Die Forscher machen sich auf den Rückweg. Immer wieder halten sie an, um zu fotografieren. An einer Engstelle passen ihre Körper gerade so durch, mühsam schieben sie sich in Richtung Ausgang.

«Weiter, weiter», ruft Huk. Die Fotos sind gemacht, nun liegen die Tauchgänge vor ihnen. Zurück geht es schneller, der Drang, endlich wieder in die Weite zu blicken, treibt sie an. Sie lassen den Siphon hinter sich. Der Gang weitet sich, und schon bald können sie wieder aufrecht gehen. Schritt für Schritt öffnet sich der Berg, bis es plötzlich steil nach unten geht.

Draussen ist bereits tiefe Nacht. Als sie zurückkehren ins Tal, zeigt sich die Kander klar, von grüner Farbe keine Spur. Das Wasser muss einen anderen Weg durch den Berg genommen haben. Nicht jedes Geheimnis des Geltenbachs lässt sich lüften, und doch ist klar: Schmelzende Gletscher, frühe Schneeschmelze und trockene Sommer verändern ihn und damit die gesamte Region. «Extremes Niedrigwasser im Sommer wird voraussichtlich immer öfter zum Normalfall», sagt Rolf Weingartner von der Universität Bern.

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