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Auf der Suche nach der Goldküste

Zwischen Herrliberg und Tiefenbrunnen ist freie Sicht auf den Zürichsee ein teures Privileg. Die letzte Etappe endet für den Wanderer mit einer Erkenntnis.

Von Peter Aeschlimann Freiheit hat sehr viel mit Privatsphäre zu tun. Schaut einem keiner über die Schulter, kann man schweinische Dinge tun. Deshalb die Dornen, die Zäune und Mauern, die Hecken und Schilder. Zwischen Feldmeilen und Zürich liest der Wanderer tausendmal ein Wort: «Privat». Der See ist unsichtbar kurz vor Mittag am Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen. Den Weg durch den Nebel an die Goldküste weist die Hymne aller Ufer: Möwengesang und sanftes Klirren von Stahlseilen, die, bewegt von Wind und Wellen, an die Masten ihrer Segelschiffe schlagen. Wenn nur dieses ständige Rauschen nicht wäre. Die Häuser entlang der stark befahrenen Seestrasse müssen faustdicke Fenster haben. Deshalb sind sie wohl auch so teuer. Ein noch plausiblerer Grund ist das steile Gelände zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie, das die Bagger erst in eine Art Steinbruch verwandeln müssen, bevor flachdachige Renditeobjekte aus dem Hang spriessen können. Keine Menschenseele ist zu Fuss unterwegs. Auf dem Trottoir Richtung Erlenbach spaziert man nicht, sondern parkiert. Grosse Autos, die jeden Zentimeter weisse Zone in Anspruch nehmen. Und ab und zu ein Motorboot. Das Eisentor zur Badeanlage Steinrad ist geschlossen. Auch im Sommer hätte man keine Chance. Die Anlage ist für Hunde, Fahrradfahrer, Taucher, Fischer, Surfer und Auswärtige tabu. Villa reiht sich an Villa. So lässt sich hinter vor neugierigen Blicken schützenden Dämmen aus Beton, Holz oder Dickicht der Zürichsee meistens nur erahnen. Freie Sicht auf dem Friedhof Besser wirds nach Herrliberg. Bei einem Parkplatz mit Seeanstoss bereiten sich zwei junge Froschmänner auf einen Tauchgang vor. Ramon und Roman heissen sie, und im Winter waren sie bislang noch nie unten. Vielleicht acht bis zehn Grad warm sei das Wasser, dreissig Minuten halte man das aus. Die beiden hoffen auf Trüschen, Egli und natürlich einen Hecht. Tiefer als zwanzig Meter wollen sie nicht tauchen, denn ab da werde es sehr dunkel im See. In Erlenbach. Vorbei am Haus der klingenden Leere, einem Yoga- und Therapiezentrum für Menschen mit vollen Kassen und klingenden Namen, zur wunderschönen Kirche im Dorfkern. Der Friedhof befindet sich direkt am See. Man taucht den Blick ins unendliche Dunkelblau, hört aus dem Nichts ein Glockengeläut – wahrscheinlich von Thalwil am Ufer gegenüber – und denkt leise bei sich: In Erlenbach muss man reich oder tot sein, um am Wasser ruhen zu dürfen. An Strassenlaternen und Fahnenstangen hängt noch der Weihnachtsschmuck. In Erlenbach sind es grosse goldene Kugeln: ein Planetenweg, bestehend nur aus lauter Sonnen. Einen Uferweg hingegen, der den Namen verdient, gibt es nicht. Lediglich einen öffentlichen Hafen für die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft. Und zuweilen führt zwischen zwei befestigten Anwesen ein schmaler Pfad an die Gestade, wo auf Asphalt bunte Nussschalen überwintern.Es macht Spass, entlang der Schattenseite dieser prunkvollen Bauten zu flanieren. Der Wanderer wünschte sich einzig einen Stadtplan, wie er in Hollywood verteilt wird, auf dem die Wohnsitze der Prominenten eingezeichnet sind. So lässt sich nur raten, wessen Range Rover in dieser Einfahrt steht und wessen Jaguar in jener. Auch die Namensschilder an den gusseisernen Toren geben selten Aufschluss. Um ihre Privatsphäre zu schützen, nehmen sich die Hausherren die Freiheit, nur Initialen zu verwenden. So steht da zum Beispiel: «R. W.». Und man rätselt: Robbie Williams? Am Küsnachter Horn Kurz vor Küsnacht glaubt die Sonne für einen kurzen Augenblick, den heute doch aussichtslosen Kampf mit den Nebelschwaden gewinnen zu können. Und so scheint es fast, als ob die Personenfähre nach Thalwil von unsichtbarer Hand an einem silbernen Faden über den glitzernden See gezogen würde. Das Schauspiel geniesst der Wanderer am Küsnachter Horn, einer hübschen Grünanlage mit einem Kiesdelta, wo der Dorfbach in den See mündet. Im Vergleich zum bisher Gesehenen hat dieser Park eine stattliche Grösse. Nicht, dass man sich darin verirren könnte. Auf den gelben Wegweisern steht dann auch nicht, welche Abzweigung ein Besucher nehmen muss, um den Ausgang zu finden, sondern wo sich der nächste Abfalleimer befindet: «Güselloch». Was für ein formidabler Flecken Erde! Aber wen wunderts bei einem Ort, dessen Name sich aus den Worten «Küssen» und «Nacht» bilden lässt und dessen Küste Wahlheimat von Rocklegende Tina Turner ist (die übrigens zwei imposante Weihnachtskränze an der Pforte hängen hat). Vor dem Romantik-Seehotel Sonne drehen glückliche Kinder in Daunenjacken von Moncler Runden auf der Eisfläche. Und auf einer Reklametafel an der Seestrasse wünscht die örtliche SVP ganz unpolitisch «Frohe Festtage und ein gutes neues Jahr». Beschwingt nimmt der Wanderer die letzten Kilometer bis zur Stadtgrenze in Angriff. Den Bankern im ehemaligen Kesselhaus der Textilfirma Terlinden mag er das Grossraumbüro mit uneingeschränkter Sicht auf den Zürichsee gönnen. Und den Buddhas vom Skulpturengeschäft The Mix in Zollikon erweist er mit einem thailändischen Gruss die Ehre und bittet sie, die sich anbahnende Sehnenscheidenentzündung noch vor Tiefenbrunnen abzuwenden. Endlich ein Seeuferweg Im Strandbad sitzt eine fette Taube. Es wird städtisch. Auf dem Sockel beim Zürichhorn fehlt die Skulptur von Tinguely, im Kugelbrunnen das Wasser. Es fehlt die Bedienung am Marronistand, und es fehlt bei einsetzender Dunkelheit an Licht. Aber etwas fehlt seltsamerweise nicht: ein Seeuferweg. In der am dichtesten bebauten Zürichseegemeinde muss, zumindest rechtsseitig, niemand Hausfriedensbruch begehen, der am Wasser entlang wandern will. Und man fragt sich unweigerlich, weshalb das so ist. Denn auch in Zürich säumen Villen das Seeufer. Mit dem Unterschied, dass hier den Gärten ein Spazierweg vorgelagert ist. Den Gutbetuchten an der Goldküste jetzt eine Schneise durch ihr privates Idaho ziehen zu wollen, wäre illusorisch. Der Wanderer nimmt sich dennoch die Freiheit, zu sagen: «Es wurden Fehler gemacht.» Hoffen auf einen Hecht: Roman (l.) und Ramon vor dem Tauchgang. Fotos: Peter Aeschlimann Stattliches Anwesen in Erlenbach. Am Ziel in Zürich.

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