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Das grosse Warten auf die kleinen Kröten

In Schleinikon haben Naturschützer ein Paradies für die bedrohte Geburtshelferkröte geschaffen. Doch den Tieren gefällt es im nahen Betonteich eines Privatgartens besser.

Von Florian Schaer Schleinikon – «Ich bin mir sicher, dass ich die am Samstag da quaken gehört habe.» Rolf Wiedmer späht über eine Hecke in einen pingelig herausgeputzten Privatgarten. Der Obmann des Natur- und Vogelschutzvereins Wehntal (NVSW) schaut auf saftigen Rasen, einen einladenden Sitzplatz, Bäume – und zwei unscheinbare Teiche. In solchen künstlichen Wasserbecken, möglichst ohne Pflanzenbewuchs, fühlen sie sich wohl, die seltenen «Glögglifrösche» (siehe Kasten). Und just in den beiden Teichlein hinter der Hecke soll eine kleine Population heimisch sein, glaubt Wiedmer. Jetzt, im Frühjahr, quaken die männlichen Vertreter der Lurchart gewöhnlich um die Wette, «für ihre vier Zentimeter Körpergrösse sogar ziemlich laut», sagt der Naturschutzobmann. Wie viele es sind, weiss Wiedmer nicht. Auszählen ist nicht, privat bleibt privat. Wie auch immer, Wiedmers Plan steht fest: Ein paar junge «Glöggli-Adonisse» sollen ihre angestammten Gefilde im Privatgarten verlassen und herüber ins neue Feucht hüpfen. Wiedemers Verein hat den «Teich B» vor einem Jahr ausgehoben, «ursprünglich für den Fuchs, damit der was zu trinken hat», sagt Wiedmer. «Als wir das Quaken hörten, bauten wir den Tümpel sofort zum Geburtshelferkröten-Paradies aus.» Das geschah im Rahmen der Kampagne «100xZüriNatur» vom Zürcher Vogelschutz. Rund ums Wasser sind Steinhaufen aufgeschichtet, damit sich die Hüpfer zurückziehen könnten – wenn sie denn endlich kämen. «Es wäre toll, wenn wir hier mehr als nur eine Population hätten.» Sonst legen sie Kilometer zurück Seit Wochen stünde also alles bereit – und die kleinen Geschöpfe müssten bloss noch die Wanderung in Angriff nehmen: Aus dem Privatteich auswandern, sich über den satt gedüngten Privatrasen kämpfen, dann die Hecke und einen Zaun hinter sich lassen die Magerwiesensteppe der Naturschützer durchhüpfen und sich im neuen Biotop niederlassen; alles in allem 100 Meter. Das Ganze möglichst, ohne dabei gefressen zu werden. Aber eben: Bis heute hats noch kein einziges «Glöggli» herübergeschafft. Kann es sein, dass die Wanderung zu weit ist? «Die Distanz ist kaum das Problem», sagt Wiedmer. «Schliesslich kann diese Art auf der Suche nach einem neuen Laichgewässer anderthalb Kilometer zurücklegen.» Gemessen an der Körpergrösse wäre das für einen Menschen immerhin die Strecke von Bülach an den Bodensee. Kaulquappen selber holen «Natürlich wäre es auch eine Überlegung, selber Kaulquappen von drüben zu holen und in unserem neuen Teich auszusetzen», sagt der Naturschützer. «Aber theoretisch sollten die Tiere das Wasser selber finden.» So sei die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie auch dort bleiben, vermutet er. Vorerst also ist das grosse Warten angesagt. Und dabei ist es nicht so, dass der Vereinsobmann auf den 120 Quadratmetern Magerwiese nichts zu tun hätte. Den nährstoffarmen Lebensraum hat der NVSW nicht für Kröten, sondern im Rahmen eines Artförderungsprojekts für den Gartenrotschwanz angelegt. «Dieser ist hier selten geworden, weil die Landwirte ihre Wiesen düngen und Hochstamm-Obstbäume fällen.» Der Vogel ernährt sich von bestimmten Insekten, diese wiederum brauchen Blumenarten, die nur auf Magerwiesen wachsen. «Wenn wir nichts tun würden, hätten wir die Wiese innert nützlicher Frist voller Goldruten und Berufskraut.» Voller unerwünschter Pflanzen also, die alles verdrängen, was sich ihnen an Flora in den Weg stellt. Und damit wäre weder dem Frosch noch dem Vogel geholfen. Fehlte nur noch, dass Gartenrotschwänze «Glögglifrösche» fressen. «Das wäre wohl Ironie des Schicksals», lacht Wiedmer. «Nein, das haben wir abgeklärt.» Zu den Fressfeinden der Kaulquappen zählen vorwiegend Libellenlarven unter Wasser. Für die ausgewachsenen Krötchen sind es dann eher grössere Vögel wie Krähen oder Elstern und allenfalls die Ringelnatter. Sie werden durchschnittlich 40 Millimeter gross. Die Art, lateinisch Alytes obstetricans, hat in der deutschen Sprache unterschiedliche Bezeichnungen. Offiziell heisst sie Geburtshelferkröte. Dieser Name könnte unter anderem daher rühren, dass die Männchen den Laich jeweils mit sich herumtragen. Umgangssprachlich wird die Kröte ihrer hellen, flötenartigen «Üh»-Rufe wegen auch «Glockenfrosch», in der Mundart «Glögglifrosch» genannt. Sie zählt zur Ordnung der Froschlurche. Die Tiere können über acht Jahre alt werden. In der Schweiz ist die Geburtshelferkröte auf der Roten Liste mit «stark gefährdet» vermerkt. In Österreich gilt sie bereits als «nicht mehr vorhanden». (flo) Immer wieder schaut Rolf Wiedmer am Teich B vorbei und sucht nach «Glögglifröschen». Doch die wollen Hecke und Zäune im Hintergrund nicht überwinden. Foto: Florian Schaer

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