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«Amokfahrt»: Für das Bülacher Bezirksgericht kommen der Fahrer und der Beifahrer als Täter infrage

Das Bezirksgericht Bülach sprach auch den zweiten Franzosen, der einen Mann aus Rache überfahren haben soll, vom Vorwurf der versuchten Tötung frei.

Von Stefan Hohler Bülach – Der ungewöhnliche Vorfall ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 27. Mai 2010. In dem von vornehmlich Schwarzen besuchten Musikclub Indigo im Gewerbegebiet Wallisellen kam es zu einem heftigen Streit zwischen zwei Besuchergruppen aus Frankreich und Afrika. Einer der dunkelhäutigen Franzosen soll die Freundin eines Afrikaners «begrapscht» haben. Der Streit eskalierte, die vier Franzosen verliessen das Lokal. Dort ging der Streit allerdings weiter und kurze Zeit später überfuhren zwei Franzosen vor dem Club zwei der Afrikaner. Ein Kameruner wurde lebensgefährlich verletzt, ein Nigerianer erlitt leichte Verletzungen. Das Bezirksgericht Bülach hatte Anfang Juni einen der beiden Autolenker, einen 31-jährigen Franzosen, vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freigesprochen. Das Bezirksgericht Bülach folgte mit diesem Urteil nicht den Ausführungen des Staatsanwalts, der von einer versuchten Tötung sprach und darum neun Jahre forderte. Das Gericht nannte das Verhalten des Beschuldigten zwar skrupellos und egoistisch. Er habe Fahrerflucht begangen und nicht die Polizei informiert. Er sei trotz defekter Windschutzscheibe auf der Autobahn mit hoher Geschwindigkeit nach Genf gefahren. Trotzdem sah das Gericht von dieser Strafe ab. Es verurteilte ihn wegen Fahrerflucht und mehrfacher grober Verkehrsregelverletzung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 32 Monaten. Er wird bei guter Führung in rund zehn Monaten frei sein. Schwenker nach rechts Gestern stand nun der zweite Lenker vor dem Gericht. Auch beim 21-jährigen Beschuldigten hatte der Staatsanwalt eine neunjährige Freiheitsstrafe gefordert. Die Staatsanwaltschaft stützte sich bei ihrer Anklage zum Tötungsvorwurf vor allem auf die Aussagen von verschiedenen Zeugen. So hatte der Clubbetreiber gesagt, dass der 21-Jährige voll auf den Kameruner gefahren sei und ihn mit einem Schwenker nach rechts geradezu «gepflückt» habe. Der Lenker sei mit Licht gefahren und habe nicht gebremst. Für den Staatsanwalt war das Motiv Rache und Wut. Wie schon der andere Franzose habe sich der Landsmann wegen der Schlägerei und dem Streit im Clublokal an den beiden Afrikanern rächen wollen. Der Verteidiger des Beschuldigten verlangte einen Freispruch vom Vorwurf der versuchten Tötung. Sein Mandant sei lediglich wegen Fahrerflucht und einfacher Verkehrsregelverletzung mit einer Busse von 1500 Franken zu bestrafen. Sein Mandant habe den Wagen nicht auf den Mann gelenkt. Der Beifahrer habe absichtlich ins Steuer gegriffen und damit den Schwenker verursacht. Der Vertreter des Kameruners verlangte ein Schmerzensgeld von 60 000 Franken. Der verheiratete Mann sei sehr schwer verletzt worden und habe sich in unmittelbarer Lebensgefahr befunden. Er leide heute noch physisch und psychisch unter dem Vorfall. Beifahrer kam nicht als Zeuge Das Bezirksgericht Bülach, das in anderer Zusammensetzung als im Fall des Mittäters tagte, verurteilte den Beschuldigten zu 14 Monaten. Es sprach ihn der Fahrerflucht schuldig und der groben Verkehrsregelverletzung. Vom Vorwurf der versuchten Tötung sprach es den Mann frei. Der Beschuldigte habe erst spät in der Untersuchung vom Griff ins Steuerrad durch den Beifahrer erzählt, was überraschte. Der Beschuldigte habe aber kein eigentliches Motiv gehabt. Er sei von den Afrikanern nicht geschlagen worden und war auch nicht gross in den Streit involviert gewesen. Ganz im Gegensatz zum Beifahrer, der einen Faustschlag ins Gesicht erhielt. Dieser weigerte sich, als Zeuge vor Gericht von Frankreich in die Schweiz zu reisen. Seine damals gemachten Aussagen bei der Polizei konnten gerichtlich nicht verwertet werden. Für den Gerichtsvorsitzenden war klar: «Wir haben zwei potenzielle Täter, aber wir wissen nicht, wer für diesen scheusslichen Vorfall verantwortlich ist.» Deshalb müsse man sich nach dem Motto «Im Zweifel für den Angeklagten» entscheiden. Da der Franzose nicht vorbestraft ist, wurde die Strafe bedingt ausgesprochen und der Mann aus der Sicherheitshaft entlassen. Er kann wieder zurück nach Frankreich reisen.

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