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Der Uneinsichtige

Mehr als an den Flops seiner Behörde dürfte Erwin Beyeler an seinem Wesen gescheitert sein. Der abgewählte Bundesanwalt gilt als unfassbar. Und es fällt ihm schwer, Fehler einzuräumen. Von Hannes Nussbaumer

Es ist ein Leichtes, Argumente zu finden, die gegen Erwin Beyeler sprechen. Die Bundesanwaltschaft, die der Schaffhauser seit 2007 führt und repräsentiert, hat in der jüngeren Vergangenheit vor allem Flops produziert: Der Bankier Oskar Holenweger, ursprünglich beschuldigt, für Drogenkartelle Geld gewaschen zu haben, wurde rundum freigesprochen. Gleich erging es 2008 den Crossair-Chefs, die wegen des Flugzeugabsturzes in Bassersdorf vor Gericht standen. In beiden Fällen wurde die Arbeit der Bundesanwaltschaft breit kritisiert. Auch andere Verfahren kratzten am Ruf der Behörde: Der Hells-Angels-Fall schrumpfte vom Elefanten zur Maus. Vom Anfangsverdacht der organisierten Kriminalität blieb nichts übrig. Im Fall Tamil Tigers besteht ebenfalls der Verdacht, die Bundesermittler seien von einem Falschverdacht, nämlich vom Verdacht des Drogenhandels, ausgegangen.Gewiss haben diese Fälle Beyelers Image belastet. Und doch ist anzunehmen: Es sind nicht die Misserfolge allein, die dem obersten Ankläger zum Verhängnis geworden sind. Das wäre auch unfair, weil die Mehrzahl der Flops – die Fälle Holenweger, Crossair und Hells Angels – Erbstücke aus der Ära von Vorgänger Valentin Roschacher sind. Beyeler dürfte in Ungnade gefallen sein, weil zur zwiespältigen Bilanz der Behörde die eigenwillige Persönlichkeit des Chefs hinzugekommen ist. Bundesanwalt Beyeler ist nicht nur, aber auch an seinem Wesen gescheitert. Immer auf der Hut Wer also ist Erwin Beyeler? Gute Frage entgegnen jene, die ihn kennen und eigentlich eine Ahnung vom Wesen des 59-Jährigen haben müssten. Einhellig sagen sie: Der Bundesanwalt ist schwer zu fassen. Dieser Eindruck bestätigt sich, als Beyeler vor vier Monaten den «Tages-Anzeiger» zu zwei längeren Gesprächen empfängt. Der Mann im Prachtbüro mit Panoramablick auf die Berner Alpen wirkt wie ein verängstigtes Tier. Ein Mann auf der Hut, alle Sinne in Alarmbereitschaft, stets bereit, eine potenzielle Gefahr abzuwehren. Entsprechend ungehalten reagiert er, wenn er tatsächlich eine Gefahr wittert. Das heisst: Wenn er sich ungerecht wahrgenommen fühlt. Hält man ihm vor, er habe den Fall Holenweger zum Prestigefall stilisiert, wird er heftig. Nicht er, sondern die Medien mit ihrem Schwarz-Weiss-Weltbild hätten dies getan.Beyeler fühlt sich verfolgt – von den Medien und überhaupt von allen, die kritisch über ihn reden. Erwin Beyeler, ein Opfer? Gewiss gab es ungerechte, übertriebene Angriffe. Umgekehrt ist Beyelers Negativimage aber auch so etwas wie die Retourkutsche für sein eigenes Verhalten. Beyeler war in einem geradezu unbedarften Ausmass redselig, als er 2007 in der Bundesanwaltschaft begann. Der Chefankläger, der zuvor Chefstaatsanwalt im Kanton St. Gallen war und noch früher Leiter der Bundeskriminalpolizei, äusserte sich unbekümmert, übte Kritik, auch wenn sie unpassend war. So nahm er 2008 vor der Finanzkommission die Richter am Bundesstrafgericht ins Visier – und musste sich danach entschuldigen. Eine cholerische Seite Der Bundesanwalt schuf sich so keine Freunde. Vielmehr musste er feststellen, dass er mit seiner Art für Irritation sorgte. Er begann sich zurückzuhalten und wurde gleichzeitig den Medien gegenüber immer misstrauischer. Dem TA sagte er dazu: «Seit ich von den Medien aufs Korn genommen werde, bin ich viel vorsichtiger.» Wäre die Unbedarftheit Beyelers einzige Schwäche, hätte man vielleicht darüber hinwegsehen oder sie als naiv-sympathische Schrulligkeit entschuldigen können. Fatalerweise kommen bei ihm aber Charaktereigenschaften hinzu, die weder naiv noch sympathisch sind. Wie ein ständiger Begleiter zieht sich durch Beyelers Laufbahn seine cholerische Seite. Schon in Schaffhausen, wo er in den 90er-Jahren die Polizei geführt hatte, kam es zu Wutausbrüchen. In St. Gallen sind die Ausbrüche das, was Ex-Kollegen als Erstes erwähnen, wenn man sie zu Beyeler befragt. Im TA-Gespräch sagte Beyeler dazu: «Dieses Problem hat sich mit dem Alter entschärft. Ich reisse mich zusammen. Ich konzentriere mich.» Tatsächlich soll Beyeler seltener aufbrausen, seit er die Bundesanwaltschaft leitet. Seltener, aber nicht nie.Redselig, misstrauisch, cholerisch und dann auch wieder überfreundlich: Erwin Beyeler ist ein Mann mit vielen, teilweise widersprüchlichen Gesichtern. Ein Mann, der auch Bekannten immer wieder rätselhaft erscheint. Und offenbar ebenso für viele Parlamentarier unfassbar geblieben ist.Beyeler trat 2007 einen schwierigen Job an. Nach dem turbulenten Abgang von Valentin Roschacher musste er die Behörde beruhigen und reorganisieren. Wie schon in St. Gallen, wo er die Staatsanwaltschaft umgebaut hatte, erwies er sich als fähiger Manager. Doch letztlich schaffte er es nicht, einen wirklichen Neuanfang zu machen. Er blieb den Beweis schuldig, der richtige Mann an der Spitze einer so besonderen Einrichtung zu sein, wie das eine Anklagebehörde ist. Sein eigenwilliges, im Zwischenmenschlichen nicht einfaches Wesen, war ihm gewiss keine Hilfe. «Er ist uneinsichtig» Vor allem aber schadete Beyeler sein Unvermögen, Fehler einzuräumen. Natürlich fällt vieles, was schiefgelaufen ist, nicht in seine direkte Verantwortung. Es ist nicht seine Schuld, dass das Holenweger- und das Hells-Angels-Verfahren über sieben Jahre gedauert haben. Doch Beyeler hätte mit einer Entschuldigung für viel Goodwill Sorgen können. Wäre er hingestanden und hätte Fehler eingestanden: Er wäre wohl gestern wieder gewählt worden. Doch Beyeler stand nicht hin. Und muss sich nun vom Zürcher Rechtsanwalt Valentin Landmann sagen lassen: «Bei einem Straftäter sagt man in solchen Fällen: Er ist uneinsichtig.»

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