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Auch der Forschungsplatz Schweiz leidet unter dem starken Franken

Wegen des Frankenkurses fehlen Schweizer Forschern mit internationalen Fördergeldern bis zu 20 Prozent des Budgets. Das am Mittwoch vom Parlament genehmigte Hilfspaket lindert die Probleme begrenzt.

Die unübliche Aktion blieb wirkungslos: Cern-Forscher protestierten im August 2010 lautstark gegen Kürzungen.
Die unübliche Aktion blieb wirkungslos: Cern-Forscher protestierten im August 2010 lautstark gegen Kürzungen.
Keystone

Vor einem Jahr trieb der starke Franken Forscher auf die Strasse. Am Teilchenforschungszentrum Cern in Genf protestierten einige Dutzend Mitarbeiter mit Tröten und Transparenten gegen drohende Kürzungen. Es war eine unübliche Aktion der Physiker, die ohne Wirkung blieb: Der Cern-Rat kürzte ungerührt das Budget von rund einer Milliarde Franken pro Jahr um rund 3 Prozent für die kommenden fünf Jahre. Neben der sanierungsbedürftigen Pensionskasse war der starke Franken dabei ein wichtiger Grund für die Kürzungen. Weil das Cern in Schweizer Franken abrechnet, hätten die europäischen Mitgliedländer tiefer in die Tasche greifen müssen als in Vorjahren.

Inzwischen ist der Franken noch stärker geworden. Und auch wenn Forscher seither auf Kundgebungen verzichteten am Cern ist man in Sorge. Vom Wechselkurs negativ betroffen sind aber auch die Hochschulen, wo zahlreiche Forscher arbeiten, deren Projekte und Löhne internationale Förderinstitutionen bezahlen. Allein aus EU-Forschungsprogrammen werden 2011 laut Bund rund 280 Millionen Franken fliessen, die in Euro ausbezahlt werden. Hinzu kommen Mittel der Europäischen Weltraumorganisation und anderer.

Ausfälle wie in der Industrie

Dank dem Hilfspaket des Bundes gegen die Frankenstärke, dem der Nationalrat gestern zugestimmt hat, sollten Forscher in internationalen Projekten bald einen Zustupf von insgesamt 43 Millionen Franken erhalten. Das Geld wird einige Probleme etwas lindern. Zum Beispiel die von Britta Engelhardt, Direktorin des Theodor-Kocher-Instituts an der Universität Bern. «Wie die Industrie haben auch wir Ausfälle von 20 bis 30 Prozent», sagt die Humanbiologin, die selbst zwei EU-Projekte leitet. Diese seien nun gefährdet, sagt sie. Beim einen, dem Europäischen Schlaganfallnetzwerk, wurde im Jahr 2008 bei einem Wechselkurs von 1.60 Franken pro Euro «vorsichtig kalkuliert». Inzwischen ist der Kurs bei 1.20, und es fehlen dem Projekt voraussichtlich am Ende weit über 100'000 Franken.

Beim zweiten Projekt mit einem Budget von drei Millionen Euro in vier Jahren sind die ersten Zahlungen kürzlich eingetroffen. «Wir haben bereits jetzt ein hohes Defizit», sagt Engelhardt. Über die gesamte Laufzeit beider Projekte dürften rund 200'000 Franken fehlen. Dies gefährde die Stellen von zwei jungen Nachwuchsforscherinnen im Team, «junge Frauen, die ihre Karriere planen wollen». Fallen die beiden Postdocs weg, betrifft dies auch die Ausbildung der Studenten, weil die jungen Wissenschaftlerinnen auch Vorlesungen halten. «Die Frankenstärke betrifft nicht nur die Forschung, sondern auch die Lehre», sagt Engelhardt.

Ausserdem: Wenn weniger Leute als geplant im Labor tätig sind und das Geld für neue Geräte fehlt, hat Engelhardt Probleme, ihr Projekt so durchzuführen, wie es die EU bewilligt hat. Bei der EU-Forschungsförderung fliessen jedoch keine Gelder, wenn die Vorgaben nicht erfüllt werden. Es droht Totalabsturz. So wie Britta Engelhardt ist es in den letzten Monaten vielen ergangen. «Das Hilfspaket des Bundes wird die Wechselkursverluste einigermassen lindern», sagt Olivier Küttel, Direktor von Euresearch, der Schweizer Informationsstelle für EU-Forschungsprogramme. Verteilt wird das Geld voraussichtlich über die Forschungsinstitutionen, welche die Gelder dann an die entsprechenden Wissenschaftler weitergeben. Auch Unternehmen, die rund ein Drittel der EU-Fördermittel in der Schweiz beziehen, werden dann Gelder vom Bund erhalten.

Weniger konkurrenzfähig

Allerdings betrifft das Hilfspaket nur laufende Projekte im Jahr 2011. «Es deckt weder 2012 noch 2010, als bereits Verluste auftraten», sagt Küttel. Für künftige Forschungsanträge werden Wissenschaftler wohl weiterhin mit einem starken Franken rechnen müssen. Sie können dann fürs gleiche Budget die Mitarbeiter weniger lang einstellen und müssen die Forschungsleistung reduzieren. «Das ist für die Forscher frustrierend», sagt Maddalena Tognola vom Euresearch-Büro in Bern. Zudem steige damit das Risiko, dass dann die ausländische Konkurrenz den Zuschlag von der EU bekomme, weil mehr fürs gleiche Geld geboten werde. «Bislang konnte man im Ausland die höheren Kosten in der Schweiz mit der guten Qualität der Forschung rechtfertigen», so Tognola. «Das wird nun schwieriger.»

Nicht profitieren von den Bundesgeldern wird das Kernforschungszentrum Cern, da es sich dabei um eine internationale Organisation und keine Schweizer Institution handelt. Besonders hart betroffen sind in Genf vor allem Doktoranden und andere Wissenschaftler, die von ausländischen Universitäten bezahlt und ans Cern geschickt werden. «Selbst im nahen Frankreich, wo die meisten von ihnen wohnen, sind wegen der Frankenstärke die Mieten massiv teurer geworden», sagt Rüdiger Voss vom Büro für internationale Beziehungen am Cern. Die am Forschungszentrum angestellten Mitarbeiter trifft es hingegen kaum. Sie erhalten ihren Lohn in Franken. Zudem werden die Budgetkürzungen von 2010 mit zurückgestellten Infrastrukturprojekten eingespart, etwa dem Ersatz eines rund 50-jährigen Vorbeschleunigers, der die Teilchen für den Hauptring des Large Hadron Colliders vorbereitet. «Wir drücken die Daumen, dass die Materialien weiterhin halten», sagt Voss.

Sogar Griechenland zahlt

Doch sonst lief es für das Cern dieses Jahr unerwartet gut: Alle Länder haben bis jetzt ihre Beitragsraten eingezahlt selbst das gebeutelte Griechenland. Zudem haben die Mitgliedländer im Sommer das Budget 2012 ohne weitere Kürzungen akzeptiert. «Das war eine grosse Überraschung», sagt Voss. Definitiv beschlossen wird dies allerdings erst im Dezember. Und bei den Raten des laufenden Jahres sind noch 30 Prozent ausstehend. Am Cern ist man deshalb auf alles gefasst. Rüdiger Voss: «Wir sind nicht sicher, ob es noch böse Überraschungen geben wird.»

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