Die globale Karriere der Nationalblume

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum: Die alarmrote Zierblume sei der Inbegriff eines einheimischen Gewächses. In Wahrheit ist das Geranium eine Wildblume aus Afrika. Ihre Migration und Einbürgerung erhellt eine Schau im Alpinen Museum in Bern.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

In einem Museum sind Geranien definitiv fehl am Platz. Sie gehören in ein Blumenbeet. Oder in eine Blumenkiste, die die Ortstafel eines Dorfes, die sonnengebräunte Fassade eines Chalets oder die Fensterbänke eines Berner Altstadthauses verschönert. In diesen Tagen stehen die Geranien aber auch im Treppenhaus des Alpinen Museums in Bern Spalier. Direktor Beat Hächler räumt gleich ein, dass die Blumen aus Plastik sind. Trockenheit und mangelhafte Sonneneinstrahlung wären im schattigen Museum für echte Geranien subop­timal. Und doch, sagt Hächler, sei das Geranium in seinem Museum genau richtig.

Mythos der Nationalpflanze

Wie das? Die alarmrote Blume sei ein bedeutungsschweres Symbol, und sie geniesse den Ruf einer Schweizer Nationalpflanze, der ihr höchstens vom Edelweiss streitig gemacht werde, erklärt Hächler. Sie eigne sich also bestens dazu, in einem Museum präsentiert und hinterfragt zu werden. «Um das Geranium kommt man in der Schweiz nicht herum, man begegnet ihm überall, vom Bergdorf bis in die Stadt, vom öffentlichen Park bis auf den privaten Balkon», fährt Hächler fort. Man komme auch nicht darum herum, eine Haltung zum Geranium zu haben: «Entweder liebt man es oder man verachtet es als Symbol der Biederkeit.»

Das Spannendste an der populären Blume ist für Hächler, dass der Mythos von der Nationalpflanze schlicht falsch ist. Denn die angeblich einheimische Hege- und Zuchtblume ist in Wahrheit eine eingewanderte Wildpflanze aus Afrika. Das Alpine Museum werde die Migrationsgeschichte des Geraniums ausleuchten, und die sei noch auf­regender und folgenreicher als die Einbürgerung albanischer ­Secondos für die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, kündigt Hächler an. Er freut sich diebisch über die Analogien zwischen floraler und humaner Migration. «Wenn man zeigen will, wie sich in der Globalisierung die Grenzen zwischen fremd und heimisch verwischen, dann ist das Geranium ein wunderbarer Zeuge», findet Hächler.

Auf seinem Schreibtisch schiebt er einen Plastikgeranienstrauss zur Seite, um Platz zu schaffen für Fotos, Zeichnungen und Texte, die den Weg des nach Europa verpflanzten Geraniums abstecken. Ab Montag bilden ­diese Dokumente die Sonderschau «Out of Africa – Wie das Geranium in die Schweiz kam» im kleinen Ausstellungsraum Biwak des Alpinen Museums. Die Schau beschreibt die Metamorphose des Geraniums in vier historischen Kapiteln mit folgenden Titeln: eingewandert, eingebürgert, verschweizert, globalisiert.

Die Schau ist der Beitrag des ­Alpinen Museums zum Spektakel «Geranium City», mit dem die Stadt Bern ab nächster Woche bis Ende September mit vielen Events mehrerer Veranstalter und mit der 60. Ausgabe des «Graniummärits» ihr inniges Verhältnis zur rot-grünen Blume feiert.

Die Einwanderung

Drehen wir die Zeit zurück. Das Märchen vom Geranium beginnt so: Es war einmal eine robuste und genügsame Wildblume in den Bergen am Kap der Guten Hoffnung, die von den südafri­kanischen Ureinwohnern als Duft- und Medizinalpflanze genutzt wurde. Weissen Europäern kommt sie erstmals in einem Garten unter die Augen, den die holländische Ostindien-Kompanie 1652 am Kap der Guten Hoffnung zur Versorgung ihrer Schiffsmannschaften auf dem Weg nach Indien anlegt. Der in holländischen Diensten stehende deutsche Schiffsarzt und Botaniker Paul Hermann lässt dann um 1680 die ersten Geranien nach Europa bringen. Die zähe Blume übersteht die Überfahrt mühelos.

«Das Erstaufnahmeland der Migrantin aus Afrika ist Holland», sagt Hächler mit einem ­Lächeln. Bis gegen 1690 dürften wohl die wesentlichen Geranienarten in Holland angekommen und im botanischen Garten der Stadt Leiden angepflanzt worden sein. Die Botaniker hätten der Pflanze den wissenschaftlichen Namen Pelargonium gegeben, durchgesetzt habe sich aber der eigentlich falsche Name Geranium africanum, weiss Hächler.

Er raschelt jetzt in seinen Blättern und findet die erste Zeichnung eines Geraniums, die der in Leiden und Amsterdam tätige Botaniker Jan Commelin nach 1690 anfertigen liess. «Es ist der erste Steckbrief, das Passfoto der Migrantin aus Afrika», erklärt Hächler. Die Einwandererin schafft es gleich in die besten Kreise. Von Hollands botanischen Gärten der Gelehrten wird sie in die Gewächshäuser und Gärten von Europas Adel weitergereicht. Das Geranium wird grenzüberschreitend mobil.

Die Einbürgerung

Vom Berner Universalgelehrten Albrecht von Haller ist überliefert, dass er in seiner Göttinger Zeit (1736–1753) im botanischen Garten der dortigen Universität 17 Geraniensorten aus Holland ansiedelt. Kaum in Europa angekommen, ist die Blume schon eine Vorzeigeausländerin.

Schweizer Boden erreicht das Geranium 1715, im Lustgarten des Zürcher Anatomen Johann von Muralt. Die erfolgreiche Integration der Blume in der Schweiz sei aber schwer zu rekonstruieren, sagt Hächler. Er zieht einen Ausdruck von Albert Ankers Gemälde «Mädchen Hühner fütternd» aus dem Jahr 1865 hervor. In einem Blumentopf auf der Bauernhofszenerie spriessen Geranien. Ein typischer Schweizer Bauernhof, er schmückt sich mit der rotwangigen Blume.

Aber Hächler schüttelt den Kopf und korrigiert einen wei­teren Irrtum: Das Geranium ist zuerst eine Stadtpflanze. Das Anker-Bild ist der früheste Beleg für die Ankunft des Geraniums auf dem Land, den Hächler gefunden hat. Wohlhabende Stadtbürger dürften Stecklinge der vermehrungsfreudigen Blume in die Bauerndörfer auf dem Land mitgebracht haben.

Die Verschweizerung

Ende 19. Jahrhundert verbreitet sich das Geranium flächendeckend, zahllose Sorten mit unterschiedlicher Blütenfarbe und Blattmustern werden gezüchtet. Die Popularisierung der Blume mutet vor allem in der Stadt wie ein Triumphzug an. 1897 lanciert der 1887 gegründete Verschönerungsverein der Stadt Bern erstmals eine Prämierung blumen­geschmückter Fenster in der Altstadt sowie in den Aussenquartieren der Stadt. 1913 publiziert er die Broschüre «Der Blumenschmuck der Fenster und Balkone» mit illustrierten Anregungen zum fachgemässen Arrangement der Blumen.

2500 Berner Mädchen marschieren 1937 beim Umzug «Bern in Blumen» als Blumensorten verkleidet durch die Stadt. Die Filmaufnahmen, die Hächler am Computer zeigt, sind schon farbig und lassen deshalb keinen Zweifel daran, dass die rote Geranie zu den Stars des Umzugs gehörte. Den Geranienmädchen folgt auf einem Wagen ein Miniaturspeicher aus Holz, der üppig mit ­Geranien verziert ist. Im Film unterstreicht ein eingeblendeter Mundartspruch die Einbernerung der Blume: «Es git nüt Schöners uf der Loube als ds Granium, das chasch mer gloube.»

Filmausschnitt: «Alles in Blumen!», Alpines Museum Schweiz

«Als Botschafterin des Heimatstils soll das Geranium ab 1900 mit seinem ländlichen Idyllen­image helfen, die dicht verbauten, modernen, grauen Städte aufzuhübschen und farbiger zu machen», erklärt Hächler die ­gesellschaftspolitische Mission der Blume. Er nennt das Geranium ein «Harmonisierungsmittel» zwischen Stadt und Land.

Offensive in Bern

In der Stadt Bern scheint der ­Boden für die Geranienoffensive besonders fruchtbar zu sein. Seit 1937 werden bis heute lückenlos jedes Jahr blumengeschmückte Fenster nach einem Punktesystem prämiert. Seit 1957 findet in der Stadt jedes Jahr der «Graniummärit» statt. Ab den 1950er-Jahren tritt das Geranium im rechteckigen Habitat der Eternitblumenkiste auf, die der Designer Willy Guhl entworfen hat. 1963 wird die 20-Rappen-Briefmarke der Pro Juventute mit dem Geranium ein Bestseller.

Erst in den 1950er Jahren erklimmt es auch die Alpentäler, hat Hächler recherchiert. Auf früheren Fotos sind Bergdörfer noch schmucklos. Als Walliser Dörfer mit Fotos den Tourismus anzu­locken beginnen, tragen die Chalets plötzlich Geranienschmuck. «Das Geranium ist nun auch zu einer Tourismusbotschafterin geworden», sagt Hächler.

Die Globalisierung

1984 wird Bern von einer inter­nationalen Entente florale zur schönsten Blumenstadt Europas erkoren. «Da ist das Verhältnis zum Geranium gerade noch ungebrochen, aber dann setzt eine Entfremdung ein», sagt Hächler. Die Ansichten über die rote Blume gehen langsam auseinander. Im Zuge der 1980er-Bewegung wird das Geranium für links stehende Kreise ein Inbegriff kleinbürgerlicher Spiessigkeit. Für die konservativeren Verteidiger des Geraniums verkörpert es jetzt erst recht gutschweizerische Tugenden: Es ist bescheiden, genügsam, günstig.

Wir sind in der Gegenwart angelangt. Hächler führt Werbefilme holländischer und deutscher Blumengrosshändler vor. Sie zeigen, wie das Geranium heute in globaler Arbeitsteilung indus­triell hergestellt wird. Im Labor in Europa werden zuerst auf Wunsch jedes Jahr neue Sorten designt. Die Mutterpflanzen dieser Sorten wachsen dann in Hightech-Treibhäusern in Äthiopien, im zentralamerikanischen El Salvador oder auf den Kanarischen Inseln auf. Für kurze Zeit kehren sie in jene milden Weltregionen zurück, aus denen sie einmal aufgebrochen sind.

Heere von einheimischen Arbeiterinnen und Arbeitern schneiden in den Treibhäusern von Hand Millionen von Geranienstecklingen, die mit Flugzeugen dann zu uns, in die gemässigten Klimazonen, verfrachtet werden. Hier werden sie in Gärtnereien eingepflanzt, damit sie Wurzeln schlagen und gross werden. Auch die Berner Stadtgärtnerei beziehe ihre Stecklinge von Grosshändlern, weiss Hächler.

Meisterin der Anpassung

Durch die globalisierte Herstellung der Geranie seien die Grenzen zwischen heimisch und fremd noch einmal verwischt worden, sagt Hächler. «Niemand weiss mehr richtig, wo das Geranium herkommt.» Fast schwingt etwas Melancholie in seinem Satz mit. Ist die einstige Migrantin heimatlos?

Hächler zupft an einem Plastikblütenblatt der Tischgeranie und denkt nach. «Nein», sagt er, «das Geranium ist vielmehr auf der ganzen Welt heimisch geworden.» Die Blume habe seit ihrem Aufbruch aus Afrika eine fantastische Karriere hingelegt. Sie habe sich als ein globales Symbol für robuste und gemütliche Schönheit durchgesetzt und sei in zahllosen Ländern der Welt eingemeindet worden. «Diese Anpassungs- und Integrationsfähigkeit ist die wahre Stärke des Geraniums.»

Die Ausstellung «Out of Africa – Wie das Geranium in die Schweiz kam» ist im Alpinen Museum, Helvetiaplatz 4, in Bern vom 12. April bis 14. August zu sehen. Sie ist Teil des Grossevents «Geranium City»des Botanischen Gartens der Uni Bern, von Stadtgrün Bern, des Alpinen Museums und der Kornhausbibliotheken (bis Ende September).

Berner Zeitung

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