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Der Kanton schickt die Böötler von der Tössegg auf Klettertour

Bootsbesitzer am Rhein sind in Aufruhr: Ihre Bootsplätze sollen saniert und die Stege entfernt werden. Viele könnten dadurch nicht mehr in ihre Schiffe steigen.

Von Céline Trachsel Teufen – 15 Jahre lang musste Erwin Bosshard auf einen Bootsplatz an der Tössegg warten, vor drei Jahren hat er endlich einen erhalten – und nun steht sein Fischerspass auf dem Rhein schon wieder vor dem Aus. Denn der Kanton lässt die Bootsplätze bei der Mündung der Töss in den Rhein sanieren und entfernt dabei die Stichstege, über die der Rorbaser bisher bequem von der Seite her in sein Boot steigen konnte. Ab diesem Frühling muss er zuerst auf den Bug steigen und dann an der Kabine vorbeiklettern, um ans Steuer zu gelangen. Dafür sei sein Boot allerdings nicht gemacht, sagt der 67-Jährige. Rückwärts parkieren, um bequemer in ihre Schiffe zu steigen, können die Böötler nicht, denn Wind und Wellen würden die heiklen Motoren ans Ufer schlagen und beschädigen. Mitte Januar wird der Kanton die Pfosten ersetzen, den Schlick vom Flussgrund abbaggern und die morschen Stichstege entfernen. «Sie werden nicht ersetzt, da sie bei späteren Ausbaggerungen abermals im Weg wären», teilt das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) mit. Möglich wäre auch, Stege anzubringen, die für die Bagger rund alle vier Jahre abgeschraubt oder hochgezogen werden könnten. Das würde einiges mehr kosten als die heute vorgesehenen 390 000 Franken für Bootsplätze und Baggerarbeiten. Kabinendach trägt nicht Die Bootsbesitzer haben bereits beim Kanton interveniert – aber der Plan, die Stege zu entfernen, ist beschlossene Sache. «Ich habe den Zuständigen eingeladen, einmal diese Kletterpartie zu versuchen, wenn das Schiff ausgewassert ist und auf meinem Anhänger steht», sagt Erwin Bosshard. «Doch er wollte nicht kommen. Das wäre ja auch peinlich für ihn, wenn er eingestehen müsste, dass dies wirklich nicht geht.» Wenn der Rorbaser auf sein Schiff will, muss er zuerst die Schutzblache abnehmen. «Bisher konnte ich vom Steg aus die Seile lösen.» Jetzt muss er vorne am Schiff beginnen und kann danach einen Fuss auf den schmalen Bug setzen. Er deckt die Führerkabine ab, so weit seine Arme reichen. Über diese zu klettern wäre unmöglich; das Dach würde ihn nicht tragen. Auch das Fenster lässt sich nicht öffnen, um direkt zum Lenkrad hinunterzusteigen. Also tritt Erwin Bosshard auf den zentimeterbreiten Rand, muss sich auf diesem an der fast zwei Meter langen Führerkabine vorbeibalancieren. Das Schiff schwankt dabei heftig, selbst auf dem Anhänger. Während er Stück für Stück vorwärtskommt, muss er immerzu die Blache lösen. «Auf dem Rhein würde ich mich dies nicht getrauen, da müsste nur eine Welle kommen, und ich fiele vom Boot», sagt der 67-Jährige. Schliesslich schafft er es, in den hinteren Teil seines Schiffes zu gelangen. Doch den Rest der Blache vom Schiff statt vom Steg aus zu lösen, ist eine weitere aufwendige Arbeit. «Danach muss ich sie zusammenrollen, aufs Dach legen, wieder an der Kabine vorbeiklettern, mit der Blache an Land gehen und sie dort in meinem Schrank verstauen.» Er müsse eine Stunde einrechnen für diese Arbeit, die vorher wenige Minuten in Anspruch genommen habe, sagt Bosshard. «Und wenn ich mit meiner Fischerkiste wieder aufs Schiff will, muss ich sie ebenfalls aufs Dach der Führerkabine stellen, während ich klettere. Wenn das Boot bloss einmal schwankt, landet sie im Wasser.» Notfalls Bootsplatz aufgeben Ein noch grösseres Problem haben Fischerkollege und Bootsbesitzer René Fritschi und seine Frau Ursula aus Rorbas. Vor gut einem Jahr kauften sie ein neues Schiff. «Anders als das von Erwin Bosshard hat dieses auf der Seite gar keinen Rand. «Wenn wir gewusst hätten, dass die Stege wegkommen, hätten wir beim Kauf darauf geachtet», sagt René Fritschi. Seine Frau ergänzt: «Ich weiss erst recht nicht, wie wir das Schiff betanken sollen. Dazu müssten wir mit zwei 25-Liter-Fässern Benzin auf einem wackligen Schiff umherklettern, statt wie vorher damit einfach von der Seite einzusteigen.» Das sei gefährlich, sagt sie. Zudem hat das Ehepaar Angst, dass ohne Steg die Boote bei einem Unwetter aneinanderschlagen könnten. Die Bojen zwischen den Schiffen, Fender genannt, würden zu wenig Schutz bieten. «Wenn die Stege wirklich wegkommen, müssen wir unser Boot verkaufen», schimpft Fischer René Fritschi. Jetzt überlegt er sich, auf den Bodensee auszuweichen. «Aber dort sind die Bootsplätze genauso rar wie bei uns.» Für Erwin Bosshard ist dies keine Option. «Ich habe an der Tössegg ein Fischerpatent eingelöst. Auch die 600 Franken für meinen Bootsplatz habe ich bereits bezahlt. Viel Geld dafür, dass ich diesen Sommer wohl kaum mehr auf den Rhein gehen kann.»

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