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Das Geschäft mit der Sozialarbeit

Die Oberländer Stiftung Netzwerk versucht, mit ihren Projekten soziales Engagement und wirtschaftlichen Erfolg zu verbinden. Doch die Rechnung geht nicht immer auf.

Von Judith Hochstrasser Rüti &endash Egal, ob Safranreis im Restaurant Konter in Wetzikon, eine Gemüsekiste aus dem Ustermer Jobbus-Teams oder Gitarrenklänge im Zürcher Restaurant Viadukt: Alles hat seinen Ursprung bei der Oberländer Stiftung Netzwerk. Sie arbeitet mit jungen Menschen in den fünf Arbeitsintegrationsprojekten, drei davon sind Restaurants. «Wir haben es zum Teil mit Jugendlichen aus sehr schwierigen Verhältnissen zu tun», sagt Geschäftsleiter Kaspar Jucker. Doch davon sollen die Gäste in den Restaurants nichts merken, sagt Jucker. Kaspar Jucker und Daniel Keller, Fachleiter des Jobbus, sind beide in Rüti aufgewachsen und haben die Stiftung Netzwerk gemeinsam gegründet. Die Stiftung, die ihren Hauptsitz in Rüti hat, hat sich über die Jahre einen Namen gemacht &endash vor allem in der Stadt Zürich mit dem Restaurant Viadukt. Vielleicht liege es daran, dass der Auftritt des Netzwerks schon immer eher urban gewesen sei. «Wir werden in der Region nach wie vor nicht wirklich ernst genommen», sagt Jucker. Es sei viel schwieriger, im Zürcher Oberland ein neues Projekt zu lancieren. «Wer es hier schafft, schafft es auch in Zürich», sagt er. Keller betont indes die lokale Gebundenheit des hiesigen Gewerbes: «Wir dagegen agieren gemeindeübergreifend. Das wird oft nicht verstanden.» Jucker selber sieht in sich den klassischen Unternehmer, den «Patron». Seit der neoliberalen Welle boome das Managersein, sagt er. Ein Manager gehe nur dorthin, wo er am besten bezahlt werde. «Der Unternehmer bleibt auch in schwierigen Zeiten bei seinem Unternehmen», sagt Jucker. Neue Projekt sind defizitär Schwierige Zeiten erleben die beiden Unternehmen immer mal wieder. Dass auch Non-Profit-Organisation wie KMU (kleine und mittlere Unternehmen) finanziell schnell ins Schlittern können, räumt Jucker aus eigener Erfahrung ein. Um die Finanzen im Griff zu haben, macht man im Netzwerk jeden Monat einen Abschluss. «Wenn einer unserer Märkte nicht mehr da ist, müssen wir sofort reagieren», sagt Jucker. Blickt man genauer in die Erfolgsrechnungen der letzten Jahre, fällt auf, dass die beiden neuen Projekte &endash das Viadukt in Zürich und der Dorfladen in Seegräben &endash stark defizitär sind. Ist es nicht gefährlich, mit neuen Projekten die alten zu gefährden? Jucker sagt, dass er die hohen Startinvestitionen neuer Projekte deswegen über gebundene Spenden zu finanzieren versuche. Das gelinge immer besser. Neue Angebote bräuchten überall in der Wirtschaft eine Anlaufzeit von drei bis fünf Jahren. Der Dorfladen in Seegräben laufe bereits in diesem Jahr viel besser, auch das Viadukt in Zürich sei auf gutem Weg. Der 51-jährige Jucker spricht sehr offen über sein Unternehmen und sagt, dass es im September 2010 kurze Zeit schlecht um die Finanzen stand. «Wir lagen gut 300 000 Franken im Minus. Das hat mir schlaflose Nächte bereitet.» Das drohende hohe Defizit konnte die Stiftung mit grossem Effort und dank grosszügigen Spenden umgehen. «Wir sind keine Bastler Keller sagt, dass alle Betriebe des Netzwerks ohne Quersubventionierung kaum über die Runden kämen. Dies, weil das Netzwerk vor allem in unrentablen Nischenbereichen tätig sei. Ob die Jugendlichen nicht ausgenutzt würden? «Nein», sagt Jucker klar. Es habe ihn schockiert, wie in den 80er- und 90er-Jahren im sozialen Bereich geschäftet worden sei. «Mit Arbeitslosen und Drogenabhängigen Filzpantoffeln zu basteln, das geht doch nicht», sagt er. Die Verantwortlichen hätten sich nicht getraut, das Gewerbe zu konkurrenzieren. «Da waren wir anders und wurden deswegen oft kritisiert. Wir wollten immer in den ersten Arbeitsmarkt. Wir sind keine Bastler.» Jucker, der gelernter Sozialarbeiter ist, kann sich trotz des Geldjonglierens bei seiner Non-Profit-Organisation nicht vorstellen, wieder in einer staatlichen Institution zu arbeiten. Eher würde er wohl in die Privatwirtschaft einsteigen. Immer wieder berät er Private, die im «Geschäft» der Sozialarbeit Fuss fassen wollen. Es seien viele gekommen und gegangen, das Netzwerk aber sei geblieben. Dennoch: «Da gibt es auch junge Organisationen, die uns links überholt haben.» Neue Visionen Die Stiftung Netzwerk selber hat einen grossen Wachstumsschritt hinter sich. Jucker und Keller möchten nicht unbedingt im selben Tempo weiterwachsen. Und doch erzählt Keller von einem neuen Büro in Winterthur, Jucker von einer neu gegründeten Schwesterstiftung in der Stadt Zürich. Und beide spielen mit dem Gedanken, in die Seniorenarbeit einzusteigen. Jucker sieht sein Engagement im sozialen Bereich als Resultat seiner frühen Politisierung in der Jugendbewegung der 80er-Jahre. Die gesellschaftspolitische Entwicklung macht ihm Kopfzerbrechen: Vor 20 Jahren habe man noch keine parteipolitischen Slogans gehört, die Randgruppen beschimpfen. «Ich finde das ‹gruusig›, als Schweizer Bürger und als Unternehmer.» Solche Slogans schürten Aggressionen, sie würden die Auswirkungen in ihrer Arbeit spüren. Solidarität mit den Mitarbeitern, den Klienten und den Kunden sei für ihn immer noch das wichtigste Motiv. Die Stiftung Netzwerk ist aus dem Verein Wohnnetz der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Hinwil (GGBH) entstanden. Das Wohnnetz bot im Bereich der Drogenhilfe mit dem Jobbus/Garage niederschwellige Arbeitsmöglichkeiten und mit den Wohngruppen Wohnmöglichkeiten an. Der ungebremste Wachstumswille der beiden tragenden Köpfe Kaspar Jucker und Daniel Keller sowie finanzielle Probleme der GBBH führten dazu, dass die beiden selbstständig wurden und 1998 die Stiftung Netzwerk gründeten. Inzwischen führt die Stiftung fünf Projekte, in denen Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen eine Ausbildung absolvieren können. Zusätzlich bietet sie Jugendwohnungen an und setzt sich noch immer im Bereich der Drogenhilfe ein. Mit 90 Mitarbeitern ist sie heute ein mittelgrosses Unternehmen. Sehen sich als Unternehmer, nicht als Bastler: Daniel Keller (links) und Kaspar Jucker von der Stiftung Netzwerk. Foto: Nicolas Zonvi

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