Zweifelhafte Rückkehr zum Mond

Bereits 2024 will Amerika wieder Menschen auf den Erdtrabanten bringen. Nur: Mit wessen Geld? Und mit welcher Rakete?

Der US-Amerikaner Harrison Schmitt betrat im Dezember 1972 als zwölfter und bis heute letzter Astronaut den Mond. <nobr>Foto: Nasa</nobr>

Der US-Amerikaner Harrison Schmitt betrat im Dezember 1972 als zwölfter und bis heute letzter Astronaut den Mond. Foto: Nasa

Die Ansage war klar, und sie kam überraschend: In spätestens fünf Jahren, so US-Vizepräsident Mike Pence Ende März bei einem Auftritt in Alabama, werden wieder Amerikaner über den Mond spazieren. Eine Astronautin wird dabei sein. Und die Menschen werden bleiben, den Erdtrabanten erkunden und dort die nötigen Erfahrungen sammeln für Flüge in die Tiefen des Sonnensystems.

Pence, im Team von US-Präsident Donald Trump für den Weltraum zuständig, mag die Inszenierung. Für seine grosse – Kritiker sagen: grossspurige – Ankündigung war er extra nach Huntsville gereist, in die Wiege des amerikanischen Raketenbaus.

Dort, stilecht unter einem Prototyp der mächtigen Saturn V, die vor 50 Jahren die ersten Menschen zum Mond gebracht hatte, diktierte er der Raumfahrtbehörde Nasa die neuen Aufgaben, nicht ohne den nötigen Patriotismus: «Um es ganz klar zu machen», so Pence, «die erste Frau und der nächste Mann auf dem Mond werden amerikanische Astronauten sein, gestartet von amerikanischem Boden mit amerikanischen Raketen.»

«No bucks, no Buck Rogers»

Über einen Monat später ist noch vieles unklar, auch wenn die Nasa bereits massiv Werbung für das neue Ziel betreibt. Langsam kristallisiert sich heraus, dass viele Hürden überwunden werden müssen, bevor wieder Menschen auf dem Mond landen. Nicht im Weltall, sondern in Washington.

Das grösste Problem ist das Geld: «No bucks, no Buck Rogers» lautet ein geflügeltes Wort in der US-Raumfahrt, der sich auf einen weltraumreisenden Science-Fiction-Helden bezieht: Keine Moneten, keine Astronauten. Mehr als 40 Milliarden Dollar (umgerechnet auf die heutige Kaufkraft) haben die USA in den 1960er-Jahren ausgegeben, um zwölf Menschen zum Mond zu bringen. Ganz so teuer dürfte es dieses Mal nicht werden.

Der aktuelle Nasa-Haushalt reicht trotzdem nicht. Das Budget beträgt mehr als 20 Milliarden Dollar, die aber weitgehend für die Wissenschaft sowie die Internationale Raumstation (ISS) verplant sind. Und Nasa-Chef Jim Bridenstine hat bereits angekündigt, dass er diese Bereiche nicht wegen des Mondprogramms «kannibalisieren» möchte.

Technische Probleme

Zwei bis vier Milliarden Dollar dürften der Nasa allein für das Jahr 2020 fehlen. Geld, das Bridenstine im politisch gespaltenen US-Kongress eintreiben muss, der über das Nasa-Budget entscheidet. Und das wird schwer. «Technisch ist das Vorhaben realistisch. Nicht einfach, aber machbar», so Bridenstine unlängst im Gespräch mit dem Magazin «Ars Technica». «Deutlich grösser ist das politische Risiko: Wie bekommen wir das Geld zusammen?»

Sorgen macht allerdings auch die Rakete. Seit 2011 entwickelt die Nasa unter dem Namen Space Launch System (SLS) für bislang 14 Milliarden Dollar eine neue Schwerlastrakete für Flüge zum Mond und zum Mars. 2016 sollte das Monstrum zum ersten Mal abheben. Aufgrund grosser technischer und organisatorischer Probleme beim Hersteller Boeing ist nun sogar der aktuelle Starttermin Ende 2020 in Gefahr.

Die USA wie auch China wollen auf dem Mond eine Basis errichten, um von dort aus das Weltall zu erforschen. Visualisierung: Nasa

Aber die Nasa kann kaum nach Alternativen suchen: SLS ist primär ein politisches Projekt. Der US-Senat will damit Arbeitsplätze in den wichtigen Raumfahrt-Bundesstaaten sichern – allen voran in Alabama. Dessen einflussreicher Senator Richard Shelby, einer der grössten SLS-Fürsprecher, sitzt ausgerechnet dem Haushaltsausschuss vor. Sprich: Ohne SLS auch kein Geld für den Mond.

Bridenstine, ein Politikprofi, der fünf Jahre für die Republikaner im Kongress sass, weiss das. Trotzdem wiederholt er unentwegt das Motto von Pence: Der Mond zähle, nicht der Weg dorthin. Und er bringt immer wieder Alternativen ins Spiel, zuletzt sogar die Falcon Heavy der privaten Raketenfirma Spacex.

Der Mond zählt, nicht der Weg dorthin.

Auch damit, so Bridenstine laut US-Medien, liessen sich die Mondpläne verwirklichen; es brauche nur eine verbesserte Oberstufe. Für SLS-Fans kommt allein die Erwähnung von Spacex allerdings einem Sakrileg gleich. Es scheint fast, als würden Pence und Bridenstine den Boeing-Managern eine letzte Chance geben: «Entweder ihr schafft es bis 2024, oder wir suchen uns Alternativen.»

Dann wäre der Mondtraum zwar vorläufig ausgeträumt, Bridenstine wäre aber die ungeliebte SLS los. Und der Weg wäre frei für billigere, kommerzielle Mondabenteuer. Zudem überlegt die Nasa, das Testprogramm der SLS zu straffen. Die Hauptstufe der Rakete mit ihren vier Triebwerken würde erstmals auf der Startrampe zum Leben erwachen und nicht auf dem Teststand. Ein riskanter Schritt.

Inszenierter Wettlauf

Die Zeit drängt, auch bei der Landefähre, für die es bislang lediglich Ideenwettbewerbe gibt, und bei einer geplanten Raumstation im Mondorbit, die als Ausgangsbasis für Landungen benötigt wird. Dieser sogenannte Gateway ist eigentlich als internationales Projekt geplant.

Bislang will sich aber nur Kanada mit einem Roboterarm beteiligen. Russland und Japan zögern. Und Europa wird frühestens Ende des Jahres über eine Beteiligung entscheiden. Pence’ aggressive Amerika-Rhetorik ist dabei nicht hilfreich.

Zumal ein überzeugender Grund fehlt, noch einmal auf dem Mond zu landen. Das Apollo-Programm war deshalb so erfolgreich, weil es als Wettlauf mit den Sowjets verkauft werden konnte. Heute müssen die wissenschaftliche Erkundung des Mondes, der Abbau von Bodenschätzen, die Lektionen für künftige Marsreisen als Gründe herhalten. Nichts, was die Massen begeistert.

«Dieses Mal steht mehr auf dem Spiel.»Mike Pence, US-Vizepräsident

In Huntsville versuchte es Pence daher mit dem Griff in die Wettlaufkiste: China wolle die strategische Überlegenheit auf dem Mond erringen und sich zur führenden Raumfahrtnation aufschwingen. «Wir befinden uns erneut in einem Wettrennen», so Pence. «Und dieses Mal steht mehr auf dem Spiel.»

Das Problem: China verfolgt zwar ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm, ist Anfang des Jahres als erste Nation mit einem Roboterfahrzeug auf der erdabgewandten Seite des Mondes gelandet und möchte eines Tages auch mit Astronauten dorthin. An einem Wettrennen hat die politische Führung aber kein Interesse. Viel lieber würde die Volksrepublik kooperieren und dadurch ihr weltweites Ansehen aufbessern. Solch eine Zusammenarbeit lehnt der US-Kongress aber strikt ab.

Andererseits: Verglichen mit ähnlichen Initiativen aus der Vergangenheit hat Pence’ Ankündigung einen grossen Vorteil: ihren Zeitplan. Als Präsident George W. Bush der Nasa 2004 die Order erteilte, zum Mond zurückzukehren, war die Landung für 2020 geplant, lange nach Bushs Amtszeit. Nachfolger Barack Obama hatte wenig Skrupel, die Mondpläne zu streichen. Er ersetzte sie durch eigene Ideen einer Marslandung, die ihrerseits umgehend von Trump kassiert wurden. Bis 2024 hätten Pence und Trump hingegen eine Chance, ihre Pläne umzusetzen. Vorausgesetzt, Trump wird Ende 2020 im Amt bestätigt.

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