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Bauern weisen tieferen Milchpreis zurück

300 empörte Landwirte bliesen in Gossau zum Kampf gegen das Preisdiktat der Milchverarbeiter. In einer Resolution hielten sie fest, dass sie keine weiteren Reduktionen mehr akzeptieren.

Von Walter Sturzenegger Gossau &endash Roman Knecht aus Wald ist mit Leib und Seele Milchbauer. Schaut er aber in seine Buchhaltung, vergeht ihm die Freude an seiner Arbeit. «Um auf einen Stundenlohn von 25 Franken zu kommen, müsste ich pro Liter Milch 30 Rappen mehr erhalten», rechnet er vor. Knecht, der mit 80 000 Kilogramm Milch pro Jahr ein kleiner Produzent ist, erhält derzeit 67 Rappen. Dieser Preis decke seine Produktionskosten nicht, sagt Knecht. «Und er droht noch weiter zu sinken.» Wie Knecht geht es den meisten Milchbauern in der Schweiz. Gut 300 von ihnen versammelten sich gestern auf Einladung der Landwirtschaftlichen Bezirksvereine Hinwil, Uster und Meilen in einer Reithalle im Gossauer Industriegebiet. Viele sassen wie Knecht ruhig im Saal und informierten sich über die schwierige Situation auf dem Milchmarkt. Nicht wenige drückten aber auch ihre Empörung aus über die jüngste Senkung des Milchrichtpreises um 4 auf 64 Rappen pro Liter. Zorn auf den Branchenverband Von Wildwestmethoden war die Rede, von einem Diktat der Käufer, einem Debakel und von unfähigen Köpfen. «Viele leben von der Substanz», sagt Knecht. Seit er vor 17 Jahren als Bauer angefangen habe, sei der Milchpreis ständig gesunken, während auf der anderen Seite die Anforderungen und Kosten gestiegen seien. Der Zorn der Anwesenden richtete sich gegen die Branchenorganisation Milch, die gemeinsame Plattform der schweizerischen Milchwirtschaft. Sie setzt sich zusammen aus 50 regionalen und nationalen Organisationen der Milchproduzenten und der Milchverarbeiter sowie aus Einzelfirmen der Industrie und des Detailhandels. Die Branchenorganisation soll die Wirtschaftlichkeit all ihrer Mitglieder stärken &endash doch genau das tut sie nach Ansicht der Bauern nicht. «Wir sind die Löli im Umzug», klagte ein Landwirt. In der Branchenorganisation hätten die Käufer das Sagen. Beschlüsse würden nur umgesetzt, wenn sie zulasten der Bauern gingen. 200 Millionen Liter zu viel Die jüngste Preissenkung hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Schweizer Milchproduzenten (SMP) haben den Austritt aus der Branchenorganisation beschlossen. SMP-Präsident Peter Gfeller sagte, dass im Milchmarkt seit dem Ende der Milchkontingente eine grosse Unordnung herrsche. Davon profitierten einzig die Händler, Verarbeiter und Detailhändler. Diese hätten kein Interesse an einer Reduktion der Milchproduktion. Aber auch unter den Bauern fänden sich «Trittbrettfahrer, die alle Einschränkungen unterlaufen». Derzeit würden in der Schweiz 150 bis 200 Millionen Liter Milch zu viel produziert &endash «und niemand denkt daran, weniger zu melken». Werner Locher, Sekretär der bäuerlichen Kampforganisation BIG-M, forderte eine rechtlich abgesicherte Mengenbegrenzung, die auf die Absatzmöglichkeiten abgestimmt ist. Gegen Bauern, die zu viel lieferten, müsste es Sanktionen geben. Vor allem aber müssten die Milchverarbeiter die Bauern als gleichwertige Partner anerkennen. Im Lauf der Versammlung zeigten sich einzelne Votanten auch selbstkritisch. Ihre Vertreter in den Organisationen seien vielfach Diener verschiedener Herren. Negativ wirke sich auch aus, dass die 26 000 Milchbauern in rund 30 Organisationen zersplittert seien. «Das fördert die Uneinigkeit und erschwert einen starken Auftritt», bestätigte Markus Ritter vom Schweizerischen Bauernverband. «Auf der anderen Seite stehen vier Unternehmen, die 80 Prozent der Industriemilch verarbeiten.» Daniel Gerber, der Geschäftsführer der scharf kritisierten Branchenorganisation Milch, hatte einen schweren Stand &endash sogar sein Rücktritt wurde gefordert. «Wir sind weit von einem Konsens entfernt», konstatierte er. Gleichzeitig warnte er vor zu hohen Erwartungen und einem Konfrontationskurs. «Wenn nicht mehr alle an einem Tisch sitzen, dürfte der Preisdruck weiter steigen.» Mehr Einfluss gefordert Die Milchbauern liessen sich von Gerber nicht von ihrem eingeschlagenen, härteren Kurs abbringen. Sie verabschiedeten eine Resolution, in der sie festhielten, dass sie die beschlossenen sowie alle weiteren Preissenkungen nicht akzeptieren. Zudem verlangen sie, dass die Butterlager von mehreren Tausend Tonnen bis Ende Jahr abgebaut werden. Und bei der Neukonstituierung des Vorstandes der Branchenorganisation fordern sie vier Sitze für unabhängige Produzentenvertreter, die nicht im Milchhandel tätig sind. Weiter wollen die Bauern künftig allein für die Marktentlastung zuständig sein. Schliesslich seien in erster Linie sie an einer Preisstabilisierung interessiert.

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