Die praktischen Gründe der Selbstversorgung

Nachgehackt

Nur noch saisonales Gemüse, keine Überforderung mehr im Supermarkt, kreative Rezepte umsetzen: Warum sich unsere Redaktorin ausschliesslich vom eigenen Gemüse ernährt.

Kürbissuppe ist ein leckerer Winterklassiker. Doch mit Wintergemüse lassen sich auch abenteuerlichere Rezepte umsetzen.

Kürbissuppe ist ein leckerer Winterklassiker. Doch mit Wintergemüse lassen sich auch abenteuerlichere Rezepte umsetzen.

(Bild: iStock)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Wie war das wohl früher, bevor in jedem Haus eine Kühltruhe stand und in jedem grösseren Ort ein Supermarkt? Was gab das Vorratslager da noch her an Silvester? Berner Platte mit Sauerkraut, Dörrbohnen, Wurst und Speck bei den Reichen? Apfelschnitz mit Randensalat und Kartoffelbrei bei den Ärmeren?

Neu ist die Erkenntnis nicht, doch wenn ich dieser Tage durch einen Supermarkt streife, erfasst mich manchmal das blanke Entsetzen: was da alles verkauft wird in dieser sterilen Umgebung, wo Jahreszeiten und Saisonalitäten nach eigenem Geschmack ausgerufen werden.

Und noch schlimmer: was da alles gekauft wird. Alles, nämlich. Ich weiss, natürlich, die Festtagsmenüs sind geplant, man gönnt sich etwas, und wenn in den Festschmaus Peperoni reingehören, werden Peperoni gekauft.

Wenn es Erdbeeren oder Spargeln sein sollen, dann auch. Aber mich überfordert das Ganze. Und ich kehre meistens überstürzt nach Hause zurück. Hintersinne mich, studiere Rezepte, gleiche sie mit dem Bestand ab.

Der da ist: ein halber Harass Randen, verschiedene Kürbisse, viele Zwiebeln. Haberwurz bis zum Abwinken, etwas Karotten und Sellerie. Federkohl, Lauch und chinesischer Spinat im Garten.

Immer noch ein bisschen Kräuter, wenig Feldsalat, missratener Zuckerhut. Sehr viel Sauerkraut, etwa zwei Portionen Dörrbohnen, unendlich viel Sugo, scharf und nicht scharf, Ratatouille im Glas, eingemachte Peperoni. Im Gefrierschrank Bohnen, Krautstiel, Kefen, Kohlrabi, Lattich, noch ein bisschen Pesto.

Na ja, ich sollte nicht bluffen. Der Kollege macht sonst Sprüche, und der Mann ärgert sich, weil er Tiefstapeln sympathischer findet. Ich will ja auch nicht angeben. Was ich sagen will: Der Winter gibt auch viel her.

Es lohnt sich, saisonal zu essen, es lohnt sich, kreativ zu sein. Zum Beispiel bei Randen und Kürbis. Beides Problemfälle. Denn bei beiden gibt es in einem guten Jahr sehr viel Ertrag. Manche Kürbisse halten sich bis zum nächsten Herbst, auch Randen sind im Frühjahr noch nicht allzu schrumplig.

Und bei beiden kennen die meisten nur das Standardrezept: Kürbissuppe und gekochter Randensalat. Und dieses Menü mehr als einmal die Woche? Da macht der Mann ein langes Gesicht, die Kinder auch und am Schluss sogar ich.

Darum habe ich über die Jahre Rezepte angesammelt. Wie wäre es mit Randenchips? Oder mit Randencarpaccio? Und ukrainischer Borschtsch ist auch in der vegetarischen Variante lecker. Viel halte ich auch von Kürbisbörek und Kürbisköfte, die beide aus abenteuerlichen Mischungen bestehen. Und Kürbislasagne wärmt auch im Winter.

Bin ich deswegen eine Fundamentalistin? Vielleicht. Aber ich beschränke mich nicht nur wegen meiner ideologischen Weltsicht auf das eigene Gemüse. Ich mache es vor allem aus praktischen Gründen und aus Selbstschutz.

Denn für mich gestaltet sich das Leben viel leichter, wenn ich von dem ausgehe, was ich habe, und dann schaue, was ich daraus machen kann. Und da gibt es – im Gegensatz zu früher – sehr viele Möglichkeiten.

Marina Bolzli lebt mit ihrer Familie in einem alten Taunerhaus im Berner Seeland und bewirtschaftet einen Bauerngarten.

Diese Kolumne erscheint jeweils am letzten Montag im Monat.

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