Zum Hauptinhalt springen

Der neuste Gesslerhut am Schweizer Himmel

adrian amstutz

Und wiederum hat die Bundesbürokratie, diesmal unter der Schirmherrschaft von Bundesrat Couchepin, eine neue Zwangsmassnahme erfunden. Die neuste Ausgabe des Gesslerhutes, dem wir Schweizer Untertanen ohne Widerrede und unter Strafandrohung unsere Ehre erweisen müssen, heisst «obligatorische Auskunftspflicht» bei Telefonbefragungen des Bundes. Immer öfter werden Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz mit Telefonbefragungen aller Art belästigt. Regelmässig sollten wir irgendwelchen fremden Leuten am Telefon über unsere Konsumgewohnheiten und andere persönliche Dinge Auskunft geben. Bisher konnte man bei solchen Anrufen wenigsten frei entscheiden, ob wir Auskunft geben wollen oder nicht. Wie offenbar viele Mitbürgerinnen und Mitbürger gebe ich am Telefon keine solchen Auskünfte und hänge ohne jegliche Diskussion mit einem freundlichen Adieu den Hörer wieder auf. Aber jetzt ist fertig mit «kurz und bündig». Neuerdings soll diese Telefonbefragerei mit Zwang geschehen, wenn ein vom Bund beauftragtes Umfrageinstitut am anderen Ende der Leitung steht. Die Bürgerin oder der Bürger muss also obligatorisch Antwort geben, wenn Bundesrat und Verwaltung das wollen. Bei Verweigerung drohen happige Bussen. Über Sinn und Unsinn von Statistiken kann man ja geteilter Meinung sein. Meines Erachtens sind sie vielfach schlicht unnötig, stehlen Privatpersonen und Firmen wertvolle Zeit und kosten viel Geld. Dazu werden, basierend auf vielfach bewusst ungenauen, um nicht zu sagen falschen Angaben von verärgerten Befragten, Ergebnisse mit einem wissenschaftlichen Heiligenschein verbreitet. Dass solche ungenauen Umfrageergebnisse in der Folge als Grundlage für Entscheidungen in Politik und Wirtschaft dienen, ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Paradebeispiele liefern ja regelmässig die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falschen Wirtschafts-, Abstimmungs- und Wahlprognosen, welche dann von den Medien jeweils als die wirklich neueste Wahrheit verkündet werden. Ob nun gewisse Fragen der aktuellen obligatorischen Telefonbefragung zur Sake (Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung) Sinn machen, überlasse ich jeder und jedem Einzelnen. Was denken Sie beispielsweise, wenn Sie der staatlich beauftrage Befrager fragt: Jetzt möchten wir noch das TOTALEINKOMMEN von Ihrem Haushalt wissen. Uns interessiert das Gesamteinkommen von ALLEN Haushaltsmitgliedern. Dazu gehören ALLE ERWERBSEINKOMMEN, ALLE KAPITALERTRÄGE wie z.B. Zinsen, Aktien oder Mieteinnahmen, aber auch ALLE STAATLICHEN UND PRIVATEN RENTEN ODER ZUSCHÜSSE wie z.B. AHV, Arbeitslosenunterstützung, IV, Sozialhilfe, Stipendien, Unterhaltsbeiträge etc. Ich frage mich spontan: Habe ich das nicht schon alles bis ins letzte Detail der Steuerbehörde des gleichen Staats abgeliefert? Oder was antwortet wohl der Befragte, wenn er in einer Wohngemeinschaft mit acht anderen Werktätigen, Stipendienbezüger oder Sozialhilfeempfänger zusammen in einem Haushalt lebt? Oder welches wichtige staatliche Interesse verbirgt sich wohl hinter der Frage: In den LETZTEN 4 WOCHEN, haben Sie da irgendwelche Vorträge, Tagungen, Seminare, Konferenzen oder Workshops besucht, UM SICH GEZIELT WEITERZUBILDEN? Dass wir alle zudem, Arztgeheimnis hin oder her, Fragen zu unserem Gesundheitszustand am Telefon beantworten sollen. Dass wir alle, Datenschutz hin oder her, die Namen, Vornamen und das Alter aller im gleichen Haushalt lebenden Personen angeben und zuletzt noch die Anzahl privater Telefonanschlüsse preisgeben sollen, lässt wohl selbst Wilhelm Tell im Grabe räuspern. Es ist darum meines Erachtens Zeit, auch dieses staatliche Selbstbeschäftigungsprogramm zurechtzustutzen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Bundesrat und Verwaltung einzuschränken. Hierfür habe ich während der letzten Session entsprechende Vorstösse im Bundeshaus deponiert. Ich bin jedenfalls nicht bereit, mit meiner Zeit und meinem Steuergeld solchen, notabene sich jährlich viermal wiederholenden Leerlauf zu unterstützen und so dem neusten Gesslerhut zu huldigen und Sie? E-Mail: aamstutz@bluewin.ch redaktion-tt@bom.ch >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch