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Militante Gentechkritiker zerstören ETH-Versuchsfelder in Deutschland

Bei einer gewaltsamen Nacht-und-Nebel-Aktion wurden zwei Freilandversuche mit Schweizer Genweizen niedergetrampelt.

Vor dem Angriff am 11. Juli: Schweizer Gentechweizen in einem Freilandversuch am Standort Üplingen.
Vor dem Angriff am 11. Juli: Schweizer Gentechweizen in einem Freilandversuch am Standort Üplingen.
PD

Gentechgegner haben vor zwei Wochen in Norddeutschland zwei Ackerflächen mit gentechnisch verändertem Weizen sowie gentechnisch veränderten Kartoffeln restlos zerstört. Bei den Weizenversuchen handelt es sich um ein Projekt der ETH Zürich, wie aus einer Pressemitteilung des deutschen Bundesministeriums für Forschung und Bildung zu ersehen ist. Der niedergetrampelte Genweizen, der besonders resistent gegen Brandpilze ist, soll dereinst eine chemische Behandlung des Getreides gegen Pilzbefall erübrigen. Die Testpflanzen selber sind jedoch nicht für den kommerziellen Gebrauch vorgesehen.

Die Täter bedrohten in den Nächten vom 8. auf den 9. Juli am Versuchsstandort Gross-Lüsewitz bei Rostock und vom 10. auf den 11. Juli im Schaugarten Üplingen in Sachsen-Anhalt den jeweils einzigen Wachmann in seinem Schutzhäuschen. An beiden Standorten, die rund 150 Kilometer voneinander entfernt liegen, wuchs auf unterschiedlich grossen Flächen der ETH-Gentechweizen. Die Tätergruppe rückte gemäss Presseberichten im Dunkeln mit Gummiknüppeln und Pfeffersprays an, nahm den Wachleuten die Handys weg und zerstach ihre Autoreifen. Im Wachhäuschen eingeschlossen, wurde ein Wachmann von den Tätern mit Scheinwerferlicht geblendet.

Nach Angaben der Polizei in Rostock sind die Täter unerkannt entkommen. Nach dem Angriff wurde der deutschen Tageszeitung taz jedoch ein Bekennerschreiben zugespielt, in dem sich die Täter «ein.paar.vermummte.landwirt_INNEN.und.freund_INNEN» nennen und die Aktion als «quittung.fuer.die.verbrecher_INNEN» bezeichnen.

Schweizer Versuch seit 2007

Der Pflanzenforscher Wilhelm Gruissem vom ETH-Institut für Agrarwissenschaften zeigte sich betroffen über die zunehmende Gewalt der militanten Gentechkritiker. «Ich verurteile die Feldzerstörung durch eine kleine Gruppe von Fanatikern auf das Schärfste», sagt Gruissem und bedauert, dass diese Menschen «mit ihren kriminellen Taten die Erhebung von fundierten wissenschaftlichen Daten zur Funktion und Biosicherheit von transgenen Pflanzen verhinderten».

Das ETH-Projekt in Norddeutschland lief seit vier Jahren. Die Versuche wurden von der ETH Zürich mit rund 50 000 Franken unterstützt. Der wissenschaftliche Projektleiter Christof Sautter weilt derzeit ausser Landes und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Laut Wilhelm Gruissem, der als Leiter der Gruppe für Pflanzenbiotechnologie für die Versuche mitverantwortlich ist, handelt es sich um die Weizenlinien, die Christof Sautter bereits 2004 auf einem acht Quadratmeter grossen Versuchsfeld auf dem ETH-Versuchsgelände in Lindau bei Effretikon getestet hatte.

Die ETH hatte die Weizenlinien danach der deutschen Gentechforscherin Inge Broer von der Universität Rostock zur Verfügung gestellt. Broer betrieb damit im Auftrag des Bundesforschungsministeriums sogenannte Begleitforschung mit dem Ziel, die Zulassungsverfahren für Gentechpflanzen zu verbessern. Im Rahmen dieser Feldexperimente habe die ETH die Gelegenheit erhalten, die früheren Arbeiten zu vertiefen.

ETH-Versuche im Ausland

Dass die ETH Freilandversuche in Deutschland durchführte, hat laut Gruissem nichts mit den strengen Zulassungsbestimmungen in der Schweiz oder hohen Sicherheitskosten zu tun. «Die Regeln in Deutschland sind ebenfalls sehr restriktiv», sagt Gruissem. Die Zusammenarbeit gründe vielmehr in den langjährigen wissenschaftlichen Kontakten. «Wir hatten zum Beispiel auch Freilandversuche mit Gentechweizen in den USA durchgeführt», sagt Gruissem auf die Frage nach weiteren Freilandversuchen der ETH im Ausland.

Beim ETH-Projekt in Gross-Lüsewitz handelt es sich um einen gegen Brandpilze wie Flugbrand oder Stinkbrand resistenten Genweizen. Dieser könnte nach den Vorstellungen der Forscher vor allem in Entwicklungsländern dazu dienen, den Pilzbefall der eingebrachten Weizenernten ohne chemische Behandlung zu verhindern. Dort sind oft keine Chemikalien vorhanden, um einzulagernde Weizenkörner vor Krankheiten zu schützen. Dies ist jedoch dringend nötig, da sonst ganze Ernten verderben können.

Im Prinzip kopierten die ETH-Wissenschaftler einen aus der Maispflanze bekannten, natürlichen Schutzmechanismus mit gentechnischen Verfahren: Das KP4 genannte Protein wirkt spezifisch gegen Brandpilze des Weizens, nachweislich jedoch nicht gegen andere nützliche Pilze, die auf der Pflanze oder an deren Wurzel im Erdreich leben. Bei den Versuchen in Deutschland wollten die Forscher klären, wie sich die genveränderten Pflanzen auf andere Pilzkrankheiten auswirkten.

Mehrere 100'000 Franken Schaden

Das betroffene Feld mit den ETH-Versuchen in Gross-Lüsewitz wurde bereits 2009 einmal Ziel einer Zerstörungsaktion. Laut Inge Broer, die auch die Versuche der ETH betreut, sind solche Überfallaktionen unverständlich und ärgerlich. «Dass die beiden jeweils 345 Quadratmeter grossen Versuchsfelder radikal niedergemacht und die Pflanzen völlig zerstört wurden, wirft uns ein ganzes Jahr zurück», entrüstet sich Broer. «Eigentlich sollte das Projekt nächstes Jahr abgeschlossen sein, doch nun dauert es länger.» Der entstandene materielle Schaden wird auf mehrere 100'000 Franken geschätzt.

Neben den Weizenversuchen wurden auf den Freilandflächen auch Experimente mit gentechnisch veränderten Kartoffeln durchgeführt. Sie produzieren zum einen den Rohstoff Cyanophycin, der als Erdölersatz dienen und überdies zur Herstellung biologisch abbaubarer Kunststoffe dienen könnte. Ein anderes Genkartoffelprojekt betrifft die Herstellung eines biologisch abbaubaren Polymers als Ersatz für das Phosphat in Waschmitteln. Schliesslich werden in weiteren Kartoffelpflanzen auch noch pharmakologische Wirkstoffe zur Herstellung von Medikamenten produziert.

Ein besonders wichtiges Projekt ist die Reduzierung der Kosten für die Zulassungsverfahren von gentechnisch veränderten Pflanzen, zum Beispiel durch eine Vereinfachung der Analyseverfahren. Inge Broer möchte, dass auch mittelständische Unternehmen bei der Genforschung mitmachen können und diese Sparte nicht allein der Grossindustrie vorbehalten bleibt.

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