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Algeriens Polizei greift durch

Mit einem Grossaufgebot an Sicherheitskräften verhinderte das algerische Regime eine Demonstration in der Hauptstadt.

Von Oliver Meiler, Marseille Algeriens politischer Frühling ist vertagt. Tausende haben am Samstag, dem hoffnungsfroh angekündigten «Tag des Zorns», dem Demonstrationsverbot des Regimes getrotzt und den Platz des 1. Mai im Zentrum der Hauptstadt Algier bevölkert. Das hat es seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Doch die Courage allein reichte nicht. Der Mut prallte an einem Grossaufgebot der Polizei ab: 35 000 Polizisten hatte Staatschef Abdelaziz Bouteflika geschickt, etwa 7 für jeden einzelnen der 5000 Demonstranten. Sie brauchten gar nicht viel Gewalt anzuwenden, um die Veranstaltung zu beenden. Die Polizei nahm Dutzende Oppositionelle vorübergehend fest, hinderte mit Strassenblockaden Jugendliche aus den Problemquartieren daran, sich dem Marsch von Menschenrechtlern, Gewerkschaftern und kabylischen Politikern anzuschliessen. Und so verhallten die Slogans recht schnell: «Regime, hau ab!», «Freiheit für Algerien!» und «Tunis, Kairo, Algier!» Die Organisatoren hatten gehofft, dass der revolutionäre Funken aus den arabischen Bruderstaaten sofort auf Algerien überspränge und noch viel mehr Menschen auf die Strasse treiben würde. In Oran, Algeriens zweitgrösster Stadt, waren es nur 400. Auch dort war die Kundgebung schnell abgewürgt. Und nun? Das Kollektiv Coordination nationale pour la changement et la démocratie (CNCD) überlegt sich eine Neuauflage des Protests, vielleicht schon am kommenden Samstag. Für den Kommentator der unabhängigen Zeitung «El Watan» hat das Kollektiv seine Wette gewonnen: Das ganze Land sei Zeuge geworden von der Repression des Staates, schreibt das Blatt. Doch das ist keine neue Erkenntnis. Die Gewissheit über das resolute, im Notfall auch brutale Vorgehen des Regimes schreckt wahrscheinlich viele Algerier vom Revoltieren ab. Auch wenn es viele Motive dafür gäbe – soziale, wirtschaftliche und politische. Angst vor der Gewalt Allzu frisch sind aber die Erinnerungen an die Unruhen im Herbst 1988, als das bedrängte Regime in die Massen schiessen liess. 500 Menschen kamen damals um. Traumatisch und noch frischer sind die Erinnerungen an den über zehn Jahre langen Konflikt zwischen Armee und bewaffneten Islamisten, bei dem zwischen 150 000 und 200 000 Algerier getötet wurden. Es kann also gut sein, dass die Algerier der politischen Gewalt müde sind und nur zu gut wissen, dass ein Umsturz in ihrem Land kaum friedlich erfolgen würde. Der Neid der algerischen Opposition gegenüber den arabischen Nachbarn ist entsprechend gross. Das kleine, unterjochte Tunesien hatte man in Algier immer belächelte. Die Tunesier galten dort als duckmäuserisch. Mit den Ägyptern dagegen unterhalten die Algerier eine alte, geopolitisch motivierte Rivalität, die sich kürzlich wieder entlud, als sich die beiden Länder in mehreren Spielen um die Qualifikation für die Fussballweltmeisterschaften massen. Am Ende fuhren die Algerier nach Südafrika, was den heimischen Nationalismus mächtig befeuerte. Nun liegt man 0:1 zurück, wie Algeriens berühmter Karikaturist Ali Dilem am Wochenende in einer Zeichnung seinen Figuren in den Mund legt: «Boutef, hau ab! Wir müssen ausgleichen.» Ein Demonstrant mit einer algerischen Flagge.Foto: Reuters

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