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Bei den feuchtfixierten Natur-Voyeuren

Des Seeuferwegs dritter Teil, von Richterswil nach Rapperswil: Ans Ufer dürfen hier nur Hausbesitzer und Tiere. Wanderer bleiben auf Distanz.

Von Beat Metzler Der Weg von Richterswil nach Rapperswil zerfällt in zwei völlig unterschiedliche Teile. Einzige Gemeinsamkeit der beiden: Auf der gesamten Länge haben 99,99 Prozent der Bevölkerung keinen Seezugang. Bis Pfäffikon teilen sich Hausbesitzer das Ufer. Danach gehört es ganz der Natur. Der Direktmarsch von Richterswil bis Pfäffikon ist derart unspektakulär, dass man ihn auf keiner Wandersite im Internet findet. Dabei beginnt die Strecke verheissungsvoll. In Richterswil steigt man aus der S-Bahn fast in den See, der «Strandweg» führt einen Kilometer direkt entlang des Wassers. Dieses vollführt an jenem verhangenen, immer wieder aufklarenden Morgen ein Farbenspiel, das jeden Maler zur Verzweiflung brächte. Sämtliche Töne zwischen Dunkelgrau, Armeegrün und Bleiblau werden abwechslungsweise durchprobiert. Eine metallene Glasur überzieht die Oberfläche, sodass sie aussieht wie der geschmolzene Bösewicht aus «Terminator 2». Sieben unerwiderte Grüezi Mit dem Strandweg endet auch die Seesicht. Der Wanderer muss aufs Trottoir einer Hauptstrasse, der See verschwindet hinter architektonischer Mittelmässigkeit. Nur manchmal schimmern ein paar Fetzen durch die Löcher schmiedeeiserner Gittertore. Wie schön das Wasser sein muss, bezeugen die Tausenden Häuser, die sich beinahe übereinanderrecken, um ihren Bewohnern einen Schnitz Seesicht zu gewähren. Psychologen würden bei diesen Gebäuden eine akute Feuchtfixierung diagnostizieren. An der Grenze zu Bäch (das zu Freienbach gehört) purzelt der Steuerfuss. Optisch hat das keine Auswirkungen. An der Seestrasse reihen sich die Mehrfamilienhäuser, einige Villen ducken sich hinter hohen Mauern. Nur die Autonummernschilder springen wie auf Kommando von ZH auf SZ. Die folgenden Highlights lassen sich am besten statistisch abhandeln: Anzahl angetroffener Fussgänger: 3.Geschätztes Durchschnittsalter dieser Fussgänger: 80 Jahre. Gekreuzte Jogger: 7.Unerwiderte Grüezi: 7. Gekreuzte Velofahrer: 1.Anzahl Fahrräder im Veloständer des Bahnhofs Freienbach: 0. Zahl vorbeirauschender Autos: Nach 100 wurde das Zählen zu anstrengend.Autogaragen am Weg: 4. Wegweiser am Weg: 0.Anzahl Sackgassen oder Privatstrassen (Betreten verboten), in die sich der Wanderer zwecks Seesuche verirrte und die ihn zur Umkehr zwangen: 5.Anzahl ganzer Wohnsiedlungen, die von Mauern umschlossen werden: 3.Weg-Meter, die zwischen Bäch und Pfäffikon den See touchieren: 0.Anzahl Restaurants, die «See» im Namen führen: 3.Anzahl Berge, an denen sich der Wandererblick ablenken konnte: 0. (Was an den dichten Wolken lag, die alle Berge köpften. Ansonsten sei die Sicht aufs Oberland fantastisch, versicherte einer der Fussgänger.) «Sehen, nicht gesehen werden» Kurz vor Pfäffikon betritt der Wanderer ihm wohlgesonnenere Gegenden. Der Weg löst sich von der Hauptstrasse und wechselt auf die bessere Seite des Eisenbahnstrangs. Am Rand des Naturschutzgebiets Frauenwinkel führt er auf den Damm, der den Zürichsee wie eine Kordel zusammenschnürt. Der Blick bekommt Auslauf bis zum Uetliberg. Auch das Ufer ist sichtbar geworden, es bleibt aber unzugänglich. Menschen würden in der «Moorlandschaft von nationaler Bedeutung» nur stören. Am Ende des Schutzgebiets fühlt man sich allerdings wieder nach Bäch zurückversetzt. Ein Holzzaun verrammelt die Sicht, nur wenige Latten sind zum Durchgucken ausgespart. Darüber steht: «Sehen, aber nicht gesehen werden.» Das ist dann wohl Natur-Voyeurismus. Nach einer Traverse des Dammdorfs Hurden folgt als Schlussbouquet der «Pilgersteg». Die fast einen Kilometer lange Holzkonstruktion entfernt sich angenehm von der lauten Dammstrasse. Die erste Version des Stegs soll aus dem Jahr 1358 stammen. Damals lag das Seeufer noch weitgehend frei, dafür warteten in Rapperswil keine S-Bahnen, die Ermüdete im Zehnminutentakt zurück nach Zürich bringen. Das Schlussbouquet: Blick auf das Schloss Rapperswil. Foto: Sophie Stieger

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