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Ben Alis langer Schatten ist noch nicht verscheuchtGegen die langen Schatten Ben Alis

Die Tunesier bangen trotz Triumphen noch um die Errungenschaft ihrer Revolution. Die Lust nach einer Tabula rasa ist gross

Jasmin-Revolution?Die Tunesier bangen trotz Triumphen um die Errungenschaft ihres Aufstands. Radikale Oppositionelle fordern deshalb, dass auch die Übergangsregierung abtritt.Von Oliver Meiler, Marseille Noch ist das Misstrauen gross. Noch fürchten die Tunesier, die Vorbilder der Ägypter, sie könnten am Ende doch noch um die Früchte ihrer Revolution gebracht werden. Auch zwei Wochen nach dem Sturz von Zine al-Abidine Ben Ali, der das kleine Land 23 Jahre lang regiert und eingeschüchtert hatte. Noch liegen viele Schatten des alten Regimes über den politischen Institutionen, über der Wirtschaft und in den Köpfen der Tunesier. Und doch ist schon viel passiert in kurzer Zeit – so viel, wie das vor kurzem niemand gewagt hätte zu glauben. Der Wandel erhält Konturen, der Übergang verläuft bisher recht ruhig. Das prophezeite Chaos jedenfalls blieb aus. Einen neuerlichen Triumph feierte das Protestvolk am Donnerstagabend, als der interimistische Premierminister Mohamed Ghannouchi den Forderungen nachgab und die umstrittenen Minister für Äusseres, Inneres, Verteidigung und Finanzen beurlaubte. Alle hatten schon unter Ben Ali amtiert und behielten zur grossen Ernüchterung der Tunesier ihre Schlüsselfunktionen auch in der Übergangsregierung. Nun sind sie weg, verdrängt vom Druck der Strasse. Von der alten Garde sind noch drei übrig: der Industrieminister, der Planungsminister – und der Premier. Auch Ghannouchi war ein Vertrauensmann Ben Alis, einer der engsten gar als dessen langjähriger Regierungschef. Und doch könnte es sein, dass ihn die Tunesier als Fährmann akzeptieren. Der 69-jährige Ökonom, mehr ein Technokrat denn ein Politiker, hat weder viel Charisma noch Machtambitionen. Vor einigen Tagen versprach Ghannouchi überdies, dass er nach den Parlaments- und Präsidentenwahlen, die er in den nächsten Monaten organisieren soll, die Politik definitiv verlassen wolle. Er geniesst das Vertrauen der nationalen Gewerkschaft, der Union Générale Tunisienne du Travail (UGTT). Mit ihren 500 000 Mitgliedern ist sie die wichtigste unabhängige Organisation der Zivilgesellschaft. Gewerkschafter vermitteln An der Regierung mochte die UGTT nicht teilhaben. Sie führt die Opposition an, zeigt sich aber kompromissbereit. Die Gewerkschafter vermitteln zwischen dem Übergangskabinett, das fast nur noch mit hohen Funktionären und unabhängigen Vertretern aus der Zivilgesellschaft besetzt ist, sowie den «Maximalisten» der Opposition. Den radikalsten Revoluzzern und den Vertretern der verbotenen Opposition wäre es lieb, wenn sofort alles neu würde und alle Insignien von Ben Alis Machtapparat über Nacht verschwänden. Tabula rasa. Sie fordern, dass auch Ghannouchi abtrete – umso mehr, als diese Woche publik wurde, dass sich der Premierminister von Ben Alis früheren Beratern assistieren lässt. Die «Maximalisten» fordern auch die Auflösung der früheren Präsidentenpartei, des Rassemblement Constitutionnel Démocratique (RCD). Die Partei stellt 161 der insgesamt 189 Abgeordneten im tunesischen Parlament. Und mit ihren mehr als zwei Millionen Mitgliedern diente sie Ben Ali auch als Spitzelnetzwerk im ganzen Land: In jedem Dorf, in jeder Strasse, in jedem Wohnhaus – überall wachten Leute des RCD über das Murren im Volk. Entsprechend verhasst ist sie. Doch die Partei gibt sich noch nicht geschlagen: Sie hofft darauf, dass die Wirren zunehmen, dass sich die Opposition zerstreitet, dass die Heimkehrer aus dem Exil alte Ängste schüren. Und dass am Ende das Sehnen nach dem alten Regime wachsen könnte, dass es gar zu einer Gegenrevolution kommt, dass die Armee, die eigentliche Garantin der Jasmin-Revolution, einschreiten muss. Wahrscheinlich ist das nicht. Doch solange noch Schatten Ben Alis über dem Land liegen, weicht auch die Furcht vieler Tunesier nicht, sie könnten um den Erfolg ihres mutigen Aufstands betrogen werden. Mohamed Ghannouchi Der 69-jährige Premier musste auf Druck der Strasse mehrere Minister seiner Übergangs-regierung entlassen.

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