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Der verstrahlte Mythos

Bröckelndes TabuFrankreich identifiziert sich seit Charles de Gaulle auch über seine Atommacht.Von Oliver Meiler, Marseille In Frankreich wankt eine Welt – ein mentales Universum, wie es ein politischer Kommentator nannte. Unter dem Eindruck der dramatischen Bilder aus Japan stellen sich die Franzosen die Frage nach ihrem so lange verklärten und zum nationalen Stolz erhobenen Verhältnis zur Atomkraft, zu dieser offensichtlich übermenschlich und übernatürlich starken Wucht nuklearer Energie. Nicht alle stellen sich der Frage, freilich. Die Politiker halten dagegen, fast alle – ausser den Grünen. «Le choix du nucléaire», dieser strategische und historische Entscheid für die Atomkraft, der auf Charles de Gaulle zurückgeht, galt bisher als sakrosankt, als tabu, als absolut unverhandelbar. Vom Front national ganz rechts bis zu den Kommunisten ganz links, über die Gaullisten und die Sozialisten. Die Grünen wurden immer belächelt, wenn sie warnten. Nun hört man ihnen plötzlich zu, ein bisschen wenigstens. Ungern, aber zwangsläufig. Fast total nuklear Kein Land der Welt hat sich dezidierter und euphorischer für die Atomkraft entschieden als Frankreich. Keines bezieht mehr Strom aus der Produktion seiner Kernkraftwerke, den 19 Zentralen mit 58 Reaktoren. 76,2 Prozent des gesamten französischen Strombedarfs wird mit Atomstrom gedeckt. Man muss sich den Anteil anderer grosser Länder ansehen, um sich der Bedeutung so richtig bewusst zu werden: In den USA beträgt die Quote 19,4 Prozent, in Deutschland 22,9, in Japan 27,8 und in China 2 Prozent. Die Franzosen sind gewissermassen die Weltmeister der Atomkraft. Ihre Nuklearphysiker gehören zu den besten; ihre Technologie setzt Massstäbe; ihre Produkte werden in der ganzen Welt gekauft; das staatliche Energieunternehmen Electricité de France, kurz EDF, ist ein Global Player. Das alles befeuerte immer schon den Nationalstolz der Franzosen. Es war der Stolz auf die industrielle Schaffenskraft – ähnlich wie beim Schnellzug TGV und bei der Ariane-Rakete. Der Impuls des Generals Doch es ist nicht nur das. Auch das politische Selbstverständnis Frankreichs, die Wahrnehmung der eigenen Rolle in der Welt, leitet sich zu einem schönen Teil von der Nutzung nuklearer Energie und Sprengkraft ab. Seit 1945. Seit General de Gaulle das Commissariat à l’énergie atomique ins Leben rief. Damals war das visionär, modern, fortschrittlich. De Gaulle legte die Basis für den nuklearen Aufstieg, gab den Eliteuniversitäten den Impuls zur Ausbildung kompetenter Technokraten und Wissenschafter. Und die sollten sich ab 1958, mitten im Kalten Krieg und zum Auftakt der V. Republik, auch um die militärische Nutzung dieser teuflisch potenten Energie kümmern – zur Bildung der ebenso mythischen «Force de frappe»: Frankreichs nuklearer Schlagkraft. Sie diente offiziell nur zur Abschreckung. Doch so hörte sie sich nicht an. Und das war den Franzosen ganz recht so, zumal sie 1966 die Nato verliessen: Als Atomstreitmacht gehörte Frankreich zu den geopolitischen Granden des Planeten. Als Jacques Chirac 1995, kaum war er Präsident, unangekündigt ein mehrjähriges Moratorium beendete und auf dem unbewohnten Atoll Mururoa im Südpazifik mit einer unterirdischen Explosion eine Testserie startete, sorgte das in der Welt für massive Proteste, für Strassendemos und Boykottappelle gegen Champagner und Foie gras. In Frankreich aber demonstrierten nur die Grünen. Der damalige Chef der Kommunisten, Georges Marchais, bedauerte einzig, dass das viele Geld für die Tests hätte besser angelegt werden können. Mehr nicht. Die Machtdemonstration auf der fernen Insel festigte das alte, geliebte Selbstbild einer starken Nation. Die falsche Empörung Als nun nach dem Tsunami von Fukushima die Grünen eine Debatte zu den Risiken und zur Zukunft der Kernkraft forderten, mutete das zunächst wie ein Sakrileg an, wie ein Tabubruch. Und obschon in anderen Ländern Europas auch linke und bürgerliche Politiker zu zweifeln begannen, konterte das französische Regierungslager mit denkwürdiger Schärfe, sichtlich besorgt um das Fortleben des Mythos: Der Premierminister gab sich gar «ernsthaft empört». Der Staatspräsident sagte, er verstehe die Sorge der Franzosen nicht, der französische Nuklearpark sei schliesslich der sicherste, die französische Technologie die beste und teuerste der Welt. Der Industrieminister tourte durch die Fernsehstudios und rechnete den Franzosen vor, wie dramatisch viel höher ihre Stromrechnung ausfiele, wenn Frankreich aus der Atomkraft aussteigen sollte. Eine wahre Offenbarung aber war das Votum von François Baroin, dem Sprecher der Regierung: «Hören wir doch auf mit diesem Geschwätz», sagte er, «alle Regierungen der letzten vierzig Jahre haben diese Nuklearpolitik gestützt.» Genau darum geht es: Das Unverrückbare wird gerade verrückt, der Mythos aus Sicherheit und Macht wankt – und mit ihm ein gewisses Pariser Selbstverständnis. Nach Fukushima ist selbst in Frankreich nichts mehr wie davor. Auch wenn sich die alte Lobby aus Politik, Wissenschaft und Industrie noch dagegenstemmt. Atomtest auf dem Atoll Mururoa, 1970. Nach einem Moratorium nahm Jacques Chirac die Tests 1995 wieder auf.Foto: AP, Keystone

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