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Alt, leidenschaftlich, schwermütig

Karl Gmünder lanciert eine Einzelinitiative nach der anderen. Der Horgner tut es aus Leidenschaft und Empörung. Im jüngsten Beispiel sind ihm die Pläne der CS zum Bockengut ein Dorn im Auge.

Von Ev Manz Horgen – Wenn Karl Gmünder seine vier Burenziegen hinter seinem Haus beobachtet, dann geht es ihm nicht gut. Er liebe zwar die Natur, Tiere, aber eine junge Ziege werde regelrecht gemobbt. «Da merke ich, wie verdammt schwierig mein Traum der Gleichheit ist», sagt der SP-Politiker. Er spricht ruhig, wirkt nachdenklich, zuweilen schwermütig. Der Traum der Gleichheit treibt Karl Gmünder seit 60 Jahren an. 1959 trat er der SP bei, später sass er für die Partei während acht Jahren im Zürcher Kantonsrat. Heute gilt seine Leidenschaft und Anteilnahme der Lokalpolitik. In den letzten fünf Jahren hat er mit vier Einzelinitiativen auf sich aufmerksam gemacht. Über die jüngste stimmen die Horgner Stimmbürger Ende Juni ab. Gmünder will, dass die Gemeinde den Landwirtschaftsbetrieb Bockengut von der Credit Suisse (CS) zurückkauft und ihn künftig als Bauernhof betreibt. Die Bank hat dem langjährigen Pächter Willi Vögeli gekündigt und das Land verpachtet. Wie die CS die Gebäude konkret nutzen will, ist noch nicht bekannt.«Ich bin ein Citoyen, der mitgestalten will», sagt er. Heute, mit bald 75 Jahren, könne er dies unabhängig von Beruf und politischer Rolle tun. Mit 13 politisiert Geprägt hat Gmünder seine Kindheit in einer fünfköpfigen Arbeiterfamilie in Uzwil. Sein Vater wurde krank und dem damals 13-Jährigen bewusst, wie wichtig Sozialwerke «für kleine Leute» sind – ein Stück Freiheit. Und so begann er sich dafür einzusetzen, dass die Gesellschaft solidarische Werte schafft. Gegen den Willen der Mutter, die es gar nicht gern sah, wenn sich ihr Sohn exponierte. Er habe viele Chancen gehabt, sagt Gmünder. Er wurde Lehrer und bildete sich. Heute sei er zwar alt, aber gesund und darum privilegiert. Deshalb versucht er, auch der nächsten Generation Chancen zu eröffnen. «Und mich hält diese Herausforderung wach», sagt er. Antrieb ist für Karl Gmünder aber auch die Empörung über die Wirtschaftsriesen. «Denen wird heute zu viel ermöglicht», sagt Gmünder, «auch im Bockengut.» Das historische Gut habe die Identität von Horgen geprägt, sagt er. Das Land sei gut, die Nahrungsmittelproduktion damit nah. Darum müsse verhindert werden, dass die CS den Hof umnutze. «Und genau da sind die Behörden der potenten CS gegenüber zu willfährig.» Es fehle an der Bereitschaft, um faire Ausgleiche zu ringen. Gmünder kämpft dafür, sogar gekleidet wie zu Zeiten des Bockenkrieges vor 200 Jahren. Ideen aus der Stube Gmünders Arbeitszimmer zeugt von seiner Aktivität. Säuberlich stapeln sich Bücher über Architektur und die arabische Kultur auf dem kleinen Salontisch neben dem Lesestuhl, auf dem einen Arbeitstisch liegen unzählige Dossiers. Auf dem anderen steht ein Mac. Darauf schreibt er, für sich, für die Zeitung, an Politfreunde. «Ich bin ein Stubenhocker», sagt Gmünder. Dazwischen geht er mit dem Hund ins Freie. Aber nicht mehr weit, der Hund sei alt. Seine Frau lässt ihn machen. «Nur, wenn er wirklich zu lange an etwas herumstudiert, greife ich ein», sagt Esther Marienfeld. Auf der Strasse wird Karl Gmünder für sein Engagement dann und wann positiv angesprochen. «Kritiker gibt es sicher, aber die kommen eher selten auf mich zu.» Gemeindepräsident Theo Leuthold (SVP) sieht Gmünder als politisch interessierten Menschen, von denen es noch mehr geben könnte. «Er zwingt uns, Sachverhalte umfassend zu klären und breit darzustellen», sagt er. Doch er wünschte sich, dass Karl Gmünder nicht Argumente ins Feld führe, die für den Sachverhalt «an den Haaren herbeigezogen sind». Und vielleicht müsste er lernen, Entscheide, die nicht in seinem Sinne gefällt wurden, hinzunehmen. «Hat er sich ein klares Ziel gesetzt, rückt er nicht mehr davon ab», sagt Matthias Herfeldt (Grüne), «doch er ist durchaus offen für neue Sichtweisen.» Herfeldt ist seit einigen Jahren Gmünders politischer Weggefährte, obwohl Gmünder doppelt so alt ist wie er. Gerade seine Altersradikalität schätzt Herfeldt. «Da ist viel Herzblut im Spiel.» Siedlungspolitik im Visier Für die SP Horgen sei Gmünder ein guter Ideenlieferant, einer, der die Sache genau anschaue, die Partei auf Trab halte, sagt Roman Ledermann, Präsident der Ortspartei. «Auch worüber er nachdenkt, entspricht dem heutigen Zeitgeist», sagt er. Doch manchmal sei er mit seinem Elan fast zu schnell. Am nächsten Thema kaut Gmünder bereits: an den Vorstössen der Zürcher Planungsgruppe Zimmerberg (ZPZ) zum neuen kantonalen Richtplan der Siedlungspolitik (TA vom 15.4.). Sie will mehr Freihaltegebiete in Bauzonen umwandeln, als das der Zürcher Regierungsrat vorschlägt, – unter anderem das Bockengut oder das Gebiet Böni-Vogelsang-Mettli in Thalwil. Diese Freihaltezone hatte Gmünder in den 70er Jahren erwirkt, als er noch in Thalwil wohnte und unterrichtete. «Mehr Zersiedelung können wir uns nicht leisten», sagt Gmünder. Das Thema hat ihm in den letzten Tagen sogar den Schlaf geraubt. Gmünder will ein Stück weit unbequem sein. Er sei durch und durch Sozialdemokrat und kämpfe für Gerechtigkeit. «Wäre die Welt morgen ideal, ich hätte nichts mehr zu tun», sagt er und lacht für einmal. Doch, doch, das Leben habe auch seine schönen Seiten. Er blickt hinaus zu Ziegen. «Sie da», sagt er und zeigt auf die älteste Ziege, «gebärt in den nächsten Tagen.» Mit seinem Weitblick will Karl Gmünder nicht nur im Bockengut für mehr Gerechtigkeit kämpfen. Foto: Reto Oeschger

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