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Das brutale Leben im China-RestaurantUlrich Seidls Einblick ins «Paradies» an der ViennaleDie Künstlerin Miranda July bezaubert im «Du»

Kurz & kritisch Theater Theater Winterthur &endash Man glaubte sie wirkungstot, die Dramatik, die auf Figuren und Fabeln vertraut. Nun aber zeigt das Wiener Burgtheater den «Goldenen Drachen» von Roland Schimmelpfennig, den der Autor 2009 selbst uraufführte. Das Stück versetzt uns in ein China-Thai-Vietnam-Restaurant mit dem titelgebenden Namen. In der Küche windet sich ein junger Chinese unter Zahnschmerzen, der in Europa erfolglos nach seiner verschollenen Schwester suchte. Nun wird der papierlose Chinese vor unseren Augen verbluten. Ein tragisches Ende. Dennoch ist das Stück von einer angenehmen Leichtigkeit: In atemberaubendem Tempo wird auf der leeren Bühne zwischen den Szenen, den Figuren und den Schauplätzen gewechselt; ältere Schauspieler spielen junge Stewardessen, und alle Szenenanweisungen werden mitgesprochen, selbst &endash «kurze Pause» &endash die Sprechpausen, was komische Effekte erzeugt, aber auch alles Melodramatische verhindert. Ein fünfköpfiges Ensemble ist in mehr als zwanzig Rollen zu sehen. Überragend Christiane von Poelnitz, die mit gestreiftem Hemd, Dosenbier und Griff zwischen die Beine wiederholt einen Mann markiert. Was bei anderen zur Charge verkommen würde, wird bei ihr zu einem andeutungsstarken Menschenporträt. Nur schon wegen ihr sollte man diese Inszenierung sehen. Seine Wirkungskraft zu entfalten beginnt «Der goldene Drache», wenn sich die Erzählstränge des Stücks miteinander verflechten und La Fontaines bekannte Fabel von der Grille und der Ameise hineingewoben wird. Die Ameise sammelt Vorräte, die Grille musiziert &endash und als der Winter kommt, hat sie nichts zu essen. Schimmelpfennig überführt die Fabel, brutalisiert, in unsere Gegenwart: Aus der Ameise wird eine Zuhälterin, aus der Grille eine Prostituierte und aus dieser die gesuchte Schwester des jungen Chinesen. Eine Wucht ist «Der goldene Drache», weil Schimmelpfennig seine Figuren allmählich zu prototypischen Westeuropäern macht, die ihre Wohnungen mit Konsumgütern vollstopfen, Menschen wie Dinge benutzen und die sich nebenbei noch im Weltschmerz suhlen: «Wenn ich etwas anderes sein könnte, als ich bin», seufzt Johann Adam Oest als Mann über sechzig. «Wenn ich etwas ganz anderes sein könnte, als ich sein muss. Ein anderer Mensch.» Aus diesen sehnsuchtsschweren Sätzen, die in einem Stück von Tschechow stehen könnten, entwickelt Schimmelpfennig ein Gedankenspiel, aus dem das Stück seine ganze geballte moralische Kraft entfaltet: Stell dir vor, du wärst eine Grille &endash kein tschechowscher Sehnsuchtsmensch und vor allem kein Westeuropäer. Andreas Tobler Letzte Vorstellung heute. Film Wien, Stadtkino &endash Ausgerechnet am österreichischen Nationalfeiertag zeigte Ulrich Seidl bei einem Werkstattgespräch an der Viennale Ausschnitte aus drei noch unfertigen Filmen. Das Paket heisst «Paradies» und besteht aus drei Spielfilmen über drei Frauen, die auf ihre Art nach Liebe suchen: Die dicke Melanie fährt ins Diätcamp, ihre Mutter Teresa macht Sexurlaub in Kenia, deren streng katholische Schwester stellt Fremden eine Marienstatue in die Wohnung. Also: Übergewicht, Ausbeutung und Prostitution, religiöser Extremismus. Es geht los mit Teresa in Kenia, die sich von einer Freundin erklären lässt, dass Neger fein nach Kokosnuss schmecken, wenn man sie abschleckt. Teresa verkrampft die Finger vor Scham, das Publikum auch. Darauf wird es sehr lustig, als Teresa ihrem Verehrer erklärt, wie man richtig Brüste streichelt. Nach dem Sex liegt sie dann, wie von Tizian gemalt, nackt im Bett. Ohne zu werten, zeigt Seidl die Liebe als Geschäft. So natürlich die Szenen gespielt sind, so locker künstlerisch schaut dabei die Regie aus: Man vergisst ja oft Seidls menschlichen Humor und sein Malerauge, weil er immer wieder seinen Finger auf gesellschaftliche Konfliktpunkte legt. Ob er das Publikum absichtlich irritieren wolle, fragte dann der Moderator. «Woher soll ich wissen, wann man jemanden verletzt?», sagte Seidl. «Ich trage Verantwortung dafür, wie ich die Menschen zeige. Wenn sich jemand daran stösst, ist das ein anderes Problem. Das Publikum ist mündig genug.» Darauf applaudierte das mündige Publikum, denn nun ging es auch dem katholischen Österreich an den Kragen: Weitere Ausschnitte aus «Paradies» führten den Fanatismus einer Missionarin vor, die sich vor dem Jesuskreuz kasteit. Bei allen drei Filmen setzt Seidl professionelle Schauspieler und Laien ein, die sich teilweise erst vor der Kamera kennen lernten und darauf die Szene sozusagen selbst führen mussten. Als Regisseur suche er ein Spiel, das nicht abgekartet ist, sagt Seidl. Für das Porträt der Bekehrerin klingelte er auch einfach an Türen. Wo ist da der Unterschied zum Voyeurismus von Reality-TV? Die Frage ist berechtigt, weil Seidls Methode ähnlich unerbittlich sein kann, auch wenn dabei die Figuren nicht denunziert werden. Seidl jedoch konnte mit dem Vergleich gar nichts anfangen. Das «Paradies» jedenfalls verspricht beinahe fünf Stunden Seidl, drei Geschichten voll der Gnade, ein Triptychon komprimiert aus 90 Stunden Material. Wann es reif ist? Unklar. Seidl möchte die Filme einzeln sowie als Paket in strenger Reihenfolge ins Kino bringen. Pascal Blum Zeitschrift Man kann, aber man muss nicht. Also Miranda July kennen. Die meisten tun es wahrscheinlich nicht, denn die amerikanische Rundum-Künstlerin und Hippie-Tochter Miranda July (37) ist ein zartes, bezaubernd ungelenkes Wesen der Subkulturen. Eine Muse der unpraktischen Melancholiker. Wobei die Melancholie hier nicht besonders tief geht. Sie liegt eher wie ein silbriger oder auch sepiafarbiger Nebelschleier, wie eine leichte Verklärung also über dem Tun dieser Frau, die eine schwerelose Spielerin ist. Denn Miranda July spielt mit der Literatur (im März erscheint bei Diogenes ihr zweites Buch «It Chooses You» auf Deutsch), mit dem Medium Film (in Dezember kommt ihr zweiter Spielfilm «The Future» in unsere Kinos), mit der bildenden Kunst, mit der Performancekunst, der Lebenskunst. Ihr Tun scheint in allem von einem liebevollen Dilettantismus durchwirkt, in Wirklichkeit sei sie aber ganz anders, sagen Leute, die schon mit ihr zusammengearbeitet haben: sehr schnell, sehr präzis und absolut schnörkellos. Miranda July ist eine angenehme Bekanntschaft. Meistens jedenfalls. Manchmal nervt sie mit ihrer Ziellosigkeit. Die natürlich ihre Absicht ist. Denn Miranda July gibt sich so ziellos suchend, weil die Suche nach ihr selbst einst der Ausgang war für ihr heutiges Schaffen. Die Initiationstragödie gewissermassen. Als ein aufdringlicher Fan, ein regelrechter Stalker mit einer Miranda-July-Obsession, 1999 auf der Fahrt zu seinem Idol spurlos verschwand. Er hiess Steven Reed, und die Geschichte ist wahr. Seither beschäftigt sich Miranda July mit ihrem eigenen Suchen und Verschwinden. In ihren Büchern, im Film «The Future», in ihrem Leben &endash sie sei jetzt verschwunden, heisst es, angekündigte Interviewtermine in Zürich wurden wieder abgesagt, weitere Erklärungen gibt es dazu keine, aber wir wissen: aha, Konzeptkunst! Nun gibt es die Novembernummer des «Du». 64 Seiten Annäherungen an Miranda July also, von einem Journalisten, von ihr selbst, von Alltagsmenschen aus ihrer Heimatstadt Los Angeles, von Künstlerfreunden wie dem Filmregisseur Spike Jonze oder dem Autor Rick Moody. Und auf dem Cover ein noch nie gezeigtes Porträt, aufgenommen von der aus Woodstock stammenden Rockstar-Fotografin Autumn de Wilde, die Miranda im romantischen Stummfilm-Look aufgenommen hat. Auch dieses «Du» ist ein Miranda-July-Konzeptkunstwerk. 64 Seiten obsessive Bezauberung durch diese Person, die sich andern so gerne aufdrängt. Eine einzige Übertreibung. Denn was hat sie schon Grosses geleistet? Ausser einem anhaltenden Gefunkel und Geflunker? Doch man lässt die Bezauberung zu. Mit jeder Seite noch ein bisschen mehr. Und noch ein bisschen lieber. Und nein, man muss Miranda July nicht kennen. Aber man sollte. Simone Meier Du, November 2011: Miranda July Is Missing &endash Chronik einer Suche. 20 Fr. Christiane von Poelnitz als verblutender Chinese. Foto: Reinhard Werner

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