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Die Erinnerung an den tödlichen Unfall ist die grösste Strafe

Ein 64-jähriger Schweizer wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt. Er hatte in Zumikon ein Ehepaar auf dem Zebrastreifen angefahren. Der Mann starb, die Frau wurde schwer verletzt.

Von Thomas Hasler Zumikon/Meilen – Selten haben sich so viele Medienvertreter für eine Gerichtsverhandlung interessiert, bei der es um einen Verkehrsunfall mit tödlichen Folgen ging. Doch die auffällig vielen Unfälle auf Fussgängerstreifen in den letzten Wochen mit schweren und schwersten Auswirkungen, haben nicht nur Fragen zur Sicherheit am Zebrastreifen aufgeworfen. Sie haben offenbar auch das Interesse an der gerichtlichen Aufarbeitung solcher Vorfälle geweckt. Der Fall, den das Bezirksgericht Meilen gestern Montag beurteilte, hatte sich im Juni 2010 in Zumikon auf Höhe der Dorfstrasse 60 ereignet – laut Anklage «bei besten Witterungs-, Sicht-, Verkehrs- und Strassenverhältnissen». Der 64-jährige Lenker, nach einem 1991 erlittenen Hirnschlag IV-Rentner, fuhr um 16.15 Uhr mit den erlaubten 50 km/h in Richtung Zollikerberg. Vor ihm war ein anderes Auto, das kurz vor dem Fussgängerstreifen nach links abbog. «Schreckliche Auswirkungen» Der 64-Jährige schaute dem abbiegenden Auto einen Augenblick nach. Der kurze Moment, den er dafür benötigte, war zu lang. Er erkannte zu spät, dass ein Ehepaar, beide 31-jährig, den Zebrastreifen überquerte. Ungebremst kollidierte er mit dem Paar. Der Mann erlag noch am gleichen Abend im Spital seinen schweren Verletzungen. Seine Ehefrau erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Wie es ihr heute geht, wollte ihr Anwalt am Montag nicht sagen. «Mich würde so ein Ereignis für den Rest meines Lebens verfolgen», sagte die Gerichtsvorsitzende. Dem konnte der 64-Jährige nur zustimmen. Er denke noch sehr viel an den Unfall. Zudem hat der IV-Rentner, der vor dem Hirnschlag als Monteur Tausende von Kilometern quer durch die ganze Schweiz unfallfrei gefahren war und auch den Führerausweis für Sattelschlepper und Motorräder besass, «geschworen, sich nie mehr hinter das Steuer eines Autos zu setzen», wie er sagte. Sein Verteidiger sprach von «schrecklichen Auswirkungen», die der Unfall für das junge Paar hatte. Hier knüpfte auch die Einzelrichterin an. Sie räumte ein, dass es schwierig sei, in einem solchen Fall die angemessene Strafe zu finden. «Trotz grossem Leid» müsse beachtet werden, dass es ein Unfall war, «der zwar nicht passieren darf, der aber – wir wissen es – doch immer wieder passiert». Die Folgen der Unachtsamkeit seien nicht wiedergutzumachen, «egal mit welcher Strafe». Die Erinnerung daran sei ohnehin die grössere Strafe, als es die Gerichtsstrafe sein könne. Handschlag mit den Eltern Die Richterin folgte dem Staatsanwalt und verhängte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten. Der Verteidiger hatte keinen konkreten Antrag gestellt, aber um eine milde Freiheitsstrafe gebeten. Dem 64-Jährigen, der in einem Personalzimmer ohne Küche und Bad ein laut Verteidiger «einsames und karges Leben» führt, wurden die Gerichts- und Untersuchungskosten erlassen. Welche Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche auf ihn noch zukommen, wird erst in einem späteren Zivilverfahren geklärt. «Es tut mir schrecklich leid», sagte der Mann zum Schluss der Verhandlung. Den Mut, sich bei den Eltern des getöteten Mannes zu melden, hat er bisher nicht aufgebracht. Es waren die Eltern, die ihm bei der Schlusseinvernahme bei der Staatsanwaltschaft zum Abschied die Hand reichten. Blumen erinnerten im Juni 2010 an den schweren Unfall am Fussgängerstreifen in der Dorfstrasse in Zumikon. Foto: Frank Speidel

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