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Bis zum süssen Ende

Die Ustermer Judoka Fabienne Kocher kann heute an den U-20-Weltmeisterschaften in Marokko ein herausragendes Jahr krönen und in jedem Fall noch lange davon zehren.

Von Deborah Bucher, Uster Der Anfang wurde zum Geduldsspiel. Denn Fabienne Kocher hätte gerne viel früher ein- und später auch durchgegriffen. «Aber ich durfte nicht, wurde vertröstet», blendet sie zurück. Judo, dem ihre ganze Faszination gegolten hat, ist für kleine Kinder ungeeignet, weil bei der Grundschulung die spielerischen Formen zu kurz kommen. Deshalb war das Mädchen zu Beginn zwar häufig Gast im Dojo des JC Uster, dabei allerdings nur stille Beobachterin. Im Visier stand die vier Jahre ältere Schwester Stephanie, die daheim immer so euphorisch vom Training erzählt und Fabiennes Interesse geweckt hatte. Als die Zeit endlich reif war, packte auch diese mit circa acht Jahren die Chance und verlagerte ihre sportliche Prioritäten immer stärker weg vom Handballparkett und hin auf die Judomatte. Erfolg auf solidem Fundament Als Athletin benötigte Kocher deutlich weniger Anlaufzeit. Getreu dem Motto «was lange währt, wird endlich gut» erzielte sie stetig Fortschritte und schlug ein horrendes Tempo an. Bald wurde das ursprüngliche Trainingspensum von wöchentlich ein bis zwei Einheiten verdoppelt, der Spass wich allmählich dem Leistungsgedanken. «Was nicht heisst, dass die Freude darunter gelitten hätte», betont die heute 17-Jährige und ringt erfolglos nach Worten, die treffend wären für die Bedeutung, die die japanische Sportart in ihrem Leben einnimmt. Früher erlaubte das Power-Team von Thilo Pachmann, einst Kämpfer von internationalem Format und heute im Vorstand des Schweizer Verbands, dem Talent eine adäquate Förderung. Heute bietet das regionale Leistungszentrum (RLZ) der Rämibühl-Gymnasiastin aus dem Ustermer Ortsteil Riedikon die optimalen Strukturen. Seit im Sommer 2009 die Einrichtung in ihrer Wohngemeinde eröffnet wurde, erhielt das Training eine noch professionellere und intensivere Note. «Die Bedingungen haben meine Entwicklung beschleunigt und sind der Grund für den Leistungssprung, den ich im letzten Jahr machte», unterstreicht die Braungurt-Trägerin. Das Resultat sind vier Podestplätze bei acht kontinentalen Nachwuchs-Turnieren in der laufenden Saison und die alles überstrahlende Bronzemedaille in Sofia (Bul) bei den U-20-Europameisterschaften. Nicht als Zufall, aber als faustdicke Überraschung wertet Kocher den Coup vor einem Monat. Unerwartet plötzlich kam der Durchbruch darum, weil sie dieses Jahr sowohl Alters- wie Gewichtsklasse (neu bis 57 kg) wechselte. Vielleicht habe sie vom Anfängerbonus profitiert. «Denn ich konnte ganz ohne Druck antreten», folgert sie. Das befreiende Gefühl spürte sie schon vor dem Einsatz, als sie nicht auch noch den Kampf mit der Waage aufnehmen und unter Stress Kilos verlieren musste. Ohne Fleiss kein Preis Für Ran Grünenfelder, den RLZ-Leiter, fusst der schnelle Aufstieg auf drei Säulen. Aus den gleichen drei Gründen wagt er die Prognose, dass die Oberländerin zu den hoffnungsreichsten Schweizer Judoka zählt. Kocher, die 2009 als Dritte am olympischen Jugendfestival erstmals für Aufsehen gesorgt hat, deute ihr Potenzial regelmässig bei Wettkämpfen an und könne auf hohem Niveau bestehen. «Zudem lässt sie sich zu 100 Prozent auf den Spitzensport ein und überzeugt durch hohes Engagement», sagt ihr Trainer. Im Alltag setzt Kocher dies um, indem sie in ihrer Freizeitplanung viele Kompromisse eingeht und den Freundinnen nur sporadisch zu einem DVD-Abend zusagen kann. Drittens trägt das Mitglied des Nationalkaders das für ihre Spezies charakteristische Gen der Bescheidenheit in sich. So wirkt die Ustermerin im Gespräch unscheinbar und wortkarg. «Sobald sie auf der Matte ist, legt sie ihre Zurückhaltung ab, ohne dabei den Respekt vor den Gegnerinnen zu verlieren», versichert Grünenfelder. Was zentral dabei ist: Die Linkskämpferin versteht es, Ruhe zu bewahren. «Dank ihrer Geduld und positiven Einstellung hat sie sich schon oft aus einer vermeintlich aussichtslosen Situation befreit und einem Duell im letzten Moment die entscheidende Wende gegeben.» Beispielhaft dafür war der «Big Point» im EM-Viertelfinal, als Kocher gegen ihre kroatische Widersacherin bis zum bitteren Ende kämpfte und ein süsses daraus machte, indem sie in der Schlusssekunde die siegreiche Wertung buchte. Mit diesem Leistungsausweis bestreitet sie heute Freitag in Agadir (Mar) ihre erste WM. «Als EM-Medaillengewinnerin rückt sie unweigerlich in den Mittelpunkt. Wir aber lassen uns von der neusten Entwicklung nicht blenden und halten an unseren alten Zielen fest», sagt Grünenfelder. Darunter versteht er, dass Kocher nicht an zu hohen Erwartungen scheitert und stattdessen nach einem Freilos Runde für Runde nimmt. Zeit zur Entfaltung hat sie allemal, konnte sie sich als U-20-Debütantin doch bereits aussichtsreich positionieren. «Wir lassen uns von der neuesten Entwicklung nicht blenden und halten deshalb an unseren alten Zielen fest.» Ran Grünenfelder, Trainer Fabienne Kocher hat vor allem Judo im Kopf, geht aber nie mit dem Kopf durch die Wand. Denn damit wäre sie auf der Matte erfolglos. Foto: Christoph Kaminski

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