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Literarischer Schatz im Staatsarchiv

Im Solothurner Staatsarchiv wurden zwei Fragmente von «Parzival», dem Hauptwerk Wolframs von Eschenbach, entdeckt. Die Fragmente gelangten im 19. Jahrhundert nach Solothurn wurden und

Der «Parzival», das Hauptwerk Wolframs von Eschenbach (um 1170-um 1220), gehört zu den Meisterwerken nicht nur des deutschen, sondern des europäischen Mittelalters. Er erzählt die Geschichte eines verwaisten Königssohnes, der trotz Irrtümern und mehrmaligem Straucheln durch zahlreiche Prüfungen hindurch aus dem Zustand der «Tumbheit» über nur äusserlich gelebtes Rittertum und durch Verstösse gegen die Nächstenliebe in tiefe Erniedrigung und zuletzt trotz allem zur höchsten weltlichen Ehre, dem Gralskönigtum gelangt und die geliebte Frau Condwiramurs heiratet. Magisches aus dem Gral Beim Gral, auf den die ganze Geschichte ausgerichtet ist, handelt es sich um eine wunderbar leuchtende, mit Edelsteinen geschmückte Schüssel, die als Hostienbehälter dient, aber auch magische Speisen spendet. Viel wurde darüber gerätselt, woher er kommt, und die Bandbreite der Vorschläge reicht vom Abendmahlskelch Christi bis zu einer römischen Fischtunke. Parzivals Lebenslauf erinnert an die Heilsgeschichte, die von paradiesischer Unschuld durch den Sündenfalls letztlich zur Erlösung führt. Das Ganze wird mit religiösem Ernst erzählt, erschöpft sich aber nicht darin, denn weil Parzivals Geschick mit dem des vorbildlichsten Ritters und Frauenhelden Gawein verbunden wird, ist es auch von einem bisweilen deftigen Humor durchzogen. Dieser Roman mit rund 18’000 Versen ist in mehr als 80 handschriftlichen Textzeugen überliefert. Darunter befinden sich 6 vollständige Handschriften mit Bildern, 16 mehr oder weniger vollständige sowie 66 fragmentarische Abschriften und ein Druck. Da die Originalhandschrift verloren ist und da jede Abschrift gewollte oder versehentliche Abweichungen enthält, ist man dankbar für jeden neuen Fund, da er vielleicht Licht auf eine noch dunkle Stelle werfen könnte. Dies trifft besonders für die Pergamenthandschriften zu, die in der Regel zeitlich näher beim Urtext stehen als die papierenen. Zwei neue Fragmente Besonders erfreulich ist deshalb die Wiederentdeckung, zweier neuer Fragmente, die der wissenschaftliche Assistent des Solothurner Staatsarchivs, Silvan Freddi, vor einiger Zeit gemacht und den Germanisten Thomas Franz Schneider und Gabriel Viehhauser zur Bearbeitung überlassen hat. Das eine der beiden Fragmente besteht aus zwei Streifen, die als Verstärkung im Falz eines neuen Buches eingebunden wurden und die in drei Spalten 452 mehrheitlich vollständige Verse enthalten. Es stammt aus der gleichen zur Hauptsache verlorenen Handschrift wie das seit längerer Zeit bekannte Colmarer Fragment F 31 mit 243 Versen. Der fast doppelt so grosse Solothurner Fund erlaubt eine genauere Bestimmung der ursprünglichen Blattgrösse der Handschrift wie auch der Spaltenanordnung. Das andere Fragment besteht aus 42 schmalen Pergamentstreifen von 0,6 mal 29 cm, die als Falzeinlagen verwendet wurden. Auch hier lag ein dreispaltiges Manuskript vor, jede Spalte misst ungefähr vier cm in der Breite und enthielt 69 oder 70 Zeilen. Es steht in keinem Zusammenhang mit F 31, sondern repräsentiert einen bisher unbekannten von zwei Schreibern geschriebenen Textzeugen, neu benannt F 69. Im Gegensatz zum anderen Fragment bietet es keinen grösseren zusammenhängenden Text, sondern lediglich kurze Ausschnitte von 1 bis acht Versen. Werk recycelt? Die Tatsache, dass das eine Fragment zu einem Colmarer Bruchstück gehört, weist darauf hin, dass das ursprüngliche Buch schon im Elsass zerschnitten wurde, um das teure Pergament wieder zu verwenden. Dies geschah häufig mit Werken, die als veraltet empfunden und deshalb aus Bibliotheken ausgeschieden wurden. Sie wurden von Buchbindern billig erworben, zerschnitten und zur Verstärkung oder Polsterung neuer Einbände verwendet. Auf diese Weise konnten Textteile die Zeiten überdauern, ähnlich wie viele mittelalterliche Fresken in protestantischen Kirchen, die während der Reformation übertüncht und dadurch konserviert wurden. Wie die Fragmente nach Solothurn kamen ist unbekannt. Sie wurden 1878 vom damaligen Staatsarchivar Josef Ignaz Amiet gefunden und in einem Umschlag aufbewahrt, jedoch nie ediert, so dass sie wieder in Vergessenheit gerieten. Es gibt die Vermutung, dass sie zu den Beständen des im Kulturkampf aufgehobenen Stifts St. Leodegar in Schönenwerd gehörten. Rolf Max Kully >

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