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Alte Menschen in jungen Händen

Im Altersheim Herzogenmühle in Schwamendingen gilt ein neues Pflegeerfassungssystem. Die Bewohner merken davon kaum etwas.

Von Denise Marquard Zürich – Das wichtigste Arbeitsinstrument einer Pflegefachfrau ist das Handy. Danuta Faber befindet sich gerade im Lift des Altersheims Herzogenmühle in Schwamendingen, als ihr der Klingelton signalisiert: ein Notfall. Frau B. leidet unter Atemnot. Die Pflegefachfrau eilt aus dem Lift und ins Zimmer von Frau B. Einen Stock tiefer wird gerade für eine 90-jährige Pensionärin «Happy Birthday» gesungen. Kurze Zeit später kommt Danuta Faber zurück. Die Situation ist unter Kontrolle. Der Arzt ist verständigt, die Patientin hat eine Morphiumspritze erhalten, die Sauerstoffzufuhr wurde verdoppelt. Nun geht die Pflegerin ins Stationszimmer, wo Büroarbeit wartet: Die Veränderungen von Frau B.s Gesundheitszustand werden im Kartex festgehalten. Kartex ist ein Karteisystem für wichtige Patientendaten. Anders als zum Teil in andern Gemeinden, dürfen die Pensionäre in den Stadtzürcher Altersheimen bis zu ihrem Tod wohnen bleiben, auch wenn sie pflegebedürftig werden. Heute ist ein spezieller Tag. Die Mehrheit des zwölfköpfigen Pflegeteams verbringt die nächsten drei Stunden in der EDV-Schulung. Die Digitalisierung macht auch vor der Altersheimpflege nicht halt, Kartex wird im neuen Jahr praktisch nur noch elektronisch geführt. Das bringt zunächst Mehraufwand, hat aber auch Vorteile. «Es können bald keine Pannen mehr passieren, weil jemand unleserlich schreibt», sagt Danuta Faber. Ein paar Ausnahmen bleiben: Patientenverfügung, Stammblatt und Medikamentenblatt werden weiterhin handschriftlich geführt. Weil Danuta Faber in die Schulung geht, übernimmt Silvana Almeida den Dienst im Stationszimmer. Sie wird Medikamente bestellen, Anrufe entgegennehmen, den Tagesplan koordinieren. Dieser hält fest, wer welche Pflege erhält, bei wem was anfällt: Blutzucker messen, Insulin spritzen, Kleider und Lebensmittel kontrollieren, Zähne reinigen, Nachtstuhl leeren, Stützstrümpfe anziehen. Neu sechs Stunden Betreuung Almeida ist an ihrem freien Tag eingesprungen. Sie hat ihre zweijährige Tochter Valentina dabei. Eine Arbeitskollegin wird das Kind hüten. Die nächsten drei Stunden sind ruhig. Kein Notruf, kein Sturz, kein Wiedereintritt nach einem Spitalaufenthalt. Silvana Almeida wird im März die Ausbildung an der höheren Fachschule für Pflege antreten, die drei Jahre dauert. Die junge Portugiesin freut sich darauf. «Ich möchte mehr medizinische Verantwortung übernehmen und weniger in der Betreuung arbeiten», sagt sie. Jetzt kümmert sie sich im Turnus mit anderen um eine Gruppe von 14 Frauen und Männern, die dement sind oder vor sich hin dämmern. Seit vergangenem Sommer gibt es eine neue Regelung: Demenzkranke und andere Pensionäre, die dauernde Unterstützung brauchen, werden täglich mindestens sechs Stunden betreut. Davor existierte dazu keine Vorschrift. Diese Arbeit verrichten vor allem die «Fachangestellten Betreuung». Sie kümmern sich am Morgen und am Nachmittag um die Gruppe. Man singt Lieder, es wird gemalt, gespielt, vorgelesen.Silvana Almeida hat keine professionelle Ausbildung auf diesem Gebiet. Was sie kann, das habe sie einer Therapeutin abgeschaut, sagt sie. Jetzt macht sie es allein. Obwohl sie perfekt Mundart spricht, stösst die Portugiesin manchmal an Grenzen. «Patienten singen gern alte Lieder aus ihrer Jugend, die ich nicht kenne», sagt sie. «Zwei oder drei Tage halte ich diese Arbeit aus, aber nach vier Tagen bin ich regelrecht k. o.» Willkommene kleine Besucherin Eine Praktikantin betritt das Stationszimmer. Sie schiebt Almeida einen Zettel hin. Darauf sind Blutdruckdaten von Patienten festgehalten, eine Routineangelegenheit. «Der schriftliche Aufwand hat kaum zugenommen», beruhigt Silvana Almeida, «nur bei der Abrechnung.» Das Telefon klingelt. Jemand aus Österreich erkundigt sich nach einer Pensionärin, die schwer dement ist. Almeida gibt freundlich Auskunft und verspricht, der Frau Grüsse auszurichten. Zusammen mit ihrer Tochter Valentina begibt sie sich in das Zimmer, in dem sich die 14 Pensionäre aufhalten. Am Vormittag ist die Gruppe meist nicht vollzählig. Einzelne wollen länger schlafen oder ganz einfach für sich im Zimmer bleiben. Nun sitzen die einen die Wand entlang in einer Reihe – wie in einem Wartesaal. Andere haben sich um den Tisch versammelt, stumm, mit abwesenden Blicken. Silvana Almeida nähert sich einer Frau und richtet ihr die Grüsse aus. Die 97-Jährige leitete einst einen Kinderhort. Jetzt hält sie eine Puppe in den Händen, und als die zweijährige Valentina sie anspricht, strahlt sie. Auch andere in der Gruppe reagieren mit Freude auf das Erscheinen des kleinen Mädchens. Silvana Almeida ist erst 20 Jahre alt, sie arbeitet schon seit vier Jahren im Altersheim Herzogenmühle. Zuerst war sie Praktikantin, dann drei Jahre in der Ausbildung. «Das ist der richtige Beruf für mich», sagt sie im Hinblick auf ihre medizinische Weiterbildung. Hat sie keine Mühe, als junge Frau ständig um alte Menschen zu sein? «Nein», sagt sie, «ich sehe einen Sinn in meiner Arbeit. Ich bemühe mich, dass es den alten Leuten besser geht, im Alltag und wenn sie am Sterben sind.» Mittlerweile gehe es der Notfallpatientin Frau B. dank des Morphiums etwas besser, richtet eine Praktikantin aus. Das reicht Silvana Almeida nicht. Sie will sich selbst davon überzeugen und geht ins Zimmer der Patientin. Dann telefoniert sie mit dem Hausarzt. Er verspricht, gegen Abend vorbeizuschauen. Jetzt stellt sie die Medikamente zusammen. Eine halbe Stunde früher als die andern Pensionäre, um 11.30 Uhr, erhalten die Demenzkranken ihr Essen. Die Rollatoren werden aufgereiht. Vor dem Lift gibt es ein Gedränge, weil ihn alle gleichzeitig benützen wollen. Wenn einer der drei Lifte ausfällt, herrscht für kurze Zeit Ausnahmezustand. Heute ist ein solcher Tag. Warten, warten, warten Es wird viel gewartet im Altersheim: auf den Lift, aufs Essen, auf die Badefrau, auf Besuch, auf die frische Wäsche, auf die Betreuungsperson, auf den Frühling. «Wenn sie warten müssen, sind die Pensionäre nicht immer zufrieden», sagt Silvana Almeida. Die anderen Pflegerinnen kommen aus der EDV-Schulung zurück, für Almeida ist der Dienst zu Ende. Jetzt übernimmt die 30-jährige Pflegefachfrau Jelena Preradovic. Sie arbeitet seit anderthalb Jahren im Altersheim Herzogenmühle. Zuvor war sie sieben Jahre in einem Pflegeheim in Winterthur tätig. «Was ich heute mache, ist im Vergleich zu früher weniger belastend», sagt sie. Im Pflegeheim ging es «struber» zu. «Einmal bin ich tätlich angegriffen worden, und einmal habe ich einen Heiratsantrag von einem 95-Jährigen erhalten», lacht Jelena Preradovic. Eigentlich hätte sie gern Kinder gepflegt. «Doch ich kann nicht zuschauen, wie junge Menschen sterben.» Ein junger Fachangestellter will eine 97-jährige Frau aufs WC begleiten. Er wird abgewiesen, Preradovic muss einspringen. «Es gibt Frauen, die in der Pflege aus Schamgefühl keine Männer akzeptieren», sagt sie. «Das dürfen sie auch.» Frauen sind in der Mehrheit. Nur 7 der 80 Altersheimbewohnerinnen sind Männer. Auch im Pflegeteam sind die Männer in der Minderheit. Jelena Preradovic hat Spätschicht, sie wird bis 20.30 Uhr arbeiten. Jetzt sind die 14 Pensionäre wieder im Gruppenraum. Kaffee wird eingeschenkt. Später ist es Zeit für die Medikamente, um 17.30 Uhr gibts Abendessen. Danach werden die Bewohnerinnen in ihre Zimmer geführt und ins Bett gebracht. «Dieser Ablauf wiederholt sich täglich», sagt Jelena Preradovic. Ab und an tun ihr die Patienten leid. «Aber je älter ich werde, desto besser kann ich das akzeptieren», sagt sie. «Diese Menschen brauchen jemanden, der sich um sie kümmert.» Fröhliche Stimmen dringen nach oben. Im unteren Stockwerk ist der 90. Geburtstag noch in vollem Gange. Jelena Preradovic (30) füllt Medikamente ab. Fotos: Sabina Bobst Silvana Almeida (20) ordnet Kleider einer Bewohnerin.

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