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Anarchie in Adiletten

Autonome haben über Pfingsten bei Benken gegen AKW und den Kapitalismus gezeltet. Neben dem Atomausstieg hatten die knapp 50 Teilnehmer noch ganz andere Sorgen.

Von Marcel Reuss Benken – Zu reden gibt das Bohrloch schon lange. Doch die drei jungen Männer schweigen lieber. Vielleicht später, man müsse erst im Plenum diskutieren, ob man was sagen wolle. Wann diskutiert wird, scheint dabei offener zu sein als das Ergebnis. So offen wie das Durchführen der Kundgebung, die für Sonntag angekündigt ist. Fett steht dazu im Programm: «13.30 h Demonstration: AKW abschalten – Kapitalismus überwinden». Davor gibt es in unfetten Lettern einen «Praxis-Workshop mit Aktionstraining», danach wird zu Mittag gegessen. Nach der Demo Abendessen, Film, Konzert. Weil die Polizei für die Kundgebung keine Bewilligung erteilen wollte, wie die Gemeindepräsidentin am Telefon gesagt hatte? Das wäre eine Frage gewesen. Und was es bringt, mitten auf der Wiese vor wachsendem Korn und vorbeirasenden Autos zu wiederholen, was auf einem Transparent über dem Zeltdorf sowieso von weitem zu sehen ist: «Gegen AKW und grünen Kapitalismus für eine herrschaftsfreie Welt»? Das wäre eine andere Frage gewesen. Doch nach einer langen verregneten Nacht tun sich nicht nur Pfadfinder im Pfingstlager schwer damit, wieder in die Gänge zu kommen. Auch die Aktivisten im A4-Camp scheinen ihre Mühe damit zu haben. An diesem feuchtkalten Samstagmittag trägt die Anarchie Kapuzenpulli und an zweien der sechs Füsse Adiletten. Und sie hat Wichtiges zu regeln. Wer später hinter der Bar stehen soll. Auch das müsse im Plenum angesprochen werden, ist man sich einig. Weil sich noch keiner auf der Liste eingetragen habe und es nicht immer dieselben sein sollen. Unfreundlich sind die drei vom Empfangskomitee deswegen aber keineswegs. Ganz im Gegenteil vermitteln sie das Gefühl von Bedauern. Darüber, dass der Überraschungsgast die weite Reise umsonst angetreten habe. Die Reise nach Benken. Was ist los in Benken? 776 Einwohner. Ein Weindorf am Rande des Kanton Zürichs und doch mitten drin in der Atomdiskussion. Seit die Nagra hier 1995 das Loch bohrte, das seither zu reden gibt, weil es Benken in den Kreis der wenigen Kandidaten für ein Atommüllendlager brachte. In einer Studie von 2005 hatten zwei Drittel der Weinländer das Lager akzeptiert. Man kann die Zahlen, wie es Deponiegegner tun, aber auch anders lesen: Nur ein Fünftel der Weinländer hatte kein schlechtes Gefühl dabei. Hat Japan daran etwa geändert?Das wäre auch eine Frage gewesen. Doch der Bauer, auf dessen Hof ein bemaltes Schild mit einer glücklichen Tomate führt, will dazu schweigen. Das heisst, er will gar nichts mehr sagen. Sagt, wie es auch Medienprofis im Fernsehen tun, nur «danke», und kaum hatte sich die Türe geöffnet, geht sie schon wieder zu. «Bitte», aber was ist denn los in Benken? Nichts besonderes sei los, sagt gleich in der Nähe ein Mann, der in einem Pick-up sitzt. Der Nachbar sei kürzlich lediglich in einer Zeitung zitiert worden, dass ihm das Lager egal wäre, weil er irgendwann sowieso denn Löffel abgeben müsse. Das habe dann im Dorf für eine gewisse Empörung gesorgt. Er selber, ja, er habe seine Zweifel, sagt der Mann im Pick-up. Denke, dass das Endlager nicht gut fürs Image der Region sei und kein Wissenschafter für tausend Jahre Sicherheit garantieren könne. Aber der Atommüll sei da, und irgendwo müsse man den deponieren. Und das Camp? Nein, das Lager störe ihn nicht. Er habe den Jungen sogar angeboten, eine Stromleitung zu den Zelten zu legen. Aber sie hätten gezögert. «Strom, hm?», und dann abgelehnt. Dann sei halt die halbe Nacht der Generator gelaufen. Aber mit Widersprüchen lebten wir schliesslich alle. Japan und die Folgen Abgesehen vom Image, sagt, der Bauer damit in etwa, was die Gemeindepräsidentin bereits gesagt hatte. Dass in Benken das «Tiefenlager» wegen Japan nicht gross anders diskutiert werde. Doch, die Nein-Stimmen seien lauter geworden, sagt im Dorf hingegen eine Frau. Ein Gegner der Deponie bestätigt sie: Ja, die Leute seien wach geworden. Und wacher geworden, das sind mittlerweile auch die drei, vier Dutzend Zelter vom A4-Camp, wie sich von weitem erahnen lässt. Was sie vom beschlossenen Atomausstieg halten? Auch das wäre eine Frage gewesen. Die Antwort darauf gab wohl ein Transparent auf der Rückseite der Toiletten. «Kapitalismus und Ökologie, das klappt nie», stand darauf. Der Bauer hat den Jungen angeboten, Strom zu liefern. Aber sie haben abgelehnt. Dann sei halt die halbe Nacht der Generator gelaufen. Im grünen Bereich: Das Zeltlager, in dem Anti-AKW-Aktivsten ihre Pfingsten verbrachten. Foto: Nicola Pitaro

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