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Der Spick im Netz

Die kleine Geschichte Die Franzosen bangen um ihr nicht ganz leckfreies und heftig unterspültes «Bac». In der allgemeinen Aufregung, unter dem Eindruck des dramatischen Erzählstils in den Medien gewinnt man leicht den Eindruck, dass hier wieder einmal die Zukunft der Republik auf dem Spiel steht. Oder wenigstens eine ihrer liebsten Institutionen: das Baccalauréat, die Matura der Franzosen, alljährliches Ritual und öffentlich begangene Hysterie. Das «Bac» wird gerade arg geprüft. Und das kam so: Am vergangenen Montag, 21.18 Uhr (historische Ereignisse wollen nun mal genau datiert sein), schaltete ein Internetnutzer mit dem Pseudonym «Chaldeen» eine recht nützliche Information auf die Homepage eines beliebten Diskussionsforums für Videospiele. Er kündigte den 165 000 Prüflingen des «Bac?S», der Wissenschaftssparte, eine von vier Fragen des Mathematikexamens vom nächsten Tag an. «Wenn ihr es nicht glaubt, schaut euch diesen Link an», schrieb er dazu. Der Link führte auf ein Foto, auf der eine Prüfungsaufgabe abgebildet war: jene zur Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wert: 4 Punkte von insgesamt 20.Nun, die Skepsis war wohl dennoch gross. Oft stellen sich solche Zuspiele aus der Untiefe dubioser Prüfungshelfer als gefälscht heraus. Diesmal nicht. Das Foto entstand irgendwo an der Schnittstelle zwischen dem Bildungsministerium, der Druckerei und der Poststelle, die die Fotokopien zu Zehntausenden ins ganze Land versandte. Kaum war das Examen vorbei, stand in den Diskussionsforen allenthalben: «Scheisse, er hatte recht.» Bildungsminister Luc Chatel trat schnell und mit ernster Mine vor die Presse und beschied, dass das Examen zwar nicht wiederholt, doch die inkriminierte Aufgabe aus der Wertung genommen würde. Das wiederum brachte all jene Schüler (und deren nicht minder echauffierte Eltern sowie eine Reihe von Gewerkschaften von Gymnasiasten) gegen den Minister auf, die die Aufgabe ohne ungebührliche Hilfe aus dem Netz gelöst hatten und sich um die Früchte ihrer Anstrengung betrogen fühlten. 15 000 haben eine Petition unterschrieben. Nun gelangt die Affäre vor ein Verwaltungsgericht. «Chaldeen» wurde verhaftet. Die Polizei fand ihn recht einfach: über seine IP-Adresse. Der junge Informatiker, 25, aus Paris, sagt, er habe aus «Nächstenliebe» gehandelt. Er habe sein «Bac» ja schon und habe es anderen leicht machen wollen. Sein jüngerer Bruder, ein Informatikstudent, sass am Freitag ebenfalls in Untersuchungshaft. Und ein Freund der beiden, der Fotograf der Prüfungsaufgabe, stellte sich freiwillig. Eine Freundin der dreien erzählte am Radio, ein Angestellter der «Imprimerie nationale», der staatlichen Druckerei, habe ihren Bekannten in der Mittagspause an seinen Arbeitsplatz mitgenommen. Und dort habe der dann das oberste Blatt der Examen fotografiert. In aller Eile und nicht sehr scharf. Den drei jungen Männern drohen Haftstrafen von drei Jahren und eine Geldbusse. Doch schlimmer noch: Frankreich ist plötzlich gehalten, sich über die Sicherheit und den Wert ihres guten alten «Bac» Gedanken zu machen. Die Zeitungen haben schon damit begonnen. So wird zum Beispiel moniert, dass mittlerweile 85 Prozent aller Kandidaten die Reifeprüfung bestünden, was nicht unbedingt einen probaten Rückschluss auf die gewachsene Qualität von Unterricht und Unterrichtsbesuchern an den französischen Mittelschulen gibt, sondern eher über eine Rabattisierung des «Bac». Im Zeitalter von gescheiten Telefonapparaten, sogenannten Smartphones, und von Internet ist auch die Prüfungskontrolle komplexer geworden – gerade für ein Kontrollpersonal, das nur mit Mühe dem technischen Fortschritt folgt. Jedenfalls viel mühseliger als die jungen Prüflinge. Spicken ist noch einfacher geworden. Eine Pinkelpause öffnet die Welt – alle Welten, in jeder Sparte, zu jedem Thema: Tangenten, Hypotenusen, Probabilitäten. Oder zu Geschichte, Geografie, Biologie, Chemie, Physik. Und pinkeln ist menschlich. Spicken auch, war es immer schon. Oliver Meiler Kaum war das Examen durch, stand in den Foren: «Merde, er hatte recht.» Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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