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Betagtenpflege

Betagtenpflege Von Bettina Ledergerber (Text) und Patrick Gutenberg (Fotos) Adliswil – In den nächsten achteinhalb Stunden wird Mike Sommer (24) im Haus zum Mauersegler leben. Das klingt zwar weniger nach Arbeit, was aber nicht heissen muss, dass kein anstrengender Tag auf den Fachangestellten Gesundheit wartet. Das Wort leben passt einfach besser zur Pflegewohngruppe im Haus zum Mauersegler als arbeiten. Mike Sommer tritt aus der Personalgarderobe, wo er Winterjacke und Handy eingeschlossen hat. Es ist zehn Uhr, und Frau G. trägt gerade eine Fussmatte und ein Kopfkissen zielstrebig in Richtung Wintergarten. Mike Sommer eilt ihr nach, erklärt ihr mit ruhiger Stimme, dass die Fussmatte in ihr Zimmer und das Kissen auf ihr Bett gehörten. Zusammen bringen sie die Gegenstände zurück. Frau G. reagiert wie immer mit einem zustimmenden «mhmm mhmm mhmm». Es ist fünf nach zehn, und Mike Sommer befindet sich schon mitten im Mauersegler-Alltag. Warum schaffen wir das? Der Anspruch von Petra Bäkermann, Leiterin der Pflegeinstitution, ist, dass ihre Mitarbeitenden immer hellwach sind. Immer bereit, auf unvorgesehene und unkontrollierte Handlungen der 17 mittel bis schwer demenzkranken Bewohnerinnen und Bewohner professionell reagieren zu können. «Das erforderte eine maximale Zusammenarbeit.» Petra Bäkermann hat ein interdisziplinäres Team zusammengesetzt. Vor knapp fünf Jahren wurde das Haus zum Mauersegler eröffnet. Es habe viel Überzeugungs- und Aufbauarbeit gebraucht, aber seit zwei Jahren werde das Konzept von allen gelebt. Trotzdem sind es aufwendige Ziele, die sich Petra Bäkermann und ihr Team gesetzt haben. Die Leiterin sagt: «Ich weiss manchmal gar nicht, warum und wie wir das hier alles schaffen.» Muss man sich ekeln? Es riecht schon im ganzen Haus nach Mittagessen. Noch dauert es eine Weile, bis der Kartoffel-Gemüse-Gratin aus dem Ofen kommt. Die drei Tische sind gedeckt. Grosse Schüsseln mit Salat stehen auch schon darauf. Frau G. blickt sich suchend um, stapelt drei Teller aufeinander, darauf finden auch noch ein Glas und ein Messer Platz. Gerade als Frau G. damit aus der Tür huschen will, wird sie von einer Kollegin Mike Sommers aufgehalten. Er hat vor der Mahlzeit eine Bewohnerin auf die Toilette begleitet, den Sack mit den gebrauchten Inkontinenzwindeln in der Hand, spricht er sich im Vorbeigehen mit der Tagesleiterin ab: Mike Sommer wird mit Frau F. essen. Es kann sein, dass sie plötzlich zu schreien beginne, warnt Mike. Deshalb hat sie ihren Platz abgesondert an einem einzelnen Tisch. Mike schneidet die Salatblätter in Frau F.s Teller, führt den Löffel zu ihrem Mund. Dann beginnt er selbst zu essen. Immer nach zwei Gabeln legt er das Besteck beiseite und wendet sich Frau F. zu. Mike Sommer hat sich daran gewöhnt, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zu essen. «Gemeinsam um einen Tisch zu sitzen, ist für sie oft eine vertraute Situation.» Sie würden lieber essen und auch mehr zu sich nehmen. Geekelt hat er sich erst einmal – als sich eine Frau neben ihm am Tisch übergeben musste. Nur Hintern wischen? Was Mike Sommer am Pflegeberuf stört, ist sein Ruf. Besonders in der Alterspflege. Er bekomme zwei Reaktionen: Bewunderung oder Hohn. Die einen sagen respektvoll, dass sie sich dies nie zutrauen würden, die anderen bringen den Beruf nur mit dem Putzen von Hintern in Verbindung. «Das ist nicht immer einfach», sagt Mike Sommer, der selbst nur durch einen Zufall Fachangestellter Gesundheit geworden ist. Während der Rekrutenschule als Sanitäter absolvierte er ein Praktikum in einem Berner Alters- und Pflegeheim. Es gefiel ihm so viel besser als die Arbeit in der Kochlehre. Der Alltag im Heim gestaltete sich abwechslungsreicher als in der Küche. Er entschied sich, nach dem Militär eine zweite Ausbildung in Angriff zu nehmen. Im Sommer schloss er ab, und seit Anfang September ist er im Haus zum Mauersegler tätig. «Ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen.» Unter seinen Kollegen startete er eine kleine Kampagne für seinen Beruf. Einen hat er so lange bearbeitet, bis er sich für ein Praktikum meldete. Nun habe der den gleichen Weg eingeschlagen wie er. Mike Sommer sagt, er wünsche sich manchmal, mehr Menschen würden ihre Vorurteile ablegen. «So, gell?» In der Waschküche im Keller wartet ein Korb mit frisch getrockneten Frotteetüchern auf Mike Sommer und Frau S. Sie stürzt sich förmlich darauf, faltet sie behände einmal längs dann zweimal quer. «So, gell?», sichert sie sich zwischendurch beim Pfleger ab. «Sie machen das perfekt», antwortet Mike Sommer lachend. «Von Ihnen kann ich noch etwas lernen.» Frau S. faltet munter weiter. Die Pflegewohngruppe im Haus zum Mauersegler ist eine selbstversorgende Institution. Alles wird selbst gemacht, ob Gartenarbeit, Rüsten, Kochen oder Waschen. Die Angestellten beziehen die Bewohner in die alltägliche Arbeit mit ein. Nur das Putzen übernehmen aus hygienischen Gründen zwei Reinigungsangestellte. Im Heim daheim? Heim kommt von Daheim. Viele alte und hilfsbedürftige Menschen sträuben sich aber vor dem Übertritt. Die Gründe sind vielfältig. Manche haben Angst, die Unabhängigkeit zu verlieren, manche fürchten sich vor einer schlechten Betreuung. Die entwürdigenden Handyaufnahmen im Entlisberg und die mutmasslichen Misshandlungen im städtischen Alters- und Pflegeheim Adliswil verschlechterten das Image der Altersinstitutionen. «Seid ihr auch betroffen?», wurden Mike Sommer und seine Kollegen oft gefragt. Im Team sei viel über die Vorfälle gesprochen worden. Auch er komme manchmal an Grenzen oder erwische einen schlechten Tag.«In diesen Fällen kann ich aber auf das Team vertrauen, mich auch mal zurücknehmen, wenn es erforderlich ist.» Leiterin Petra Bäkermann sagt: «Wir kontrollieren uns gegenseitig enorm. Und ich hinterfrage mich, machst du alles richtig? Könnte so etwas bei uns passieren? Und wo?» Ihr gelinge es aber, in der Reflexion und der Evaluation im Team, aussergewöhnliche Situationen zu meistern. Im Haus zum Mauersegler tut man viel gegen eine Altersheimatmosphäre. Die loftartige Architektur mit den alten Möbeln irritiert, versprüht gleichzeitig Charme. Zur Wohngemeinschaft gehören die beiden Therapiehunde Paddy und Lucky. Die Angestellten arbeiten nur in einem weissen Kittel, wenn es die Hygiene erfordert. Es ist 14 Uhr, und Mike Sommer streift den Bewohnern eine grüne Schürze über. Gemeinsam stellen sie weihnachtliche Kränze und Gestecke her. Es herrscht eine ruhige und geschäftige Stimmung. Frau F. schreit nicht. Frisieren, waschen, Medikamente richten: Mike Sommer kann sich keinen vielfältigeren Beruf vorstellen,.

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