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Der König will noch einmal auf den Thron

Jörg Abderhalden gewann das Eidgenössische drei Mal. Dass er die Chance hat, ein viertes Mal zu triumphieren, schien nach seinem Kreuzbandriss 2009 unmöglich.

Vor dem Schwingfest in 2 Wochen Von Urs Huwyler Wenn Jörg Abderhalden und Nöldi Forrer morgen Sonntag auf der Schwägalp zur Hauptprobe für das Eidgenössische in zwei Wochen antreten, denken viele neun Jahre zurück. 2001 verlor Schwingerkönig Abderhalden bei der zweiten Austragung des publikumswirksamsten Bergfests am Fusse des Säntis den Schlussgang gegen seinen Wattwiler Klubkollegen Forrer. 35 Tage später kam es am Eidgenössischen in Nyon zum selben Duell. Erneut triumphierte der Aussenseiter. Forrer entthronte den Titelverteidiger durch ein Unentschieden. Morgen nun könnte sich die Situation im Naturstadion der Schwägalp wiederholen. Allerdings unter anderen Vorzeichen. Die beiden Könige sind inzwischen 30 (Abderhalden) und 31 (Forrer), stehen vor dem Karrierenende, treten am Eidgenössischen mit gerissenen Kreuzbändern an und schützen das lädierte Knie mit einer Schiene. Die beiden Toggenburger wollen nichts von ehrenvollen Klassierungen wissen – wer einmal König gewesen sei, für den zähle nur der Titel. Und sie widersprechen jenen, welche den Druck speziell bei Abderhalden sehen. Der sagt: «Unabhängig davon was in Frauenfeld passiert: Ich war 1998, 2004 und 2007 König. Andere haben ihre letzte Chance, es einmal zu werden. Sie müssten nervöser sein als ich.» Für den dreifachen Vater ist Ende Saison so oder so Schluss. «Ich freue mich auf die Sonntage mit der Familie», sagt Jörg Abderhalden zur Zeit danach. Seit 15 Jahren bestimmt der urchige Nationalsport sein Leben, dreht sich alles um die Zwilchhosenzunft. Doch im Hintergrund hat er seinen Abgang aus der Sägemehlarena konsequent vorbereitet und gleichzeitig sein Umfeld optimiert. Nach der Schreinerlehre schloss er die Berufsmatura ab und liess sich zum Meister ausbilden. Gleichzeitig stieg er in seiner Lehrfirma als Partner ein und führt die AAK-Holzmanufaktur in Ulisbach als Verwaltungsrat mit dem ehemaligen Schiesssport-Schweizermeister Hanspeter Künzli und Initiant Christian Anderegg. Der Anstieg des Rummels Mit der beruflichen Unabhängigkeit erarbeitete sich der frühere Kaderathlet des Ostschweizer Skiverbandes das Privileg, den Tag nach seinen Bedürfnissen einteilen zu können. «Ich konnte teilweise nachmittags trainieren, war abends bei der Familie und verfügte über genügend Erholungszeit.» Dass einige sagen, im Schwingsport sollten nur Amateure starten, damit die Chancengleichheit gewahrt bleibe, zielt auch auf Abderhalden. Karl Meli, der zweifache König der Sechzigerjahre, findet, ein 90-prozentiges Arbeitspensum müsste es für einen Spitzenschwinger sein. «Als König hat man die Pflicht, neue Ideen einzubringen», sagt Abderhalden. Und dass bezüglich Werbung viele von ihm profitierten, ihn aber nicht unterstützten, nimmt er zur Kenntnis. Seit der Wahl zum Schweizer des Jahres 2007 hätte der Sohn des früheren St. Galler FPD-Kantonsrats Jörg Abderhalden senior Profi werden können. Auf seinen Vertrag mit der Agentur IMG reagierten einige mit Unverständnis. «Die Hauptperson ist meine Frau Andrea geblieben. Sie koordiniert die Termine und hat die undankbare Aufgabe, Nein zu sagen. Ohne sie und IMG könnte ich mich nicht auf den Sport konzentrieren», lobt der König seine Königin. Blickt er zurück, stellt er fest, dass seit seinem ersten Titel 1998 das Interesse um ein Mehrfaches zugenommen hat. «Nach Luzern 2004 dachte ich, der Höhepunkt sei erreicht. 2007 ging es weiter. Was jetzt abgeht, hätte ich nicht für möglich gehalten.» Der berufliche Werdegang widerspiegelt auch die sportliche Karriere. Als einziger Böser seit der Gründung des Eidgenössischen Schwingerverbandes 1895 sicherte sich Abderhalden den Grand Slam der Schwinger: Neben dem Königstitel holte er auch die Siege an den eidgenössischen Festen Unspunnen und Kilchberg. «Dies ist eine wichtige Auszeichnung, weil sie die Leistungskonstanz über Jahre hinweg illustriert. Unspunnen und Kilchberg finden nur alle sechs Jahre statt», betont Abderhalden. Dass Jörg Abderhalden in zwei Wochen in Frauenfeld überhaupt noch einmal antreten kann, ist angesichts seiner Verletzungsgeschichte erstaunlich. Vor einem Jahr schien seine Karriere nach dem vierten Gang auf der Schwägalp zu Ende. Innen- und Kreuzband waren gerissen. Zudem ergaben die Untersuchungen Knorpelschäden. 20 Stunden später dachte der erfolgreichste Schwinger nicht mehr an eine Rückkehr ins Sägemehl. Ein Auftippen mit dem Fuss – unmöglich. «Es geht nicht», musste er sich in der St. Gallener Klinik Stephanshorn eingestehen. Drei Tage später drohte er der Konkurrenz, so schnell würden sie ihn nicht los. Sein Wille, der Ehrgeiz, die Konsequenz im Training und die Professionalität, mit der er den Amateursport betreibt, liessen ihn in alter Stärke zurückkommen. Simon Ammanns schwerer Job «Er hat mich überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass es möglich ist», drückt Obmann und Götti Ernst Schläpfer aus, was fast alle Schwinger denken. Inzwischen würde sich aber niemand mehr wundern, wenn Abderhalden auf der Schwägalp und in Frauenfeld siegte. Obwohl er seit 2008 keine Saison beschwerdefrei durchschwingen konnte. Sollte Abderhalden oder Nöldi Forrer am Eidgenössischen triumphieren, müssten ihr Toggenburger Skispringer-Kollege Simon Ammann und dessen Trainer Martin Künzle den König beim Empfang in die Halle tragen. Die Chancen stehen gut, dass die Skispringer einen Flaschenzug bauen müssen. «Favoriten sind alle, die am ersten Tag beim Anschwingen dabei sind. Ich gehöre dazu. Sonst würde ich nicht antreten», sagt Abderhalden, der inzwischen 51 Kranzfeste gewinnen konnte. «Entscheidend für die Planung war immer die Gesundheit. Mit zunehmendem Alter muss man darauf vermehrt Rücksicht nehmen. Wichtig war, später mit den Kindern auch Sport treiben zu können.» In alter Stärke zurück: Nach schwierigen Monaten hat Jörg Abderhalden in diesem Sommer wieder Grund zum Jubeln. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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