«Ein Streichholz, und der Wald brennt»

In Südamerika verbrennen neben Regenwald auch Millionen Hektaren tropische Trockenwälder. Der Botaniker Klaus Mummenhoff erklärt, was diesen Lebensraum so einzigartig macht – und warum er so bedroht ist.

In Bolivien – wie hier bei Charagua – wüten die Waldbrände dieses Jahr noch heftiger als in Brasilien; sie wurden grösstenteils gelegt. Foto: Aizar Raldes (AFP)

In Bolivien – wie hier bei Charagua – wüten die Waldbrände dieses Jahr noch heftiger als in Brasilien; sie wurden grösstenteils gelegt. Foto: Aizar Raldes (AFP)

Bei den Tropen denken die meisten an dichten Dschungel, Regenwald. Sie forschen ­dagegen seit mehr als 20 Jahren über tropische Trockenwälder. Was fasziniert Sie so daran?
Die Anpassung von Arten an diesen Extremstandort. Typisch für einen tropischen Trockenwald ist der Wechsel von ausgeprägten Regen- und Trockenzeiten. Die Jahresmitteltemperaturen betragen 24–30 Grad Celsius mit Spitzen bis zu 43 Grad. Während es in der Regenzeit sehr nass ist und das Gebiet an einen Tieflandregenwald erinnert, liefert der Wald in der Trockenzeit ein völlig anderes Bild. Die meisten Baumarten werfen als Verdunstungsschutz in dieser Zeit ihr Laub ab, viele Bäume blühen und fruchten. Trockenwälder gibt es auf allen Kontinenten, und sie gelten als die am stärksten bedrohten tropischen Ökosysteme – vor Tieflandregenwäldern, Mangroven und Korallenriffen.

Welche Pflanzen machen diese Ökosysteme aus?
Die Wälder sind reich an Baum-, Strauch- und Lianenarten und weisen Kakteen und Aufsitzerpflanzen auf. Auch viele Tierarten gibt es. Allein in Costa Rica leben in Trockenwäldern 76 verschiedene Reptilien und Amphibien, 270 Vogelarten, 117 Säugetierarten und über 13000 Insektenarten. Es gibt Bäume mit einer dicken feuerresistenten Borke, Bäume, die auch nach dem Blattabwurf mithilfe ihrer grünen Stammoberflächen Fotosynthese betreiben, und solche mit ausgeprägtem Wasserspeichergewebe. Einige dieser Bäume können in ihren Stämmen Hunderte ­Liter Wasser speichern.

Zuletzt waren die Tropen wegen der verheerenden Brände in Südamerika in den ­Schlagzeilen. Wie gefährlich ist Feuer für Trockenwälder?
Trockenwald eignet sich sehr gut zur Brandrodung. In der Trockenzeit bedeckt ein Teppich aus trockenem Laub den Waldboden. Dann braucht es nur noch ein Streichholz, und der Wald brennt. Das war in diesem Jahr weniger in Brasilien der Fall als in Bolivien. Berichtet wurde ja in den Medien zumeist über Brasilien. Dort verbrannten etwa 1,25 Millionen Hektar, zumeist Tieflandregenwald. In Bolivien verbrannten dagegen schätzungsweise bis zu 5,3 Millionen Hektar – und das waren vorwiegend Trockenwälder. Zehntausende Bolivianer warfen der Regierung um Evo Morales vor, mit der Förderung der Umwandlung von Wald in Rinderweiden und Ackerflächen die Basis für viele ausser Kon­trolle geratene Brände bereitet zu haben, und demonstrierten im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Oktober gegen die Regierung. Denn die Brände wurden grösstenteils von Menschen gelegt – um Platz für Viehweiden und den Anbau von Soja, Chia und Sonnenblumen zu schaffen.

«Nur noch zehn Prozent der ursprünglichen tropischen Trockenwälder sind weltweit übrig.»Klaus Mummenhoff, Botaniker Universität Osnabrück

Wer hat denn Druck gemacht?
Vor allem die betroffene lokale Bevölkerung, aber auch gebildete Schichten in ganz Bolivien protestierten gegen diese des­truktive Politik. Während die Grossgrundbesitzer an den ganz grossen Flächen interessiert sind, haben die in der Regel nur für den Eigenbedarf produzierenden Kleinbauern eher keinen Anteil am Export – und auch kein Interesse an grossflächigen Brandrodungen. Das ist aber die grösste Gefahr für dieses Ökosystem: Der Bedarf an Flächen für die Rinderzucht, aber auch den Futtermittelanbau für die intensive Tiermast weltweit.

Liegt das nur an der leichten Entflammbarkeit?
Schon vor Hunderten Jahren ist es in den Trockenwaldgebieten zu Brandrodungen gekommen. In der Trockenzeit ist der Wald nicht nur leichter zu roden, es können auch leichter Güter transportiert werden, das Klima ist günstig, und die Böden sind relativ fruchtbar. So haben bereits präkolumbianische Kulturen wie die Inka auf gerodeten Trockenwaldflächen Mais, ­Tomaten, Bohnen und Erdnüsse angebaut. Somit sind die Anfänge der Zivilisation in Süd- und Mittelamerika wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Trockenwäldern zu sehen.

Ist dieses Ökosystem denn schon weitgehend erforscht?
Sicher nicht. Das liegt daran, dass deutlich mehr Forschergruppen im Tieflandregenwald arbeiten als im Trockenwald. Es sind aber auch nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Flächen vorhanden. Wenn der Mensch nicht eingegriffen hätte, würden tropische Trockenwälder in grossen Teilen der Tropen dominieren. Fast der ganze zentrale und südliche Teil Indiens würde vom ­Klima her vorwiegend Trockenwälder tragen – aber von denen ist nicht mehr viel übrig. Bis auf einige Fragmente wurde der Wald im letzten Jahrhundert gerodet. Das ist das generelle Problem: Es gibt weltweit keine grösseren zusammenhängenden Trockenwaldflächen mehr – so wie es beispielsweise für den amazonischen Tieflandregenwald der Fall ist. Diese Fragmentierung erschwert den Schutz über Landesgrenzen hinaus.

Wie sähe ein wirksamer Schutz denn aus?
Kleinräumig habe ich das in ­Costa Rica gesehen. Die Flächen müssen streng geschützt werden. Verbote von Jagd und Brandrodung sowie ein aktives Feuermanagement, also das kontrollierte Abbrennen von Grasflächen und die konsequente Bekämpfung von Waldbränden, sind wichtige Schritte. Kleinere Bestandslücken können sich dann selbstständig aus den benachbarten reiferen Waldgebieten ­regenerieren. Weit auseinander liegende Waldinseln müssen mit biologischen Korridoren verbunden werden, um Lebensräume zu vernetzen und den Austausch genetischer Ressourcen zu ermöglichen. Ausserdem versucht man, die lokale Bevölkerung mit einzubeziehen. Sie wird als Ranger in den Schutzgebieten und Nationalparks eingesetzt, kontrolliert und bekämpft Feuer und brennt aggressive invasive Gräser nieder.

Aus illegal gefällten Bäumen entsteht teilweise auch ­Holzkohle. Können Verbraucher das erkennen?
Es taucht immer wieder Holzkohle auf, die aus Tropenholz hergestellt wurde. Es ist nur schwer nachzuverfolgen, ob Holzkohle aus Plantagenholz oder geschützten Waldbäumen hergestellt wurde. In Namibia gibt es ein interessantes Projekt, bei dem man die Holzkohle nur aus invasiven Gehölzen herstellt, die für das heimische Ökosystem schädlich sind. Aber lässt sich das im Einzelnen immer überprüfen? Wenn man unbedingt Holzkohle verwenden möchte, dann sollte man zumindest auf ein seriöses Gütesiegel achten, Holzkohle aus heimischen Forsten oder alternative Grillkohle etwa aus Olivenkernen verwenden. Sonst besser einen Gasgrill.

Die Regenwälder gelten als die Lunge der Welt. Haben auch die Trockenwald-Ökosysteme eine überregionale Bedeutung?
Unter dem Gesichtspunkt der steigenden Temperaturen und vermehrten Dürren wäre es auf alle Fälle wichtig, wenn wir weltweit solche gut angepassten Wälder stärker schützen würden. In Europa ist ja die Diskussion in vollem Gange, wie wir unsere Wälder für den Klimawandel wappnen, indem wir etwa mehr dürreresistente Baumarten anpflanzen. Bäume aus tropischen Trockenwäldern eignen sich natürlich nicht für unsere heimischen Wälder, aber vielleicht können sie ja von zunehmender Dürre bedrohte Wälder in wärmeren Klimazonen stabilisieren. In jedem Fall ist der tropische Trockenwald ein einzigartiges Biom, das schon aus sich heraus Schutzstatus geniessen sollte.

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