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«Der Mensch ist nur beschränkt optimierbar»

«Fit und fertig» heisst das neue Buch von Jürg Jegge (66). Der frühere Liedermacher und heute in Rorbas wohnende Pädagoge will die Gesellschaft damit einmal mehr zum Nachdenken anregen.

Jürg Jegge, im Mittelpunkt Ihres neuen Buchs steht der moderne Mensch, der immer kreativer, konkurrenzfähiger und angepasster sein muss, um in der Arbeitswelt bestehen zu können. Weshalb haben Sie sich für dieses Thema entschieden? 1985 habe ich in Rorbas die Stiftung Märtplatz gegründet, eine Ausbildungswerkstatt für junge Menschen ab 18 Jahren mit Startschwierigkeiten im Berufsleben. Seitdem stelle ich fest, dass der Leistungsdruck in der Schule von Jahr zu Jahr zu-nimmt, worunter viele Jugendliche leiden, was sich wiederum auf sozialer Ebene aus-wirkt. Depressionen treten immer häufiger auf. Bei uns erhalten Jugendliche die Möglichkeit, ohne wirtschaftlichen Profitstress eine Berufslehre zu absolvieren. Sie bezeichnen den Menschen als «Arbeits-esel des Neoliberalismus». Das Konkurrenzdenken komme in Zeiten der Rezession vor allem anderen. Vor allem scheint mir, dass viele Leute bisher keine Lehren aus der Wirtschaftskrise gezogen haben. Nach wie vor betrachtet man den Menschen als eine Art Maschine, welche man stetig verbessern muss, damit genügend Gewinn erzielt werden kann. Diese Denkart ist in den Bankengebäuden entstanden, und wie wir alle wissen, hat dies eine Negativspirale ausgelöst. Tatsache ist jedoch, dass der Mensch nur beschränkt optimierbar ist, und manche suchen in dieser scheinbar aussichtslosen Lage nach Auswegen. Der Begriff Spassgesellschaft gewinnt zunehmend an Bedeutung - also die gute Miene zum bösen Spiel oder das Verdrängen unguter Ereignisse. Wie lautet Ihr Vorschlag für einen Ausweg? Was das Schulwesen betrifft, so könnten die Lehrer und Bildungsbeauftragten vermehrt auf die Stärken jedes Einzelnen eingehen. Wichtig scheint mir, dass die Menschen wissen, was sie im Leben nicht wollen. Man darf sich ruhig einmal auflehnen und Vorgehensweisen in Frage stellen. Als ich noch als Primarlehrer tätig war, weigerte ich mich, Hausaufgaben zu erteilen, und dies aus gutem Grund: Wenn ein Schüler den Stoff tatsächlich begriffen hat, braucht er daheim nicht mehr stundenlang zu üben. Zudem bekommt nicht jeder Lernschwache zu Hause Unterstützung in Sachen Hausaufgaben oder gar Privatunterricht. Somit sprechen wir auch hier von einer Zweiklassengesellschaft. Die Schulbehörde war von meinen Ideen seinerzeit nicht sonderlich begeistert. Auflehnung zieht mancherorts auch Konsequenzen nach sich. Ich wurde zwar gerügt, aber nicht entlassen (lacht). Ich denke, man darf sich ruhig widersetzen, vor allem auch dann, wenn man das Gefühl hat, anderen Menschen zu schaden. Mehr Mut ist gefragt, und nicht immer ist damit der Verlust des Arbeitsplatzes verbunden. Wer hin und wieder offen zu seiner Meinung steht, verschafft sich auch Respekt und nicht selten Anerkennung. Ich möchte meine Leserinnen und Leser in ihren Gedanken ermuntern und begleiten. «Gegen das Kaputtsparen von Menschen» heisst der Untertitel Ihres Buches. Was meinen Sie damit? Im Bildungswesen wird derzeit kräftig gespart. Die Lehrmeister erwarten aber Topleistungen, denn sie fürchten sich vor den Berufsinspektoren. Fallen ihre Schützlinge bei der Abschlussprüfung allzu oft durch, dürfen sie keine Lehrlinge mehr ausbilden. Die Angst ist omnipräsent. Aber viele Wege führen nach Rom: Auch ohne grandiosen Schulabschluss können junge Menschen weiterkommen. Es sollten zudem auch Berufe in Betracht gezogen werden, die selten geworden sind. Woran denken Sie dabei? An die Berufe des Keramikers oder des Kürschners zum Beispiel. In der Berufsliste des Bundesamtes sind rund 250 Berufe aufgezählt. Viele Berufsleute wissen aber gar nicht, dass sie eigentlich einen Lehrling ausbilden könnten und die Erlaubnis dazu ohne weiteres erhalten würden. Stattdessen werden immer mehr oder weniger dieselben Berufe ausgewählt, und dort herrscht eben der grosse Wettbewerbsdruck, der viele seelische Konflikte mit sich bringen kann. Und Letztere führen bei manchen Menschen zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft. Darüber schreibe ich auch in meinem Buch. Natürlich stimmen mich die jüngsten Vorkommnisse in Zollikerberg und in München nachdenklich. Allerdings belegen Studien, dass Gewalttaten seit Beginn der 50er- Jahre nicht zugenommen haben. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass heutzutage weit häufiger darüber gesprochen und berichtet wird. Gewalttaten, Erfolgsdruck und Gewinn- maximierung bestimmen unseren Alltag. Ist irgendwann eine Umkehr zu erwarten? Einige Ansätze sind bereits zu beobachten. Die Menschen reagieren auf die hohen Managerlöhne und üben Kritik. Tatsache ist, dass kein Mensch so viel Geld verdienen muss. Viele Politiker spielen aber eine eher traurige Rolle im Finanztheater. Sie kümmern sich nur um ihre Wiederwahl. Meiner Meinung nach müsste die Politik die Wirtschaft wieder vermehrt kontrollieren - und nicht umgekehrt. Jürg Jegges neues Buch «Fit und fertig - Gegen das Kaputtsparen von Menschen und für eine offene Zukunft» (Limmat-Verlag) ist ab 25. August im Handel erhältlich.

Ein unbequemer Denker: Jürg Jegge im Stübli der von ihm gegründeten Eingliederungsstätte für Jugendliche in Rorbas.

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