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Der tägliche Blick auf den Tod

Die Hans Gerber AG in Lindau feiert dieses Wochenende ihr 50-jähriges Bestehen und gibt einen Einblick in Sargfabrikation und Bestattungsdienst.

Von Marc Ulrich Lindau – Dröhnender Lärm hallt durch die Werkstatt der Hans Gerber AG. Penetranter Holz- und Lackgeruch liegt in der Luft, Späne fliegen neben der Säge auf den Boden. Die Schreiner fräsen und schleifen die einzelnen Holzteile nach Mass. Rahmen werden geleimt und fixiert. Zwei vollautomatische Roboter bauen aus den Einzelteilen die standardisierten Särge. Alles wirkt wie aus einem Guss – jeder Handgriff der Schreiner und jede Bewegung der Roboter sitzt. Traditioneller Familienbetrieb In derselben Schreinerei, nur mit weniger finanziellen Mitteln, montierte Hans Gerber senior vor 51 Jahren seinen ersten Tannenholzsarg. «Die Arbeit der Roboter habe ich damals selbst erledigt», sagt er stolz. Gerber sen. erblickte 1932 in Lindau das Licht der Welt, machte eine Ausbildung als Wagner und schlug sich lange Zeit mit verschiedenen Jobs durch. 1958 suchte die Gemeinde Lindau einen neuen Sargschreiner. Zur damaligen Zeit hatte fast jedes Dorf einen eigenen solchen Fachmann, der die Särge baute und das Einsargen der Toten übernahm. Gerber sen. nahm das Angebot der Gemeinde an und fertigte 1959 im Haus seiner Eltern, das sich hinter der Kirche in Lindau befindet, die ersten Särge an. «Für die Leichentransporte waren damals die lokalen Bauern zuständig, die mit Ross und Wagen die Leichen transportierten», erzählt Gerber sen. von den Anfängen. Nach der Gründung der Einzelfirma im Jahr 1960 fand Gerber sen. schnell weitere Abnehmer und entschloss sich, Särge in grösserer Zahl zu bauen. 1962 wurde er Sarglieferant des Kantonsspitals Zürich (heute Universitätsspital), und diese Partnerschaft etablierte ihn landesweit als Sargfabrikanten. Gerber sen. und seine Frau Erika haben acht Kinder, die als Kinder im Betrieb aushalfen und es mehrheitlich auch heute noch tun. Der älteste Sohn, Hans Gerber jun., machte eine Lehre als Möbelschreiner und verbrachte einige Gesellenjahre in Kanada, ehe er 1981 ins Unternehmen einstieg. 1992 übernahm er schliesslich die Leitung der heutigen Aktiengesellschaft. Er erinnert sich schmunzelnd an seine Kindheit: «Wir benutzten die Werkstatt des Vaters oft, um Versteckis zu spielen. Für uns war sie ein grosser Spielplatz.» Begräbnisse kamen dazu Heute ist die Werkstatt kein Spielplatz mehr, sondern eine Schreinerei, die 30 Angestellte beschäftigt und pro Jahr rund 16?000 Särge herstellt. Dies entspricht einem gesamtschweizerischen Anteil von etwa 25 Prozent. Die Produktpalette beinhaltet sieben standardisierte Sargmodelle, die in verschiedenen Ausführungen erhältlich sind. Von einfachen Gemeindesärgen über Lufttransport- und Luxussärgen bis hin zu jüdischen Kultussärgen und Kindersärgen. Im Kanton Zürich bevorzuge man ein eher schlichtes Design, sagt Gerber jun. «Es herrscht eine nüchterne und einfache Bestattungskultur. Die Preise variieren dabei pro Sarg zwischen 350 und 3000 Franken.» Die Hans Gerber AG widmet sich neben der Sargfabrikation auch einem sensiblen Teil des täglichen Lebens – dem Tod und der anschliessenden Bestattung. Hans Gerber sen. begann 1966 mit der Bestattung. «Die alten Bestattungswagen waren schrecklich und gaben schnell den Geist auf. Die ersten Särge transportierten wir auf dem Dach unseres Personenwagens», erinnert er sich. Heute verfügt das Unternehmen über vier dezente, schwarze Leichenwagen. Zur Dienstleistung gehören auch Leichentransporte in ganz Europa. «Wir sind keine Seelsorger» Ein erfahrenes Team aus Bestattern und Schreinern sorgt Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, für einen kompetenten Service. Gerber jun. sagt, dass die Arbeit körperlich und seelisch anspruchsvoll sei. «Oft wird man mitten in der Nacht an eine Unfallstelle gerufen, um die Toten zu bestatten.» Die Distanz zu solchen Geschehnissen zu wahren, falle oft schwer, gehöre aber zum Beruf. «Wir sind keine Seelsorger für die Hinterbliebenen, aber wir können sicherstellen, dass den Toten ein angemessener Abschied gewährt wird.» Die Kompetenz, die sich die Lindauer Firma in fünf Jahrzehnten angeeignet hat, soll auch in Zukunft einen würdigen Umgang mit den Leichnamen garantieren. Aus diesem Grund agiert das Unternehmen mit Traditionsbewusstsein – ohne dabei das Zeitgenössische zu vernachlässigen. So verwende man beispielsweise Blumen in der offiziellen Produktebroschüre, um einen Kontrapunkt zur Schwere des Todes zu setzen, sagt Hans Gerber jun. «Denn sie trösten und erfreuen uns auch in Zeiten der Trauer.»

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