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Der Sieger staunte, der Letzte rechnete

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Von Jörg Greb, Zürich Der Zürich Marathon bewegte auch bei seiner 9. Auflage – an allen möglichen Orten und in verschiedensten Facetten. Er stützte die Hände auf die Knie, schloss die Augen, atmete durch. Dann jubelte er: John Kyui heisst der Zürcher Überraschungssieger in 2:09:59 Stunden. Kurz vor Kilometer 30 hatte sich der 27-Jährige aus der Spitzengruppe verabschiedet. Zum Erstaunen aller Favoriten kam er durch. «Ich steigerte mich um über fünf Minuten», staunte Kyui selber. Er realisierte die drittbeste Siegerzeit – nach Viktor Röthlins 2:08:19 2007 und den 2:09:55, ebenfalls von Röthlin, 2004. Bei den Frauen setzte sich Swetlana Stanko (Ukr) in 2:33:24 durch. Den Podestrang des Vorjahres verpasste er, dennoch kam er erneut zu einer einzigartigen Ehrung: Daniel Kiptum (4.), der nicht sprechen und hören und auch nicht lesen und schreiben kann, unterbot seinen eigenen Weltrekord der Gehörlosen um über drei Minuten. Im Ziel freute er sich über 2:11:31. Patricia Morceli und Tarcis Ançay waren die Sieger der integrierten Schweizer Meisterschaft. Die Chamerin wankte und benötigte nach ihrer persönlichen Bestleistung in 2:37:28 einige Minuten, bis sie wieder klar denken konnte. «Das war hart», sagte sie und nannte ihren grössten Wunsch: «Ruhe, nur Ruhe.» Erwähnenswert ist auch die Silbermedaille von Magali Di Marco-Messmer (40). Die Olympia-Dritte im Triathlon vor elf Jahren lief nach 2:42:56 ein und blieb vier Sekunden unter der WM-Limite. Hinter dem bereits 41-jährigen und vierfachen Meister Ançay aus dem Unterwallis feierten zwei Zürcher Edelmetall: Christian Kreienbühl und Christoph Menzi. Tempomacher gehören zu jedem Marathon. Sie waren in Zürich bestrebt, die auserkorenen Titelanwärter in regelmässigem Rhythmus bis zu bestimmten Marken zu führen und dafür zu sorgen, dass sie weniger dem Gegenwind ausgesetzt werden. Auch ambitionierte Frauen beanspruchten Pacemaker. So lief der Meisterschaftsdritte von 2009, René Hauser, für Patricia Morceli bis Kilometer 36, dann hatte er ein dringenderes Bedürfnis: eine Toilette aufsuchen. Mit Abraham Tandoi hatte sich Viktor Röthlin auf seine letzten Marathon-Rennen vorbereitet – so auch auf London. Einen Startplatz in der englischen Metropole konnte der Schweizer für seinen kenianischen Freund aber nicht erwirken. So lief Tandoi in Zürich mit der Absicht, seine bisherige Bestmarke (2:13:00) zu unterbieten. Mit Platz 3 und 2:10:59 erreichte er das. Allerdings bedeutete diese Leistung nicht das grosse Glück. «Der linke Wettkampfschuh drückte auf die grosse Zehe», beklagte er ein Handicap. 6552 hatten sich für den Zürich Marathon angemeldet. 5913 starteten, 5447 erreichten das Ziel. Allerdings gilt festzuhalten: Ohne die 2572, die in der Staffel in Viererteams mitliefen, zeigte die Teilnehmerstatistik nach unten. Seit letztem Jahr gehört die Marathon-Staffel zum Zürich Marathon und ruft viele Prominente auf den Plan. Im Team von Eiskunstlauf-Europameisterin Sarah Meier, Stéphane Lambiel und Ex-Fussballer Alain Sutter brillierte Radio-Moderator Jonathan Schächter, genannt Jontsch. Er lief auf der letzten Ablösung die 17 km lange Strecke schneller, als die Kollegen den Rückweg mit dem Schiff zurücklegten. Die Folge: Der gemeinsame Zieleinlauf musste für die Fotografen nachgestellt werden. Unterwegs waren auch Politiker: Stadtpräsidentin Corine Mauch, Nationalrätin Hildegard Fässler, Regierungsrat Thomas Heiniger. Knapp drei Minuten nach dem Startkommando begann das Spektakel am Bürkliplatz. Die Ersten tauchten auf. Rasch wurde es zu Alphorn- und Panflötenklängen unübersichtlich: heranziehende, wegbiegende, sich kreuzende Läuferschlangen. Die Streckenposten warengefordert. «In den nächsten 45 Minuten können Sie diesen Ort nicht mehr verlassen», verkündeten sie auf der Traminsel. Zu Recht war der Bürkliplatz Publikumsmagnet: Er wurde sechsmal passiert. Das prächtige Frühlingswetter lockte die Zuschauer in Massen an den Streckenrand. Neben dem Bürkliplatz bildeten das Bellevue und der Wendepunkt in Meilen die Stimmungshochs. «Perfect weather», stellten drei weit hergereiste Teilnehmer fest. Allerdings wurde ihnen je länger, je wärmer. Und für die Perfektionisten wehte ein zu starker Gegenwind. Die Geschichte des Zürich Marathon ist eng mit Bruno Lafranchi verbunden. Sein bewegender Tag begann um 5 Uhr. Er frühstückte im Hotel der Eliteläufer, besuchte die besten Schweizer in deren Unterkunft, unterhielt sich nochmals mit den Tempomachern, fuhr im Auto die Strecke ab und trat am VIP-Apéro auf. Um 8:20 Uhr setzte er sich ins Begleitfahrzeug und verfolgte das Rennen. Das bewegte ihn: «Wenn du nur wenige Meter neben den Besten mitfahren kannst, ihre Gesichtszüge und Körpersprache lesen darfst, ist das unglaublich schön.» «Ein extrem ruhiger Marathon», bilanzierte Rennarzt Martin Narozny. Nur 89 Läufer mussten sich ambulant behandeln lassen. Ein Teilnehmer wurde wegen Herz-Kreislauf-Problemen zur Abklärung ins Spital gebracht. Mit seiner Vorahnung meldete sich Wesley Love (77) am Vorabend beim OK. Er bestreite seinen 200. und letzten Marathon. Weil er bezweifle, in der vorgegebenen Maximalzeit von 5:30 Stunden anzukommen, wurde er 30 Minuten vor dem offiziellen Start auf die Strecke geschickt. Die Rechnung ging auf. Der Amerikaner erreichte das Ziel ziemlich genau um 14 Uhr: entspannt, glücklich. «Es schmerzt fast ein wenig, wenn nun wirklich Schluss sein soll.» Resultate, Seite 41 Die Masse setzt sich in Bewegung, erst viel später nimmt das kollektive Leiden seinen Lauf: Von den 3321 Gestarteten erreichten 3175 nach 42,195 km das Ziel. Fotos: Nicola Pitaro

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