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Der Maurer mit der «goldenen» Kelle

Gewinnt Fabian Cancellara eine Goldmedaille, steht Henry Werder an der Strecke – wie 1998 im holländischen Valkenburg, als der damals 17-jährige Berner im WM-Zeitfahren der Junioren reüssierte. Oder aber Werder greift zur Maurerkelle – wie 1999, als der damals 58-jährige Aargauer den Umbau seines Hauses in Wileroltigen lancierte und Cancellaras Fahrt zur Titelverteidigung im italienischen Treviso via Radio verfolgte. Werder hat sich dem Radsport verschrieben, obwohl er nie Rennen gefahren ist. Cancellara bezeichnet ihn als «eine der guten Seelen des Berner Radsports», was den Gepriesenen sichtlich rührt und zur Aussage verleitet, er habe sich «immer nur um den Nachwuchs gekümmert». Werder fungierte als Kantonalpräsident der Radsportkommission, als «Ansprechpartner für die Jungen» und während 30 Jahren als treibende Kraft hinter dem einst kantonalen und später nationalen Strassenrennen in Wileroltigen. 2008 fand der Klassiker zum letzten Mal statt. «Ich hatte genug», sagt Werder; ein neuer OK-Chef konnte nicht gefunden werden. Werders Dokumentation ist lückenlos und bringt Überraschendes zutage. 1993 tauchte Cancellara in der Szene auf und belegte im Jahresklassement der «Schüler» sogleich den vierten Rang. Zwölf Monate später erschien sein Name dort, wo er in der Folge so oft wie kaum ein anderer erscheinen sollte: ganz oben. 1997 wurde der Ostermundiger zum besten Radquerfahrer des Kantons gekürt, was gemäss Werder «die wenigsten wissen. Der Quersport war für ihn eine wertvolle Schule. Dort hat er gelernt, sein Velo zu beherrschen, auf Unvorhersehbares reagieren zu können.» Cancellara sei nicht das einzige Talent gewesen, andere wie der heute als Profi tätige David Loosli und der ehemalige Bahnfahrer Michael Lato hätten ebenfalls einen sehr guten Eindruck hinterlassen, resümiert Werder. «Die Differenz schuf er durch seine Physis und seinen Willen. Er war von Beginn weg einer der Grössten und trainierte wie ein Verrückter, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.» Lato beispielsweise sei ähnlich begabt, aber nicht annähernd so hart mit sich selbst gewesen. Spricht Henry Werder über den Menschen Cancellara, gerät der gelernte Bäcker abermals ins Schwärmen: «Nie hat er sich beklagt. Kritisch war er schon, aber im Unterschied zu andern immer anständig.» Als U23-Fahrer sei Cancellara in Wileroltigen angetreten, «obwohl ich ihm gesagt hatte, ich hätte keinen Sponsor und könne ihm daher nicht geben, was er verdienen würde». Der nachmalige Gewinner des Rennens habe erwidert, «ich komme doch wegen dir. Du hast so viel für uns gemacht, ich möchte dir etwas zurückgeben.» Als Werder diese Worte über die Lippen bringt, kämpft er mit den Tränen. So emotional Werder den Radsport begleitet, so nüchtern begegnet er der Dopingproblematik. Er glaube nicht, das Thema werde von der Bildfläche verschwinden – zu stark sei bei vielen der Drang, einmal ganz vorne zu sein. «Betrogen wurde schon zu Küblers Zeiten. Ferdi sagt zwar immer, er habe nichts genommen, aber Fäbu glaube ich das eher als ihm.» Cancellara sei immer vorne gewesen, ein Ausnahmetalent: «Wenn ich einem glaube, dass er sauber ist, dann ist es Fäbu.» Im sonntäglichen Strassenrennen, vermutet Werder, «werden sie ihn nicht gehen lassen». Aber vielleicht könne er sich kurz vor dem Ziel absetzen, wie vor Jahresfrist an der Tour de Suisse, als Cancellara in Lyss auf diese Weise triumphierte – «da bin ich schier ausgeflippt». Im heutigen Zeitfahren indes seien die Aussichten gut, meint der 68-Jährige, welcher sich die Rennen vor Ort anzuschauen gedenkt. «Sollte ich es mir kurzfristig anders überlegen, müsste ich schauen, wo ich noch eine Mauer gebrauchen könnte», meint er schmunzelnd. Die vorerst letzte Sanierung betraf das über 200-jährige Ofenhaus. Gemauert wurde im Sommer 2008, als Cancellara in Peking olympisches Gold gewann.Micha Jegge>

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