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Besuch im Stripclub: Ein Schauspiel in vier Akten

Teatro?Was spielt sich tatsächlich hinter den Leuchtreklamen des Wetziker Nachtclubs ab? Eine Frau und ein Mann wollten es genau wissen. Ein Abend – zwei Perspektiven.Von Melanie Pfändler und Sandro Zappella 1. Akt – 21 Uhr Sie: Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und bin überfordert. Was zieht frau an, wenn sie in einen Stripclub geht? Über die Arbeitsuniform bin ich zumindest vorurteilsbedingt bestens informiert – Haut statt Stoff und Absätze aus Plexiglas, schon klar –, aber als Besucherin? Ich verspüre nicht den geringsten Drang, die lüsternen Blicke von der Tanzstange auf mich zu lenken. Doch ich möchte mich auch ungern in einen Jutesack hüllen und mich fühlen wie ein Nashorn in einem Rudel Gazellen. Der Verzweiflungsanruf bei meinen modebewussten Freundinnen hilft herzlich wenig: Die erste kriegt einen Lachanfall, die zweite straft mich mit konsterniertem Schweigen. Also höre ich zur mentalen Wappnung fünfmal hintereinander den Soundtrack von «Moulin Rouge» und entscheide mich schliesslich für dunkle, schlichte Tarnkleider und dezente Kriegsbemalung. Auf ins Gefecht! Er: T-Shirt, Blue Jeans, Sneakers. Ich habe mich für heute Nacht nicht sonderlich rausgeputzt. Schliesslich bezahle ich dafür, dass mich die Frauen schön finden – oder dass sie zumindest so tun. Ich frage mich, was mich im Wetziker Teatro erwartet. «Bar and Showdance» ist die offizielle Bezeichnung für den Füdlischuppen an der Zürcherstrasse. Wird es zum «Theatre of Dreams», wie der Club auf Werbetafeln verspricht, oder werde ich mich in einem verruchten Schmuddellokal wiederfinden? Ich besuche für den Tagi einen Stripclub und werde dafür bezahlt. Meine Kumpels feiern mich als Helden der Arbeit; das Prädikat «Traumjob» fällt mehrmals. Meine Freundin ist weniger begeistert. 2. Akt – 22 Uhr Sie: «Tiere und Waffen nicht erlaubt.» Ich bin nicht sicher, ob mich das Schild am Eingang beruhigt oder nicht. Ein Blick ins Lokal genügt, um festzustellen, dass die berüchtigten «Waffen der Frauen» grosszügig ausgeklammert sind. Und auch das Tierreich scheint bestens vertreten: Da tummeln sich die erwarteten Gazellen, geschmeidige Wildkatzen und Lustmolche mit Stielaugen. Die Einrichtung verströmt die rurale Gemütlichkeit einer ganz normalen Oberländer Bar – wäre ich nicht das einzige weibliche Wesen, das mehr als 30 Prozent seiner Körperoberfläche bedeckt hält. Er: Ich bestelle ein Taxi in Richtung Burger King und Schuhparadies am Stadtrand von Wetzikon. Der Taxifahrer muss lachen: «Also zum Teatro?», fragt er mich schelmisch. Wir verstehen uns. Die Neonschilder mit dem Schriftzug weisen mir mit ihrem roten Blinken den Weg. Als ich die Treppe hinuntergehe, steigt mir der Geruch von Trockeneis, abgestandenem Parfum und Kerzenwachs in die Nase. An der Kasse erhalte ich für das Eintrittsgeld von 15 Franken fünf Teatro-Dollar. Ich werde sie noch gebrauchen. Noch ist das Lokal ziemlich leer. An der Decke hängen Discokugeln, die Tanzstangen inmitten des Clubs sind von zahlreichen antiken Sofas umgeben. Ich bestelle ein Bier, das mein Portemonnaie um ein stolzes Zehnernötli erleichtert. 3. Akt – 24 Uhr Sie: In einer Ecke sitzt ein gut aussehender junger Mann mit Mütze und Pelzkragen. Stripperin Jasmin wirft ihm einen Luftkuss zu, tänzelt zu seinem Tisch und beginnt ihn mit Tiergeräuschen zu betören. Entweder ist die Gute vom Trockeneis benebelt oder sie will andeuten, dass nun Zeit ist, von der Raubtiershow zum Streichelzoo überzugehen. «Die hat steinharte Schenkel!», schwärmt der glückliche Grapscher. Tatsächlich scheinen diese erotischen Fabelwesen nur aus Muskeln, wallenden Haaren, sowie primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen zu bestehen. Das schummrige Licht hat einen Photoshop-Effekt: Unebenheiten werden geglättet, jegliche Makel lösen sich in Luft auf. Xenia macht einen Spagat, und ich kriege Minderwertigkeitskomplexe. Abgesehen davon bin ich selbst überrascht über meine Reaktion: Seltsamerweise verspüre ich nicht das geringste Bedürfnis, mich mit Desinfektionsmittel zu besprühen. Erst später an diesem Abend werden mir feministische Mantras durch den Kopf schiessen sowie Schlagworte wie «Ausbeutung» und «Aufenthaltsbewilligung». Doch jetzt ist alles anders. So muss es sich wohl anfühlen, ein Mann zu sein: Ich sehe nackte Beine und blanke Brüste und muss kein einziges Mal an Alice Schwarzer denken. Ich nehme einen Schluck von meinem überteuerten Cüpli, lehne mich zurück und geniesse die Aussicht. Er: «Sexy» und «Jasmin» sind die einzigen Wörter, die ich von der Ankündigung des DJs verstehe. Er erinnert mich stark an die Autoscooter-Durchsagen oder einen Piloten vor dem Abflug. Während ich in meinen Gedanken noch an der Chilbi bin, schwingt sich vor meinen Augen «Sexy Jasmin» um die Stange und wirft mir verführerische Blicke zu. Ich belohne sie mit einem Teatro-Dollar. Bald habe ich keinen mehr in der Tasche. Auch den anderen Besuchern gefällts. Ein Mann mit Hawaiihemd und Schnauz wirkt auf mich wie ein persischer Bordellbesitzer. Ein anderer, wohl ein Stammkunde, grüsst alle Damen persönlich, schmeisst eine 200er-Note auf den Tresen und fühlt sich dabei wie Berlusconi. Nach einigen Minuten wird er schon von mehreren Mädchen umgarnt. Sie könnten seine Töchter sein. 4. Akt – 2 Uhr Sie: Trotz sehr moderatem Alkoholkonsum gleite ich in einen rauschhaften Zustand. Ich fühle mich, als würde ich einen Film betrachten, der mich in seinen Bann zieht, aber nichts mit mir zu tun hat — Stanley Kubricks «Eyes Wide Shut» in 3-D. Die Inszenierung ist perfekt. Und sie macht es leicht, diese Frauen nur als Objekte der Begierde zu sehen. Nicht als Individuen, die eine Mutter haben oder selbst schon eine sind, ein SBB-Abo besitzen, morgens Kaffee trinken und abends Desperate Housewives gucken. Die Desillusionierung geschieht auf der Damentoilette. Am Waschbecken begegne ich Xenia. Unter dem erbarmungslosen Licht der Neonröhren wird die gelockte Schönheit zum gefallenen Engel. Die Realität zerbröselt ihre Maske. Darunter kommt fahle, post-aknetöse Haut zum Vorschein, das goldene Blond wirkt genauso stumpf wie ihr Blick in den Spiegel. Wir sehen uns an. Ich lächle, sie nicht. Dann stösst sie die Tür auf, geht hinaus ins Dämmerlicht und zurück in ihre Rolle. Ich bleibe zurück. Er: Als sich der Abend langsam dem Ende neigt, folgt das fulminante Finale. Alle Mädchen nehmen einen Gast an der Hand und ziehen ihn zu sich aufs Podest. Die Auserwählten strahlen vor Freude, sie dürfen sich vor den Augen der anderen von den Stripperinnen verwöhnen lassen. Ein schüchterner Mann freut sich ganz besonders. Sein ohnehin schon seliges Lächeln wird noch breiter, als sich die Stripperin ihres BHs entledigt. Die junge Frau schmiegt sich so nah an ihn, dass er ihre Brustwarzen als Oropax verwenden könnte. Dann gibt sie ihm einen Kuss auf die Wange, geht mit schaukelnden Hüften von dannen und verschwindet in der Finsternis. Die Show ist vorbei.

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