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Mein JobWo die Freiheit grenzenlos ist

Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht: Jenna Gygi aus Bern ist eine der besten Wingsuit-Pilotinnen der Welt. Für ihre Passion reist die 29-Jährige in «normalen» Zeiten um den halben Globus.

Auf dem Bundesplatz: «Ich bin sehr gerne in der Schweiz», sagt Jenna Gygi. In ihrem Wingsuit-Anzug fällt die Bernerin beim Fototermin auf.
Auf dem Bundesplatz: «Ich bin sehr gerne in der Schweiz», sagt Jenna Gygi. In ihrem Wingsuit-Anzug fällt die Bernerin beim Fototermin auf.
Adrian Moser

4000 Meter. Die Absprunghöhe ist erreicht. Es ist laut im Flugzeug. Jenna Gygi öffnet die Türe. Ein letzter Kontrollblick auf die Ausrüstung, dann stürzt sie sich mit ihrem Wingsuit-Anzug in die Tiefe. Dieser verleiht der 29-Jährigen regelrecht Flügel. Mit 160 Stundenkilometern rast die Bernerin durch die Luft. «Ein Gefühl von ultimativer Freiheit», sagt sie. Und: «Wingsuit-Fliegen kommt dem Vogelsein am nächsten.» Rund zwei Minuten dauert der Flug. Dann zieht sie an der Reissleine ihres Fallschirms – um nur kurze Zeit später wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.

Was als Hobby angefangen hat, ist mittlerweile zu ihrem Beruf geworden. Sie hat sich in der Männerdomäne durchgesetzt. Die Wingsuit-Pilotin wird gebucht für Film-Stunts, Veranstaltungen – im Juli wird sie vor einem Fussballspiel in Bahrain ihre Sportart dem Publikum demonstrieren – oder TV-Shows. Erst kürzlich war sie in «Alle gegen einen» auf Pro7 zu sehen.

«Olympia»-Favoritin

Die meiste Zeit aber verbringt Jenna Gygi damit, ihre Erfahrungen weiterzugeben. 2017 eröffnete in Stockhom der erste Wingsuit-Tunnel der Welt. Ein halbes Jahr arbeitete Gygi dort als Ins­truktorin, ehe es sie zurück in die Schweiz zog. «Der Lohn war mager, und die Winter in Schweden sind sehr deprimierend», sagt sie.

Im Windkanal: Einmal pro Monat reist die Bernerin für eine Woche nach Schweden.
Im Windkanal: Einmal pro Monat reist die Bernerin für eine Woche nach Schweden.
zvg

Einmal pro Monat reist sie aber auch heute noch in die schwedische Hauptstadt. Zusammen mit Jarno Cordia. Gemeinsam haben sie «Fly Like Brick» gegründet. Unter diesem Namen geben die beiden nicht nur Kurse in der Halle und unter freiem Himmel – etwa in Portugal –, sondern nehmen auch an Wettkämpfen teil. Ob in Dubai, Florida oder Australien: Das Acrobatic-Wingsuit-Team reitet auf einer Erfolgswelle. Es gehört zu den besten seiner Zunft. In den letzten beiden Jahren gewann es einige der wichtigsten Wettkämpfe der Welt – und setzte mit Welt- und Europarekorden neue Massstäbe. «Ich bin sehr lernwillig, will immer besser werden», nennt sie einen Grund des Höhenflugs. Die Krönung soll nun im Sommer folgen. Vom 8. bis 22. August findet im russischen Sibirien die Mondial statt, die Olympischen Spiele des Fallschirmspringens. Während zwei Wochen wird in zahlreichen Disziplinen um Medaillen gekämpft, auch im Wingsuit-Fliegen. «Ja, wir gehören zu den Favoriten», sagt Jenna Gygi. Insgesamt sieben Wettkampfsprünge werden die beiden absolvieren müssen, einige Figuren werden vorgegeben, andere sind frei wählbar. Immer mit dabei: Kameramann René Terstegen. Ohne seine Aufnahmen kann die Jury die Darbietungen nicht bewerten.

Faszination Fliegen

«Ich konnte mich schon als Kind für alles begeistern, das durch die Luft fliegt», sagt Jenna Gygi. Bei einem Tandemsprung 2011 stürzt sie sich erstmals aus einem Flugzeug. Danach kann es der damals 20-Jährigen nicht schnell genug gehen. «Es hat mir so richtig den Ärmel reingezogen.» Zwei Wochen nach der Premiere meldet sie sich auf dem Flugplatz Kappelen für einen Fallschirmkurs an. Nach einem Jahr hat sie bereits 200 Sprünge absolviert. Genug, um – unter Anleitung – mit einem Wingsuit fliegen zu dürfen.

Wingsuit-Fliegen kommt dem Vogelsein am nächsten.

Jenna Gygi

Bis heute hat sich Jenna Gygi über 2000-mal in die Tiefe gestürzt. Und ihre Eltern sind ebenso viele Tode gestorben? «Zu Beginn waren sie skeptisch, doch seit sie mit mir einen Tandemsprung gemacht haben, können sie meine Faszination fürs Fliegen nachvollziehen», sagt Gygi. «Heute sind sie stolz, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte.» Das Fliegen – aber auch das Reisen. Rund 180 Tage pro Jahr verbringt die Bernerin im Ausland. «Ich bin aber auch sehr gerne in der Schweiz, brauche den Ausgleich. Zeit mit der Familie, mit dem Hund, dem Freund.»

«Das Risiko ist abschätzbar»

Die Vorurteile gegenüber der Extremsportart sind allgegenwärtig. Dass sie ein Adrenalin-Junkie sei oder eine Schraube lockerhabe, bekommt Jenna Gygi häufig zu hören. Sie aber sagt: «Wingsuit-Fliegen ist nur so gefährlich wie die Person, die es ausübt.» Man müsse genügend Reserven einbauen, seine Limits kennen, sagt sie – und natürlich vor jedem Flug die Ausrüstung kontrollieren. Dass es aber Leute gibt, die ihre Grenzen ausloten, nur um möglichst viele Klicks auf ihren Social-Media-Kanälen zu generieren, weiss auch die Bernerin. «Wenn einer mit über 100 Stundenkilometern durch ein Loch in der Felswand fliegt, frage ich mich schon: ‹Machst du das für dich oder für deinen Youtube-Kanal?›»

Über den Alpen: Mit 160 Stundenkilometern unterwgs in Bex, dem Lieblingsspot von Jenna Gygi.
Über den Alpen: Mit 160 Stundenkilometern unterwgs in Bex, dem Lieblingsspot von Jenna Gygi.
zvg

Angesprochen auf ihre Zukunft, sagt sie: «Ich werde mit 70 sicher nicht mehr springen.» Was in fünf oder sechs Jahren sei, wisse sie hingegen nicht. «Ich kann mich verletzen. Oder habe plötzlich den Wunsch, eine Familie zu gründen. Das kann alles verändern.» Die gelernte Kommunikationsplanerin kann sich vorstellen, vermehrt im Hintergrund zu arbeiten. «Die Sportart boomt, weitere Wingsuit-Tunnel sind am Entstehen.» Und dann ist da noch der Traum, die Ausbildung zur Helikopterpilotin zu machen – denn ganz auf dem Boden bleiben, das kann Jenna Gygi nicht.

Das Porträt ist vor dem Corona-Lockdown entstanden. Auf das Fliegen verzichtet die Wingsuit-Pilotin bis auf Weiteres.

Über dem Meer: In der Nähe der holländischen Insel Texel.
Über dem Meer: In der Nähe der holländischen Insel Texel.
zvg