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Planet Solar: Flucht vor dem Zyklon

Teil IV der Serie «Grüsse aus dem Golfstrom». Nach überstandener Seekrankheit hat die Planet-Solar-Crew ein neues Problem auf dem Radar.

Willkommen in New York: Die Freiheitsstatue empfängt die MS Tûranor Planet Solar. (17. Juni 2013)
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Stefanie Pfändler
Raumschiff vor Skyline: Manhattan bietet eine Kulisse ...
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Stefanie Pfändler
«Die Seeleute haben ihre helle Freude an uns»: Stefanie Pfändler berichtet für  von Bord.
«Die Seeleute haben ihre helle Freude an uns»: Stefanie Pfändler berichtet für von Bord.
zvg
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Die Seeleute sollten recht behalten. Nach 24 Stunden qualvoller Seekrankheit geht es uns allen blendend, und wir bewegen uns auf der MS Tûranor schon wie alte Seehasen. Unsere Instrumente laufen inzwischen so gut wie von selbst und abgesehen von regelmässigen Routineaufgaben und gelegentlichen Fehlerbehebungen haben wir viel Zeit, um die Fahrt zu geniessen.

Ich persönlich beginne allmählich, die Bewegung zu vermissen. Die Weite, die uns umgibt, vermittelt ein tückisches Freiheitsgefühl. Die eigenen Füsse tragen einen hier nur die wenigen Meter bis zum Bootsrand – dort hört die Freiheit rapide auf. Der Sprung (oder Fall) ins Wasser, so liessen wir uns gleich am ersten Tag belehren, würde so gut wie den Tod bedeuten. Man mag es kaum glauben, denn das blaue Wasser wirkt trotz seiner hohen Wellen geradezu einladend. Trotzdem: Wer einmal über Bord sei, werde kaum wieder gefunden, besonders wenn sein Verschwinden nicht direkt beobachtet werde. Ich begrabe also meine Schwimmgelüste und beschränke mich auf sportliche Hirntätigkeit in Form von Literatur und dem konzentrierten Ausschauhalten nach fliegenden Fischen. Und ein wenig Wissenschaft bleibt ja glücklicherweise auch noch zu betreiben.

Nächtliche Seemannslektion

In der Steuerkabine wechselt sich die Crew im Dreistundentakt ab. Die Nachtschichten sind natürlich die unbeliebtesten und als mich das laute Wellenrauschen gestern nach dem üblichen Pumpenwechsel nicht mehr einschlafen liess, setzte ich mich zu Antoine und wir starrten zusammen in das schwarze Nichts hinaus. Sein Radar sieht glücklicherweise mehr als wir und so bemerkte ich verwundert, wie viel Verkehr um uns herum nachts herrscht. Dabei fühlt man sich hier draussen so ganz und gar einsam.

Meine nächtliche Seemannslektion brachte unter anderem die Erkenntnis, dass sich uns von Norden her ein monströser Zyklon nähert. Antoine liess dies überraschend kalt, obwohl er mir vortrug, dass weder unser Boot noch wir dafür gemacht seien, einen solchen Sturm auf offenem Meer zu überstehen. Prima. Der Rettungsplan lautet: Unterschlupf an Land suchen. Wir breiteten die Karte vor uns aus und Antoine erklärte mir, dass nun oberste Priorität sei, so weit wie möglich zu kommen, bevor uns der Sturm – wohl im Laufe des Freitags – von Westen her einholt. Schaffen wir es bis hinters Kap Hatteras, steht es gut um unseren Zeitplan. Sollte das nicht klappen, sind die Windverhältnisse danach so schlecht, dass wir vermutlich mit langen Verzögerungen rechnen müssen.

Vollgas heisst: neun Knoten

«So weit wie möglich kommen» bedeutet im Fall der MS Tûranor, dass alle vorhandene Energie für das Schiff genutzt wird. Unser schweres Instrument haben wir hochgezogen, um den Katamaran nicht zusätzlich zu bremsen – Navigation und Sicherheit haben vor unseren Messungen Vorrang. Die hinteren Solarpanels sind zwecks Ausnutzung des Rückenwindes hochgeklappt und Ingenieur Antoine verhandelt mit dem Kapitän die optimale Nutzung unserer knappen Energiereserven. Der grösste Teil des heutigen Tages war bewölkt – es gilt also, die Batterieladung besonders gut im Auge zu behalten.

«Die MS Tûranor ist für mich eine ganz spezielle Herausforderung», sagt Antoine. «Es ist ein stetes Abwägen zwischen Energiesparen und Vorwärtskommen, zwischen optimaler Ausnutzung der Meeresströmungen und Windverhältnisse, zwischen Optimismus und Sicherheit.» Während jedes andere Boot in unserer Situation einfach Gas geben und dem Sturm spielend entkommen würde, heisst Vollgas für unser Solarboot unter den jetzigen Bedingungen: neun Knoten. Und das kann sich jederzeit ändern.

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