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Der Aufstieg der Unabhängigen

Hinter den Hiobsbotschaften über den Untergang des Print gedeiht eine vielfältige Szene unabhängiger Magazine. Das Kollektiv Print Matters! zeigt vier seiner Lieblinge.

«Apartamento»Einblicke in Wohnungen, in denen tatsächlich gelebt wird

Es ist innert Tagen ausverkauft, wird von Berlin, New York und London bis nach Kenia, dem Libanon und China verkauft und gilt als das hippste Interiormagazin überhaupt. «Apartamento» ist der Vorzeigeknabe jener Generation von Printmagazinen, die erst entstanden, nachdem Print bereits totgeschrieben wurde. Im Jahr 2008 von Nacho Alegre und Omar Sosa in Barcelona gegründet, steuert das englisch geschriebene Heft inzwischen auf eine halbjährliche Auflage von 80'000 Stück zu.

Die Idee: Auf den Sofas von Freunden, auf denen Alegre als reisender Fotograf unzählige Nächte verbrachte, hatte er den Geistesblitz, selber ein Interiormagazin auf den Markt zu bringen. Herkömmliche Magazine für die Innen­einrichtung wie «Wallpaper» oder «Schöner Wohnen» zeigen sauber drapierte, aber unbezahlbare Design­objekte in Häusern in bester Herzog-&- de-Meuron-Manier. Saubere Inneneinrichtungen seien die Fantasien unserer Mütter, sagt Alegre. Sein Magazin ist die Inspiration für Alltagspragmatiker. «Apartamento» gibt Einblick in die engen und unaufgeräumten Mietwohnungen von Fotografen, Musikern und Künstlern, die tatsächlich tagein, tagaus da leben. Der alte Ansatz setzt den Fokus auf die Objekte in ihrer Umgebung, «Apartamento» setzt auf die Menschen, die in diesen Räumen leben. Beide Ansätze ­haben ihren Platz in der Medienwelt – aber nur mit der zweiten Idee konnte man 2008 noch was Neues schaffen.

Die Reichweite: In die Wohnungen fremder Menschen hineinzublicken, ist intim. Doch «Apartamento» wird nicht nur global gelesen, die Macher sind für ihre Geschichten auch auf dem ganzen Planeten unterwegs. Wenn sie bis in die Schweiz reisen und den Leser durch die Wohnung der Zürcher Grafikerin Lora Lamm wandern lassen, schaffen Details wie ein kleiner Schweizer Prospekt auf dem Tisch eine fast befremdende Vertrautheit – ein globaler Magazinmacher reist um die ganze Welt und bringt dem Leser Einblicke in eine Wohnung, die keine halbe Stunde von ihm entfernt liegt. Wer auch für eine halbe Stunde zu Lora Lamm auf Besuch will, soll sich die 14. «Apartamento»-Ausgabe kaufen. www.apartamentomagazine.com

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«The Gourmand»Ein Heft übers Essen, das über den Tellerrand hinausgeht

Wer etwas über eine Kultur lernen will, sollte auf die Teller schauen. National­gerichte sind die Rezepte zur Kultur eines Landes. Die Eleganz und Einfachheit eines Sushigerichts, die Nährstoffe einer Tortilla, das einfache, bodenständige Fondue und der Klumpen im Bauch sagen oftmals mehr über die Geschichte und Kultur eines Landes aus als so manches sozioethnotheoretische Essay.

Die Idee: Das stimmt offenbar nicht nur für Länder, sondern auch für Künstler und Kreative. Wie Marina Tweed und Dave Lane, die Macher von «The Gourmand», herausfanden, ist es oft einfacher, einen Musiker auf einen Hamburger einzuladen und darüber zu reden, als ihn zu fragen, ob er vorbeischauen und über sein neues Album reden will. Treffenderweise geht die Geburtsstunde des Magazins selbst auf ein Dinner zurück.

Die Bandbreite: Menschen über Essen auszufragen, ist zwar einfach – Essen ist universell, jeder hat eine Meinung. Aber die wenigsten davon sind interessant und eloquent genug, abgedruckt und von anderen gelesen zu werden. Selbst in Zeiten von Hardcorefoodies, Smoothiebars und Espressoseminaren. Die «Gourmand»-Autoren scheinen das zu wissen und schauen weit über den Tellerrand hinaus. Sie kombinieren in ihrem halbjährlich erscheinenden Heft in englischer Sprache Hundemodeschauen mit farblich angepassten Hotdogs. Sie schreiben über exotische Techniken zur Alkoholaufnahme zum Selberexperimentieren (Augentropfen, anyone?). Sie besuchen Sake-Brauereien in Japan, ­philosophieren mit Massimo Bottura in Italien und diskutieren die moderne Küchenarchitektur – immer eingebettet in mustergültige Fotografien, Illustrationen und Grafiken. Inzwischen designen die beiden Gründer sogar Restaurants. Und natürlich wird im Heft auch gekocht, gegessen und mit Künstlern über ihr neustes Album oder ihre aktuelle Ausstellung gequatscht. «The Gourmand» ist weit mehr als Essen, und es ist weit mehr als ein schönes Magazin. «Wir wollten etwas schaffen, bei dem du sagst: Mein Gott, was ist das? Da will ich meinen Finger reinstecken», sagt Dave Lane. Na dann: Finger rein und guten Leseappetit!www.thegourmand.co.uk

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«The Travel Almanac»Die Details, die man sich von einer Reise erzählt

Wer eine Reise plant, überschätzt die Wohin-und-wenn-ich-da-bin-was-mach-ich-da-Frage. Er vergisst, dass gute Reiseerinnerungen nichts mit Sehenswürdigkeiten zu tun haben. Niemand schaut sich die 30 Fotos des Machu Picchu je wieder an oder hat auch nur den Hauch einer Erinnerung, was damals auf der Bustour durch New York auf der rechten Seite angekündigt wurde. Was wir in ­Erinnerung behalten, sind der Flirt auf der Terrasse eines Cafés, das Dinner mit Freunden, die gecrashte Hochzeitsparty und der verpasste Rückflug.

Die Idee: Dass wir die objektiven Elemente einer Reise zu stark gewichten, liegt wohl auch daran, dass uns «Lonely Planet» und «Wallpaper Guides» vorgaukeln, die einzigen Zutaten im Rezept für eine gelungene Reise seien Museen, Taxitarife und Hotels. Zum Glück gibt es seit gut fünf Jahren den «Travel Almanac» von Paul Kominek und John Roberts. Auch im «Travel Almanac» empfehlen die Macher Hotels, aber statt auf das grossartige Frühstücksbuffet und die bequeme Bettmatratze hinzuweisen, erwähnen sie das chinesische Ehepaar mit den identischen Gucci-Tennisschuhen in der Lobby oder die kenianische Seniorengruppe an der Gin-Tonic-Bar. Oft sagen solche Details mehr über einen Ort aus als der Name des Architekten oder die Anzahl Fernsehkanäle.

Die Inhalte: Hoteltipps sind nur der kleinste Abschnitt des englischsprachigen Magazins «Travel Almanac», und sie kommen erst ganz hinten. Das Magazin ist in drei Hauptteile gegliedert: Gäste, Exkursionen und Souvenirs. Im Gästeabschnitt wird der Leser auf einen ­Reisetrip mit dem Künstler Alejandro ­Jodorowsky mitgenommen, erfährt von Musiker Bryan Ferry, weshalb er auf Tournee keine neuen Kleider kauft und weshalb DJane Laurel Halo den Geruch von Flughäfen mag. Der Exkursionsteil bietet den Daheimgebliebenen eine Hintertür aus dem Alltag, gespickt mit Kurzgeschichten, Fotoserien und Essays. Und wer nie wieder unnütze Souvenirs kriegen oder verschenken will, findet im letzten Teil Souvenirs und ausgefallene Reiseartikel für sich und andere. Dafür muss man nicht mal weg, die Internetadresse steht direkt daneben.www.travel-almanac.com

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«Purple Fashion»Die Inszenierung des offenherzigen Chefschreibers

Er ist vielleicht so mächtig wie Anna Wintour, kriegt von den Medien aber nicht den Bruchteil der Aufmerksamkeit. Dabei sucht er durchaus die Aufmerksamkeit: Er tritt auf wie ein Rocker, er schüttet sein Herz vor der ganzen Welt aus und zeigt auf den Seiten seines Magazins so viel nackte Haut, dass er aufpassen muss, dass sein Heft am Kiosk nicht in der Pornoabteilung landet. Olivier Zahm heisst der Mann mit den Ray-Bans und der Lederjacke, der an der Spitze des französischen Modemagazins «Purple Fashion» thront.

Die Idee: Zahm selbst ist im Heft omnipräsent: als Editor, als Interviewer, als Stylist, als Fotomodell. Er habe sich die Aufgabe gesetzt, Sex, Kunst und Philosophie zurück in die Mode zu bringen. Sozusagen ein «Du» mit Brüsten oder eine «Vogue» mit intellektuellem Anspruch. Das ist längst nicht so plump-provokativ, wie es klingt. «Purple Fashion» nutzt für die Präsentation der Sommerkollektion Selfies statt steriler Fotostrecken. Sie interviewen lieber einen weniger bekannten Künstler oder Philosophen, statt wie der Rest der Welt Taylor Swift nachzurennen. Sie lassen Terry Richardson oder Juergen Teller ihre Artikel bebildern und drucken Fotoessays. Das Heft ist frischer, frecher und risikofreudiger als so manches Hochglanzmagazin in der Kioskauslage.

Die Vision: «Purple Fashion» kann sich seine aneckende Unbekümmertheit leisten – wie bei jedem Modeheft blättert der Leser auch in Zahms Modebibel in den ersten zwanzig Seiten nur durch Werbung. Dennoch ist das Magazin alles andere als eine Cashcow. Zahm lässt auf Produktionsseite mächtig Geld raus: Bis zu einer halben Million Euro kostet ihn eine der halbjährlichen, zwei Kilo schweren Ausgaben. «Gute Inhalte sind mein Hauptanliegen. Eines Tages werd ich auch Geld machen», so Zahm. Damit hält er es wie alle erfolgreichen Magazinmacher: Inhalte zuerst, Gewinne später – nicht umgekehrt.www.purple.fr

Aufgezeichnet von Florian Schaffner. Er ist Teil von Print Matters!, einem Kollektiv, das über die Sommermonate an der Predigergasse 42 im Niederdorf ein Pop-up für unabhängige Magazine führt.

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