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Jeder Schuppen zählt

Die kleine Geschichte Ein Aktionskünstler will Flüchtlingslager für Schweizer bauen. Erinnern Sie sich noch an Alois Stocher? Den bekennenden SVP-Fan und Geschäftsführer der «Organisation zur Lösung der Ausländerfrage»? Auf der Webseite Volksbefreiung.ch warb er im letzten Herbst für die sofortige Ausschaffung von Ausländern – und lud zum nationalen «Sammeltag für Ausländer» auf dem Bundesplatz in Bern. Seine radikale Lösung: markieren, sammeln, ausschaffen. Ganz nach dem Motto «Jeder Ausländer in der Schweiz ist ein Ausländer zu viel!». Nun gut, der Alois hat einen jüngeren Bruder – Wilfried. Der hats genauso faustdick hinter den Ohren. Er ist Pfarrer in Schleinikon im Zürcher Unterland und Initiator von Chasos, der christlich-humanitären Asyl-Selbsthilfe-Organisation Schweiz. Es handelt sich dabei um ein privates Hilfswerk, gegründet als Reaktion auf die Umwälzungen in Nordafrika. Mit seinem Bruder verbindet Wilfried die Liebe zur Schweiz und, wie könnte es anders sein, der Ärger über die ungeheuren Probleme der Masseneinwanderung: wahnsinnig dichte Besiedlung, kaum mehr erschwinglicher Wohnraum, mehr Kebabstände als Kirchen. Pfarrer Stocher, ganz Christ, setzt denn auch auf Nächstenliebe als Lösung für das Problem. Wobei er das Wort wörtlich nimmt: Nächsten-Liebe. Es gehe nicht an, dass die Schweizer vor lauter Menschlichkeit den Ausländern gegenüber die eigenen Bürger vergässen, schreibt er auf seiner Webseite Chasos.ch. Sowieso sei es so eine Sache mit den Menschenrechten: «Dürfen die Masseneinwanderer dieselben Menschenrechte fordern, die wir uns erst hart erarbeiten mussten?» Wilfried will keine Antwort. Auch die Frage «Sollen wir zusehen und warten, bis uns die Fluten erschlagen?» ist für ihn eine rein rhetorische. Was denn sonst!Via Petition fordert der Pfarrer zudem die sofortige Suspendierung aller Subventionen und Fördergelder für Kunstprojekte und Kulturschaffende. Sämtliche öffentliche Kulturinstitutionen – Museen, Kunsthallen, Konzertsäle, Theater – sollen entrümpelt werden. Was, mögen Sie sich fragen, hat Kunst mit Ausländern zu tun? Für Wilfried Stocher ist der Zusammenhang klar: Denn jetzt, wo jeder Rappen zähle, die Lage ernst, ja angesichts des «Flüchtlings-Tsunamis» gar bedrohlich sei, könne man mit den Geldern Gescheiteres anstellen, als sie für solch «fertigen Blödsinn» wie Kunst auszugeben. Pippilotti Rist, Thomas Hirschhorn, Roman Signer – sie alle gehören für den Pfarrer zum «Gruselkabinett» der aktuellen Schweizer Kunstszene. Die durch den Förderstopp frei gewordenen Ressourcen will er in den Bau von Flüchtlingslagern investieren. «Kunstverlagerung» nennt Stocher das. In den Lagern hausten dann, selbstredend, nicht Ausländer, sondern Schweizer. Schliesslich braucht die einheimische Bevölkerung Schutz vor dem Massenexodus aus Nordafrika. All denjenigen, die bis hierhin gelesen und sich noch immer masslos ärgern (Linke) oder freuen (Rechte) über diesen ach so engagierten Christen, sei gesagt: Pfarrer Wilfried Stocher ist die Satirefigur des Zürcher Künstlers Andreas Heusser. Man will ja schliesslich verhindern, dass die Protestaktion allzu ernst genommen wird. Genau das ist nämlich dem Ausländersammler Alois – man erinnere sich: Er ist Wilfrieds Bruder – passiert. Viele Schweizer Bürger erkannten die Aktion des Ausländerfeindes nicht als Satire. Das hat Künstler Heusser dann doch einigermassen erstaunt. «Erschreckend» seien die Reaktionen gewesen, sagte er dem «Tages-Anzeiger» im letzten Herbst. Will heissen: «höchst ausländerfeindlich». Eine Bemerkung zum Schluss: Es gibt dann doch Kunst, die Pfarrer Stocher gefällt. «Werke immenser Schönheit und inniger Lebendigkeit» male seit Jahrzehnten – Rolf Knie. Simone Rau ***************Bildlegende folgt *********. Foto: Vorname Name, Agentur

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